KAPITEL 1
Tiefe, zerreißende Schmerz durchfuhr seinen Körper wie ein glühendes Messer, das tief in seine Seele stach. Ein Stöhnen entrang sich seiner Kehle – ein kläglicher Laut, verloren im grauen Nebel, der sein Bewusstsein erfüllte. Jeder Versuch, sich zu bewegen, schürte das Feuer der Qual nur noch heftiger. Seine Lider zuckten, beschwert von bleiernen Vorhängen, bevor sie sich öffneten. Nebel. Dicht, undurchdringlich und grau, umhüllte er ihn wie ein Leichentuch und erstickte seine Sinne. In seinem Mund spürte er den Geschmack von Erde, Fäulnis und etwas Bitterem – den Geschmack des Vergessens.
Er lag auf feuchtem, kaltem Boden, bedeckt von einem klebrigen Teppich aus vermodernden Blättern. Die Kälte kroch in seine Haut, drang tief in seine Knochen und versuchte, ihm die letzte Wärme zu rauben, trotz der kläglichen Reste der Kleidung, die er trug. Seide und Spitze, einst elegant, jetzt zerrissen und besudelt vom Schmutz der Vergessenheit. Irgendetwas... etwas Entsetzliches stimmte nicht.
„Wer bin ich?“
Der Name tauchte aus den Tiefen seines Bewusstseins auf wie eine ferne Erinnerung an ein längst vergangenes Leben. Lucius. Doch nach dem Namen – nichts. Leere. Keine Erinnerungen, keine Gesichter, keine vertrauten Orte. Nur der Name, nur der Schmerz und die kalte Angst, völlig allein zu sein.
Der Schmerz und die Verwirrung zwangen ihn, sich mühsam aufzurichten. Seine Muskeln rebellierten, jede Bewegung war eine Qual. Dieser Körper... war nicht seiner. Zu jung, er fühlte sich, als trage er fremde Haut. Der Körper eines Jünglings, doch sein Geist trug die Last von etwas Uraltem und Mächtigem. Seine Finger zitterten, als er über ein abgemagertes Schulterblatt strich, ein fremdes Gesicht mit glatter Haut berührte. Der Körper eines Knaben, doch in seinem Kopf hallten Erinnerungen an Macht und Größe nach.
Er blickte sich um. Riesige Bäume ragten empor, verdeckten die Sonne, Wächter dieses Gefängnisses. Der Wald war dicht und dunkel, die Luft feucht und schwer, erfüllt von einer undeutlichen Warnung. Stille dröhnte in seinen Ohren, nur unterbrochen von seinem eigenen keuchenden Atem.
Verwirrt und desorientiert klammerte sich Lucius an seinen letzten Hoffnungsschimmer – die Erinnerungen. Er versuchte, sich zu erinnern, was geschehen war, einen Faden zu finden, der ihn aus diesem Albtraum führen würde. Doch in seinem Kopf gähnte Leere. Nichts. Nur Schmerz und Entsetzen.
„Wo bin ich?“, flüsterte er, doch seine Stimme klang fremd, wie die eines verängstigten Kindes, zart und zitternd.
Er sah sich erneut um, verzweifelt nach etwas Vertrautem suchend, das ihm helfen würde, sich in dieser Realität zurechtzufinden. Doch alles war fremd und unheilvoll.
Langsam hob er eine Hand und betrachtete sie. Jung, mit langen, schlanken Fingern – die Hand eines Musikers oder Schriftstellers, nicht eines Kriegers. War sie seine? Zweifel durchfuhr ihn. Es war nicht seine Hand. Nicht sein Körper. Doch tief in sich wusste er – einst hatte er Armeen befehligt, das Schicksal von Welten in seinen Händen gehalten. Und jetzt war er nur ein hilfloser Junge.
Wie...?
Panik überkam ihn. Verloren, allein und hilflos in diesem unheimlichen Wald, wusste er nicht mehr, wer er war. Das Schlimmste war, dass er tief in sich spürte – die Wahrheit könnte schrecklicher sein als das Nichtwissen. In seiner Brust stieg ein Gefühl unbeschreiblicher Schuld auf, eine Last, die drohte, ihn zu erdrücken.
Er wirbelte herum, versuchte, sein wild schlagendes Herz zu bändigen. Erneut musterte er den Wald. Bäume. Nur Bäume. Feuchte, verrottende Bäume, die ihn umringten wie stumme Zeugen eines ungewissen Schicksals. Ihre Rinden rissig und dunkel wie das Haar alter Männer, die Geschichten flüsterten, die er nicht verstand.
Sein Blick fiel auf die zerrissenen Kleider. Etwas daran kam ihm... bekannt vor? Eine kaum greifbare Erinnerung glitt durch sein Bewusstsein. Die zarte Stickerei, die eleganten Nähte – Gewänder eines Adligen, nicht eines einfachen Mannes. Er erspähte einen goldenen Schimmer, im Schlamm neben seinem Körper. Vorsichtig hob er ihn auf, seine Finger zitterten. Ein kleines Stoffstück mit feiner Stickerei eines Symbols – eine goldene Flamme, umhüllt von Mondlicht. Ein Symbol der Macht, der Zugehörigkeit zu etwas Größerem als er selbst.
Er versuchte sich zu erinnern, woher dieses Gewand stammte, wie es zu ihm gekommen war. Seine tastenden Finger befuhren die feinen Nähte, suchten Antworten in der Berührung. Doch in seinem Kopf blieb nur Leere. Nichts. Nur Schmerz und Verwirrung. Jemand oder etwas hatte sein Gedächtnis ausgelöscht, ihn zurückgelassen wie ein unbeschriebenes Blatt.
Dann, mit plötzlicher Klarheit, kehrte sein Blick zu seinen Händen zurück. Junge, schwache Hände. Eine Erinnerung blitzte auf – andere Hände, stark, erfahren, von Schlachten gezeichnet. Hände, die Feuer und Macht gehalten hatten, Hände, die erschaffen und zerstört hatten. Und diese gehörten einem Jüngling. Unerfahren. Machtlos. Hände, die nie ein Schwert gehalten, nie Kräfte jenseits sterblichen Verständnisses beschworen hatten.
Er ballte sie zu Fäusten, versuchte, hinter der flüchtigen Erinnerung zu blicken. Wieder nichts. Nur Schmerz und Leere.
Das bin nicht ich. Er richtete sich abrupt auf.
Sofort spürte er die Schwäche in seinen Knien und kämpfte darum, nicht zu fallen. Unmissverständlich – dieser Körper war nicht seiner. Er war fremd und unbequem wie ein Gewand, das für einen anderen geschneidert war. Wo war er? Wie war er hierher gekommen? Und vor allem – wer war er wirklich?
Der Schmerz in seinem Kopf verstärkte sich. Er setzte sich auf einen umgestürzten Baumstamm, bedeckt mit Moos, das nasse Flecken auf seinen zerrissenen Gewändern hinterließ. Er schloss die Augen und versuchte, sich zu konzentrieren. Er sah Blitze. Verstreute Bilder. Eine Burg, die über den Wolken thronte, Gärten mit singenden Blumen, Gesichter, erfüllt von Angst und Liebe. Das Bild einer Frau mit sternengleichen Augen, die ihm die Hände entgegenstreckte. Doch alles war undeutlich, flüchtig, wie Träume, die der Morgenwind davonträgt.
Er öffnete die Augen. Nichts. Nur der Wald. Düster und bedrohlich. Und doch spürte er hinter der Stille ein Flüstern – Geheimnisse, gehüllt in Nebel.
Der Wald schwieg. Kein Laut, außer dem Rascheln der Blätter und dem fernen Krächzen eines Raben. Lucius versuchte, sich an etwas zu erinnern. Wie war er hierher gekommen? Was hatte er zuvor getan? Warum fühlte sich dieser Name – sein Name – wie ein Fluch auf seiner Zunge an?
Lucius...
Der Name klang vertraut. Tausendmal war er mit Ehrfurcht ausgesprochen worden. Doch von wem? In wessen Stimme? Und warum löste er dumpfen Schmerz in seiner Brust aus, als sei dort etwas zerbrochen? Jedes Mal, wenn er den Namen aussprach, fühlte er eine Last in seiner Brust, als trage er eine Verantwortung, an die er sich nicht erinnern konnte.
Er versuchte erneut, sich zu konzentrieren. Angespannt starrte er einen nahen Baum an, als könnte er die Antworten aus seiner Rinde reißen. Er sah Burgen, Gärten, Menschen, lachend und weinend. Doch die Bilder verschwammen, entglitten den Fingern seines Bewusstseins wie Sand.
Panik ergriff ihn. Sein Herzschlag beschleunigte sich, sein Atem wurde flach und hektisch. Diese Angst war neu, unbekannt. Er kannte sie – einst war er stark gewesen, selbstsicher. Doch jetzt... jetzt war er nur ein verlorener Junge im Wald. Verletzlich und schwach.
Ich bin Lucius... wer bin ich wirklich?
Die Erkenntnis seiner Verletzlichkeit durchfuhr ihn. Er, Lucius, war hilflos. Doch die Wahrheit war da – kalt und entsetzlich. Er war allein, verängstigt und ohne Erinnerung. Das Gefühl des Verlustes würgte ihn, schwerer als der physische Schmerz.
Der Überlebensinstinkt erwachte. Er musste hier weg. Er musste herausfinden, wer er war. Er musste zurückbekommen, was er verloren hatte, selbst wenn er nicht wusste, was es genau war.
Mit Mühe rappelte er sich auf. Sein Körper zitterte, doch er machte einen schwankenden Schritt. Dann noch einen. Langsam und unsicher bahnte er sich seinen Weg vorwärts durch den dichten Wald. Der jugendliche Körper versagte, ungewohnt zu Schmerz und Entbehrung, doch in seinem Geist erhob sich Wut – ein urtümlicher Instinkt, um jeden Preis zu überleben.
Er ging weiter, getrieben von der Notwendigkeit. Er würde nicht hier bleiben und sterben. Er würde die Antworten finden, selbst wenn sie ihn zerstörten. Selbst wenn sich herausstellte, dass er ein Zerstörer war.
Äste schlugen ihm ins Gesicht, Dornen ritzten durch seine zerrissenen Gewänder die bloße Haut, hinterließen dünne blutige Spuren. Jede Bewegung verursachte Schmerz, doch er ging weiter, verdrängte ihn. Jeder Schritt war ein kleiner Sieg, jeder Atemzug ein Triumph über die Verzweiflung.
Vergebens versuchte er, die Richtung zu bestimmen. Die dichte Vegetation desorientierte ihn. Es gab keine Sonne, keinen Wind, nur Bäume. Endlose Reihen von Bäumen, verschlungen von Finsternis und Ungewissheit.
Wohin?, fragte er sich, fand aber keine Antwort. Es ist egal. Ich muss einfach weitergehen.
Vorwärts, getrieben allein vom Instinkt. Er stolperte über Wurzeln und herabgefallene Äste. Das verrottende Laub unter seinen Füßen gab Geräusche von sich, die an den Tod erinnerten – feucht und schwer, als träte er auf das Fleisch von Menschen, die längst Teil der Erde geworden waren. Er fühlte sich wie ein Gefangener in einem braun-grauen Labyrinth.
Minuten vergingen, vielleicht Stunden. Das einzige, was zählte, war weiterzugehen. Nicht anzuhalten. Nicht aufzugeben. Jenem Instinkt nach Macht und Größe zu folgen, der in ihm glomm.
Die Erschöpfung begann ihn einzuholen, aber er durfte nicht stoppen. Er musste jemanden finden, irgendetwas. Verstehen, was hier geschah. Sich das zurückholen, was er einst besessen hatte.
Je weiter er ging, desto mehr verirrte er sich. Der Wald wurde immer dunkler. Die Schatten verlängerten sich, nahmen bedrohliche Formen an. Die Bäume verflochten sich zu seltsamen Gebilden, die an verdrehte menschliche Silhouetten erinnerten, erstarrt in einem Tanz der Agonie. Er hörte merkwürdige Geräusche – leise Schritte, ferne Schreie. Klänge, die nicht zu einer normalen Welt gehörten.
Was war das? Tiere? Oder etwas Schlimmeres?
Ein Kältehauch strich ihm über den Rücken. Er war allein. Und der Wald beobachtete ihn. Die kalten Augen uralter Bäume durchdrangen die Dunkelheit. Er spürte ihren Blick, schwer und anklagend. Welches Verbrechen hatte er begangen, dass selbst die Natur ihn richtete?
Sein Umherirren vertiefte nur das Gefühl des Verlustes. Er war in eine Falle geraten, die speziell für ihn geschaffen worden war. Eine Strafe? Eine Prüfung? Er wusste es nicht, aber er spürte, dass die Antwort wichtig war.
Ich muss mich beruhigen. Ich muss nachdenken. Ich muss einen Weg finden, aus diesem Wald herauszukommen.
Er blieb stehen, lehnte sich gegen einen Baum und versuchte, tief durchzuatmen, doch seine Lungen brannten. Sein Herz raste. Er schloss die Augen und versuchte, sich etwas Schönes vorzustellen. Doch in seinem Kopf gähnte Leere, und dahinter lauerten Schatten und Geflüster.
Er öffnete die Augen und blickte sich um. Der Wald. Er war immer noch da. Umzingelte ihn, erstickte ihn. Er schluckte einen trockenen Kloß im Hals hinunter und spürte die Bitterkeit seiner eigenen Angst. Der Körper eines Jungen, doch tief in sich wusste er – er war einmal mehr gewesen.
Ich gebe nicht auf. Ich lasse nicht zu, dass dieser Wald mich besiegt. Ich werde weitergehen, auch wenn ich daran sterbe.
Trotz der Angst erwachte in ihm ein Funken. Wut, unpassend für den jungen Körper. Er würde kämpfen. Er würde einen Ausweg finden, selbst wenn er ihn sich mit Nägeln und Zähnen erkämpfen musste. Selbst wenn er den gesamten Wald niederbrennen musste.
Er ging weiter. Er schlängelte sich durch das Unterholz, während sich Äste wie Finger in ihn krallten, als wollten sie ihn festhalten. Zu seinen Ohren drangen immer häufiger beunruhigende Geräusche. Grollen, das Knacken von Ästen. Sie wurden lauter, zerrissen die Stille, vermischten sich mit dem Flüstern von Opfern, an die er sich nicht erinnern konnte. Im Augenwinkel erhaschte er Schatten, die sich zwischen den Bäumen bewegten – dunkler als die Finsternis, schneller als der Wind. Sein Herz schlug vor Entsetzen.
Was zum Teufel ist das?
In der Erkenntnis der Gefahr spannte sich Lucius an. Sein junger Körper wurde vom Adrenalin überflutet – der Körper einer Beute, die zur Flucht verdammt war, aber die Seele eines Jägers, der zu töten wusste. Die Geräusche kamen von vorne und von den Seiten, als würden sie ihn in einem enger werdenden Kreis umzingeln.
Er blieb stehen, hielt den Atem an und lauschte in die Stille des Waldes. Er war allein und hilflos, und etwas lauerte ihm auf. Etwas Gefährliches. Etwas, das wusste, wer er war. Etwas, das gekommen war, um zu vollenden, was begonnen hatte.
Ich muss hier weg. Sofort.
Sein Instinkt schrie ihn an, zu fliehen. Aber wohin? Überall Bäume. Kein Versteck. Wie ein Hase in der Falle, umgeben von Jägern.
Nein, ich werde nicht fliehen. Ich stelle mich dem, was auch immer es ist. Ich darf nicht zulassen, dass die Angst mich lähmt.
Er ballte die Fäuste und versuchte, seine zitternden Hände zu beruhigen. Er musste bereit sein, zu kämpfen. Er suchte nach Schutz, nach einer Waffe. Selbst in diesem jungen Körper, selbst mit dem geraubten Gedächtnis – er war nicht geboren, um eine Beute zu sein.
Er sah einen herabgefallenen Ast, lang genug, um als Waffe zu dienen. Vorsichtig hob er ihn auf und umklammerte ihn fest. Er würde sich verteidigen. Das Holz war trocken und brüchig in seinen Händen, doch es war alles, was er hatte.
Er atmete tief durch, versuchte, sein Herz zu beruhigen, und bewegte sich langsam vorwärts. Trotz aller Anstrengung, die er in jeden Schritt legte, versuchte er, leise zu sein. Er bewegte sich wie ein Jäger, trotz des Körpers einer Beute. In seinem Bewusstsein erwachte eine Erinnerung – er selbst, wie er sich zwischen Schatten bewegte, sie seinem Willen unterwarf.
Er drückte sich an einen großen Baum und hoffte auf Unterstützung. Die Rinde war rau gegen seine wunde Schulter, ihr Atem – erdig und uralt. Er blickte sich vorsichtig um. Die Schatten bewegten sich, doch er konnte nicht erkennen, was sie verursachte. Seine Handflächen schwitzten, fast ließ er den Ast fallen, den er wie einen Abwehrzauber gegen die Dunkelheit umklammerte.
Das Grollen wurde lauter, bedrohlicher. Es klang immer näher, tief und kehlig. Er spürte das Tier, nur Meter von sich entfernt. Er umklammerte den Ast fester, bereit für das Unvermeidliche. Verschwommen erinnerte er sich an ein anderes Tier, einen anderen Jäger, dem er sich einst gegenübergestellt hatte. Doch damals war er nicht allein gewesen. Damals hatte er Macht besessen.
Komm schon. Zeig dich… ich hoffe, ich bin bereit für dich.
Er war nicht bereit für das, was aus dem Gebüsch brach. Eine riesige, schwarze Gestalt, die die Schatten zerfetzte. Ein Biest mit glühenden Augen, die wie Kohlen aus der Hölle im Dunkel leuchteten, und scharfen Zähnen, die versprachen, ihn zu zerreißen. Seine Haut – schwarz wie die Nacht, glänzend und rissig, als flösse Lava darunter. Eine Kreatur, geboren aus Albträumen.
Lucius erstarrte, gelähmt von Entsetzen. Die Angst paralysierte ihn. Er konnte sich nicht bewegen, nicht schreien. Sein junger Körper versagte erneut, erstarrte in Schrecken, während seine Seele mit der Stimme einer uralten Schlacht schrie. Er war verloren, doch tief in ihm erhob sich etwas – eine Erinnerung an Macht, an Feuer.
Das Biest knurrte, entblößte eine Reihe messerscharfer Zähne, verdreht und gierig nach Fleisch. Seine Muskeln spannten sich, bereit zum Sprung, der der Agonie des Menschen ein Ende setzen würde. Schwarzer, rauchender Speichel tropfte aus seinem Maul, brannte sich durch die Blätter, auf die er fiel.
Lucius spürte, wie die Zeit sich verlangsamte. Zwischen ihm und dem Biest lagen nur wenige Meter, doch fühlte es sich an wie ein unüberwindlicher Abgrund zwischen Leben und Tod. In diesem Moment, in der kurzen Sekunde vor dem Sprung, blitzte etwas in seinem Bewusstsein auf – eine Erinnerung, so grell und erschreckend, dass sie sogar die Todesangst vertrieb.
Eine Erinnerung an Flügel aus Feuer.
Eine Erinnerung an den Fall durch Finsternis und Sterne.
Eine Erinnerung an Stolz, zu groß für den Himmel.
\ \ \*
Er war nicht allein. Die Büsche teilten sich und aus den Schatten des Waldes krochen weitere hervor. Nicht eines, sondern ein ganzer Rudel. Ein Rudel, geboren aus Angst, mit zerzaustem Fell, scharfen Zähnen und gelben, glühenden Augen, erfüllt von wilder Bosheit. Sie umzingelten ihn, ein dichter Ring von knurrenden Dämonen, als wären sie aus den dunkelsten Ecken der Hölle beschworen worden.
Die letzten Streifen der untergehenden Sonne schlichen sich zwischen die entblößten Äste der Buchen und färbten den Boden blutrot. Der Wind hatte sich gelegt, als würde der Wald selbst den Atem anhalten vor dem kommenden Kampf. Nur das Rascheln trockener Blätter unter den Pranken der Bestien durchbrach die gespenstische Stille.
Überrascht wich Lucius instinktiv zur Seite und trat auf den rutschigen Boden, übersät mit verrottenden Blättern. Sein Fuß glitt weg und er stürzte. Bevor er sich wieder aufrichten konnte, stürzte sich das erste Tier auf ihn und schlug seine Zähne in seinen linken Arm. Schmerz. Nicht nur Schmerz, sondern ein stechender Qual, der seine Knochen durchdrang und ein Stöhnen aus seinem Riss riss.
„Aaa!“ schrie er, doch der Schrei verlor sich im Knurren des Rudels.
Die Zähne drangen tief in sein Fleisch, zerrissen seine Muskeln, trafen den Knochen. Das Blut rann und färbte das Moos unter ihm dunkelrot. Der Schmerz war unerträglich, wie glühendes Eisen, das in sein Fleisch gebohrt wurde.
Ist das mein Ende? Der Gedanke blitzte in seinem Bewusstsein auf – grell, entsetzlich. Soll ich hier wehrlos sterben, von Bestien zerrissen in einem fremden Wald? Etwas stieg in seiner Brust auf – Verweigerung, die Weigerung, dieses Schicksal zu akzeptieren.
Das Blut rauschte in seinen Ohren, jeder Faser seines Körpers füllte sich mit fieberhafter Energie. Nicht nur ein Zittern, sondern eine Lawine aus Feuer, die die Angst hinwegfegte und ihn in Wut verwandelte. Wut, geboren aus Verzweiflung, entfacht vom Willen zu überleben. Mit einem wilden Schrei schwang er den Ast und versuchte, die Kreatur zu treffen, die ihn zerfleischte. Sie jaulte auf und sprang zurück, ließ eine klaffende Wunde und unerträglichen Schmerz zurück, doch das Rudel gab ihm keine Zeit, Luft zu holen. Sie waren hungrig. Sie waren gnadenlos.
Für einen Augenblick durchzuckten zersplitterte Bilder sein Bewusstsein – ein hoher Kristallpalast, strenge Gesichter voller Verurteilung, blendendes Licht. Waren das Erinnerungen oder Fieberträume, geboren aus dem Schmerz? Er hatte keine Zeit, es herauszufinden.
Er kämpfte um sein Leben, verzweifelt und wild. Da war keine Eleganz darin, er war wie sie – ein Tier, an die Wand gedrängt. Die Kreaturen waren schnell, gnadenlos, wie Schatten, erfüllt von Bosheit. Sie griffen ihn von allen Seiten an, versuchten, ihn in den Schlamm zu zerren, in das rutschige, von seinem Blut getränkte Moos. Er wehrte sie mit dem Ast ab, schwang ihn wütend, doch sie gaben nicht auf. Sie bewegten sich wie ein einziger Organismus, koordiniert, instinktiv – wenn eines zurückwich, griff ein anderes an.
Er schaffte es, eines der höllischen Hunde ins Maul zu treffen. Er hörte deutlich das schmerzerfüllte Jaulen, spürte das Knacken eines Knochens. Es taumelte zurück, benommen, doch sofort ersetzte ein anderes es, noch begieriger, ihn zu zerreißen. Sein linker Arm zitterte vor Schmerz, das Blut rann zwischen seinen Fingern, doch er konnte nicht aufhören. Er durfte nicht aufhören.
„Verschwindet!“ kreischte er in einem letzten Versuch, sie zu verscheuchen. Seine Stimme war heiser von Schmerz und Anstrengung. „Verschwindet von mir!“
Zeige niemals Angst vor deinen Feinden. Angst ist der erste Schritt zur Niederlage. Wessen Stimme war das in seinem Kopf, streng und unnachgiebig? Sein Vater? Ein Lehrer? Er konnte sich nicht erinnern, doch die Worte klangen wahr.
Er wusste nicht, was er tat, er bewegte sich instinktiv – kämpfen, überleben. Sein Körper führte einen grotesken Tanz mit dem Tod, jeder Schlag, jeder Schrei ein verzweifelter Versuch zu leben. Ich muss überleben, durchzuckte es ihn wie ein Funke. Ich darf nicht so sterben. Nicht hier. Nicht jetzt. Ich habe... etwas Wichtiges zu tun. Ein Versprechen, das ich halten muss.
Der Nebel vor seinen Augen verdickte sich, die Farben verschwammen. Das Blut aus seiner Wunde bildete bereits eine Lache unter ihm. Die ersten Anzeichen von Schock krochen in seinen Körper – kalter Schweiß, leichtes Fieber, Benommenheit. Doch jeder Herzschlag füllte ihn mit eiserner Entschlossenheit zu überleben.
Er taumelte zurück, seine Beine gaben nach und er stürzte zu Boden. Der Schlamm klebte an seinem Gesicht, der Geschmack von Erde und Blut erfüllte seinen Mund. Das Rudel stürzte sich auf ihn, eine Woge aus scharfen Zähnen, Krallen und tierischer Bosheit. Alles verschmolz zu einem chaosverseuchten Inferno – Knurren, Bellen, Zähneknirschen, durchdringender Schmerz. Er versuchte sich loszureißen, den scharfen Zähnen zu entkommen, doch er war zu schwach. Die Luft war schwer vom Gestank von Schweiß, Blut und tierischem Atem – ein Mix, der einen urzeitlichen Schrecken in seiner Brust entfachte.
Der Mond brach durch die Wolken und tauchte die Szene in silbernes Licht. Für einen Moment wirkten die Hunde nicht wie gewöhnliche Tiere, sondern wie Wesen aus einer anderen Welt – Boten mit einer Mission. War dies eine Prüfung oder eine Strafe?
Mit der Verzweiflung eines Todgeweihten schwang er den Ast blindlings, in der Hoffnung, die Welle der Bestien abzuwehren. Er traf einen der Hunde am Bauch, es sackte zusammen, doch die anderen griffen weiter an. Es war nur eine kurze Atempause. Er musste sich etwas einfallen lassen, einen Ausweg aus dieser blutigen Umarmung finden.
Nutze die Umgebung, durchfuhr es ihn plötzlich. Kämpfe nicht gegen alle. Lass sie gegeneinander kämpfen.
Er rollte zur Seite, schrie vor Schmerz und versuchte, sich aus dem Griff der Bestie zu befreien, die sich in seinen blutenden Arm verbissen hatte. Er sammelte die letzten Kräfte und trat ihm in den Bauch, in der Hoffnung, es zu vertreiben. Der Hund jaulte und ließ los, doch der Schmerz blieb, brennend, trieb ihn an den Rand der Panik.
Er sprang auf die Füße, presste die verwundete Hand an sich und sah, wie das Blut weiter zwischen seinen Fingern hindurch sickerte. Die Wut begann zu verblassen und hinterließ Schwäche und unerträglichen Schmerz. Sein Herz schlug bis zum Zerspringen, übertönte fast die Geräusche des Waldes. Sein Stolz, dieser unveränderliche Teil seines Wesens, erhob sich wie ein Schild gegen die Angst.
Trotz der Zuversicht, die er auszustrahlen versuchte, schlich sich Zweifel in seinen Geist. Er stand allein gegen viele. Verletzt und mit jeder Minute mehr Blut verlierend. Konnte er wirklich siegen? Er verwarf den Gedanken sofort – zu zweifeln hieße aufzugeben.
„Ich werde euch töten!“ Seine Stimme dröhnte, erfüllt von Wut und Verzweiflung. „Alle werde ich euch töten! Zurück in die Hölle mit euch!“
Er wirbelte den Ast über seinem Kopf, bereit zu kämpfen. Die Hunde wichen zurück, überrascht von seinem plötzlichen Zorn, vom Funkeln in seinen Augen. Er war kein verängstigter Junge mehr, sondern ein Tier, bereit, bis zum letzten Blutstropfen zu kämpfen. Niemals wieder werde ich schwach sein, schrie etwas tief in ihm. Niemals wieder ein Opfer.
In diesem Moment spürte er einen alten Schmerz, der nichts mit seinen Wunden zu tun hatte – die Erinnerung an Demütigung, an Spott, an das Gefühl der Wertlosigkeit. Der Zorn flammte neu auf, genährt nicht nur von der gegenwärtigen Bedrohung, sondern auch von alten Wunden.
Die Tiere begannen, ihn im Kreis zu umkreisen, ihre Beute auszuloten. Er beobachtete sie genau, jede Bewegung, jedes Knurren steigerte die Spannung. Er spürte, wie etwas in ihm erwachte. Etwas Uraltes, etwas Wildes, eine Kraft, die aus den Tiefen seiner Seele kam.
Seine Haltung veränderte sich – leicht gebeugt, das Gewicht gleichmäßig verteilt, der Ast fest in der Hand. Er wusste nicht, woher diese Reflexe kamen, doch sein Körper erinnerte sich, auch wenn sein Geist vergessen hatte. Eiskalte Entschlossenheit machte seine Beine stabil und seinen Arm stark. Sein Körper entspannte sich, bereit zu reagieren.
Er hob den Ast, bereit, sich seinem Schicksal zu stellen. Er presste die Zähne zusammen, der scharfe Schmerz in seinem Arm verblasste zu einem dumpfen Pochen, während die neue, unbekannte Kraft jede Zelle seines Körpers erfüllte. Seine Pupillen weiteten sich in der Dunkelheit, schärften sein Sehvermögen. Er konnte jeden Speicheltropfen an den Zähnen der Bestien sehen, jedes Muskelzucken, das einen Angriff ankündigte.
Als ob die Zeit langsamer würde, dachte er verblüfft von der Klarheit seiner Wahrnehmung. Die Hunde bewegten sich wie durch dicken Honig, jede ihrer Handlungen vorhersehbar und deutlich. War dies ein Todesdelirium oder etwas mehr?
Einer der Hunde sprang wie vom Teufel besessen. Lucius reagierte instinktiv. Er schwang den Ast, gezielt und präzise. Der Schlag traf mit voller Wucht den Kopf. Der Hund jaulte nicht einmal, sondern fiel reglos zu Boden.
Für einen Sekundenbruchteil sah er einen Lichtblitz, der seine Hand umhüllte – silbern, ätherisch, fast unsichtbar. Dann verschwand er und ließ ihn zurück, sich fragend, ob es nur Einbildung gewesen war.
Die anderen Hunde zögerten. Für einen Moment war Verwirrung in ihren Augen zu sehen, vielleicht sogar Angst. Ein grausames, kaltes Lächeln glitt über seine Lippen. In diesem Moment fühlte er sich unbesiegbar, eine urgewaltige Kraft, die sich nicht zähmen ließ.
Dieses Gefühl von Macht... es ist gefährlich, flüsterte eine Stimme tief in ihm. Es hat dich schon einmal zerstört. Er verstand die Warnung nicht, doch sie ließ ihn zweifeln, erschütterte sein Selbstvertrauen.
Doch die Meute schöpfte Mut. Ihr Hunger war zu groß. Sie stürzten sich erneut auf ihn, eine Woge aus scharfen Zähnen und wilder Wut.
Er kämpfte verbissen, benutzte den Ast als Schild und Schwert. Diesmal war er strategischer – er lockte einen Hund an, ließ ihn angreifen, lenkte ihn dann so, dass er mit einem anderen kollidierte. Er nutzte ihre Überzahl gegen sie selbst, schuf Chaos in ihren Reihen. Jeder Schlag war gezielt, jede Bewegung berechnet.
In der Kälte seiner Besessenheit fand er Kraft, doch er wusste, dass er nicht lange durchhalten konnte. Die Wunde an seinem Arm entzog ihm Tropfen für Tropfen seine Kraft, wie ein Strudel, der ihn in den Abgrund ziehen wollte. Mit jeder Minute wurden seine Bewegungen langsamer, seine Sicht verschwommener. Seine Kleidung war blut- und schweißgetränkt, klebte an seinem Leib wie eine zweite Haut.
Er musste einen Weg finden zu entkommen, die Bestien überlisten, die Kontrolle zurückgewinnen. Er musste überleben. Das war alles, was zählte. Was auch immer seine Vergangenheit war, welchen Zweck er in dieser Welt hatte – nichts würde Bedeutung haben, wenn er hier starb, in diesem von den Göttern vergessenen Wald.
Der Ast in seiner Hand wurde mit jedem Schwung schwerer. Es war kein eisernes Schwert, nur ein gewöhnlicher Holzstock – unbearbeitet, grob, von den Kämpfen zerkratzt. Wie er selbst – unvorbereitet, unvollkommen, aber unwillig zu brechen.
Vielleicht muss ich sie nicht besiegen, kam die plötzliche Erkenntnis. Ich muss sie nur dazu bringen aufzugeben.
Sein Überlebensinstinkt trieb ihn vorwärts, angreifend, geblendet von der Notwendigkeit. Er sah, wie einer der Hunde zum Sprung ansetzte, und in diesem Moment brach etwas in ihm. In seiner Brust erhob sich ein Dröhnen, eine erwachende Macht, die ihn erschütterte. Pure, bestialische Wut ergriff ihn.
Als der Hund sprang, war Lucius bereit, handelte ohne zu denken. Eine Welle Energie durchflutete ihn, verwandelte ihn, gab ihm Stärke. Und zu seiner eigenen Überraschung schlug er das Tier mit brutaler Gewalt nieder. Der Hund jaulte kläglich und rollte zurück, kollidierte mit den anderen und verursachte Chaos.
Ein seltsames Gefühl durchströmte seinen Körper – Wärme, die von seinem Herzen ausging und sich nach allen Seiten ausbreitete. Einen Moment lang schien es ihm, als entfalteten sich Schattenflügel auf seinem Rücken – nicht physisch, sondern wie eine Erinnerung an etwas längst Verlorenes. Sein Stolz verschmolz mit dem Zorn und schuf etwas Neues – puren, unverfälschten Willen.
Der Schmerz und die Angst verschwanden, ersetzt durch plötzliche Über-Konzentration. Alles, was zählte, war Überleben. Er war fast gelassen, wie ein Beobachter seines eigenen Kampfes. Wärme durchflutete seine Adern, energetisierte seine Muskeln.
Er richtete sich auf, als wäre er nicht verwundet, als wäre er nicht erschöpft. Obwohl Blut weiter aus seiner Wunde sickerte, spürte er es nicht mehr. Etwas in ihm war stärker als Schmerz und Angst. Ich war immer stark, flüsterte die Stimme in seinem Bewusstsein. Ich musste mich nur daran erinnern.
Gleichzeitig beobachtete ein anderer Teil von ihm das Geschehen mit Sorge. Dieser Kraftschub war unnatürlich, fremd. Etwas erwachte in ihm – uralt und mächtig, aber auch gefährlich und unberechenbar. War das sein wahres Ich oder etwas anderes, etwas Äußeres, das von ihm Besitz ergriff?
Er schwang den Ast. Diesmal war der Schlag anders – schwerer, präziser. Der Hund, der ihn angreifen wollte, wich zurück. Doch zwei andere stürzten sich auf ihn. Ihre scharfen Zähne zielten auf seine Kehle, die Pranken versuchten ihn niederzuringen. Er musste vorsichtig sein, musste seine Kraft weise einsetzen. Jeder Schlag musste perfekt sein, jede Bewegung effizient. Er konnte sich keinen Fehler leisten.
Das Moos unter seinen Füßen war vom Blut rutschig, jeder Schritt ein Risiko. Der Wind frischte auf, die Bäume rauschten, als ob der Wald selbst gegen die Gewalt protestierte, die sich in seinem Inneren abspielte. Der Mond brach durch die Wolken und überflutete die Lichtung mit silbernem Schein, der sich in den Augen der Bestien spiegelte.
Er bündelte seine ganze Kraft zum finalen Schlag, zielte auf den nächsten Hund. Der Ast krachte auf dessen Kopf, ein dumpfer Ton war zu hören. Das Tier erstarrte.
Die anderen Tiere wichen zurück. Einer knurrte und drehte sich um, die anderen folgten. Einen Moment später flohen sie zurück in die Dunkelheit des Waldes und ließen Lucius allein zurück. Verwundet, aber am Leben.
Stille legte sich über die Szene. Unerschütterlich, nur unterbrochen von seinem schweren Atem. Seine Augen musterten das blutige Schauspiel. Die Körper der Hunde lagen in den Schatten, getaucht in purpurnes Licht. Seine Kleidung – noch immer feucht von Blut. Sein Arm pochte vor Schmerz wie ein aufgebrachter Bienenstock.
Allmählich begann die übernatürliche Kraft ihn zu verlassen. Schwindel überkam ihn, als würde er aus tiefem Schlaf erwachen. Sein Körper, bis an die Grenzen angespannt in den letzten Minuten, entspannte sich jetzt, zitterte unkontrolliert. Erschöpfung traf ihn wie eine Welle.
Trotz des Siegs überkam ihn eine Verwundbarkeit. Er lebte! Er erinnerte sich nicht daran, wer er war, wie er hierhergekommen war, welchen Platz er in dieser Welt hatte. Sein Körper zitterte vor Erschöpfung, Schmerz und Kälte. Er war verwundet. Eine ernste Wunde, die ihn töten konnte. Der Stolz, der ihn vor Minuten erfüllt hatte, verflog wie Rauch im Wind.
War ich das?, fragte er sich, auf seine blutverschmierten Hände, den als Waffe verwendeten Ast blickend. Diese Kraft, diese Wut... woher kamen sie?
Die Wut des Kampfes wich und hinterließ schmerzhafte Schwäche. Er musste etwas tun, schnell handeln. Er musste sich um seine Wunde kümmern, die Blutung stoppen, bevor er starb. Er musste einen Ort finden, an dem er sich verstecken, vor der Kälte Schutz suchen konnte. Er musste verschnaufen, neue Kraft schöpfen.
Er bückte sich und spürte, wie ihm schwindelig wurde, wie sich die Welt um ihn drehte. Das Bild vor seinen Augen verschwamm, Farben liefen ineinander. Ihm war kalt. Die Kälte durchdrang ihn bis ins Mark, drohte ihn zu paralysieren. Er musste hier weg, einen sicheren Ort finden, bevor es zu spät war. Hinter seinem kurzen Sieg lauerte die eigentliche Gefahr – seine eigene Sterblichkeit. Er hatte die Bestien besiegt, doch würde er den Tod überwinden?
Waren die Hunde nur die erste Prüfung gewesen? Erwartete ihn eine noch größere Herausforderung? Lucius machte einen Schritt vorwärts, taumelte und stützte sich auf den Ast. Das habe ich geschafft, dachte er und sammelte die letzten Reste seiner Kraft. Den Rest schaffe ich auch.
Mit letzter Kraft strebte er dem Dickicht zu, auf der Suche nach Schutz. Die Wunde brannte und stach, als wäre sie voller Glasscherben. Doch trotz Schmerz und Erschöpfung glühte eine kleine Flamme der Zuversicht in seiner Brust. Er hatte überlebt. Er war dem Schrecken begegnet und hatte gesiegt.
Und obwohl er nicht wusste, wer er war oder woher er kam, begann er zu verstehen, was er war – ein Kämpfer, ein Überlebender, jemand, der nicht aufgab, selbst wenn alles verloren schien.
KAPITEL 2
Das Knarren der Holzräder verstummte, verschluckt von der drückenden, klebrigen Hitze des späten Nachmittags. Die Luft flimmerte über dem aufgeheizten Boden, und der Staub, aufgewirbelt von den Karren und Hufen, setzte sich träge wie ein feiner, ockerfarbener Schleier nieder, der allmählich eine völlig erschöpfte Gruppe von Menschen und Pferden freigab. Sie hatten am Rande von etwas Halt gemacht, das selbst den Abgehärtesten unter ihnen das Blut in den Adern gefrieren ließ – dem Schwarzwald. Die Erschöpfung war nicht nur in ihren schmutzigen Gesichtern und den hängenden Schultern zu lesen, sondern auch in der Art, wie ihre Blicke der dunklen, bedrohlich aufragenden Wand aus Bäumen auswichen. Sie mischte sich mit etwas Tieferem – einer instinktiven, fast tierischen Vorsicht, die ihre Sinne trotz der Erschöpfung schärfte. Der Geruch von Pferdeschweiß vermischte sich mit dem feuchten, schweren Aroma verrottender Blätter und Moos, das aus dem Wald vor ihnen drang.
Raul, dessen alte Narbe auf der Wange merklich dunkler zu werden schien, mit einem violetten Schimmer in der Nähe des Waldes, sprang flink aus dem tiefen Wagenrinnsal. Unter seiner sonnengegerbten Haut war eine angespannte Unruhe zu spüren, wie bei einem Raubtier, das Gefahr wittert. Jeder Muskel unter seinem abgetragenen Hemd war gespannt wie eine Saite, und seine Hand glitt unbewusst zum Griff des Messers in seinem Ledergürtel. Seine schwarzen, durchdringenden und ruhelosen Augen musterten schnell das Gelände, auf der Suche nach der geringsten Bedrohung. Sein Blick blieb an einer offeneren Lichtung hängen, vielleicht hundert Schritte von den bedrohlichen Schatten der ersten Bäume entfernt, wo die letzten Sonnenstrahlen noch das niedrige Gras streichelten. Dort würden die Pferde wenigstens nicht unruhig werden, scheu vor den Schatten und dem Geruch, der aus dem Dickicht drang. Er nickte. In seiner Bewegung lag die Entschlossenheit eines Mannes, der daran gewöhnt war, schwere Entscheidungen für viele Menschen zu treffen.
„Hier wird es sein“, erklärte er, seine Stimme rau vom Staub. Er deutete auf die weiter entfernte Lichtung, auf das Stückchen Licht in der sich verdunkelnden Landschaft. „Es gibt Platz für den ganzen Tross, es ist eben. Weiter weg von... dem da.“ Das Wort „dem“ hing warnend in der Luft, als hätte es einen eigenen, unangenehmen Geschmack. Seine schwarzen Augen wandten sich für einen Moment dem Wald zu, und in ihnen schien etwas Ungesagtes, Schmerzliches aufzublitzen – alte Narben, die für andere unsichtbar waren.
Doch Ayshe stand bereits neben ihm. Er hatte sie nicht vom bunten Planwagen steigen hören. Sie war still und bewegungslos wie eine Statue, gekleidet in ihre farbenfrohen Röcke und Tücher, die das Licht zu verschlucken schienen. Doch ihr Blick war nicht auf den von Raul gewählten, relativ sicheren Platz gerichtet. Sie starrte geradeaus auf jenen krummen Streifen Land, der mit dornigem Unterholz bewachsen war und sich an den Saum des Schwarzwaldes schmiegte, als würde der Wald ihn an sich pressen. Die Bäume dort standen unnatürlich dicht beieinander, ihre verdrehten Äste wie knöcherne Finger eines Skeletts verflochten, und unter ihnen herrschte eine Dunkelheit, die dichter, undurchdringlicher schien als gewöhnliches Zwielicht. Die Luft war spürbar kälter, durchdrungen vom Geruch feuchter, aufgewühlter Erde, von vermodernden Blättern und von etwas anderem, etwas Altem, fast Vergessenem, das die Nackenhaare sich sträuben ließ. Ihr Körper war völlig reglos, doch in ihren großen, moosgrünen Augen tanzte ein seltsames Flackern, als sähe sie etwas jenseits der sichtbaren Welt.
„Nein, Raul.“ Ihre Stimme war ruhig, leise, doch sie schnitt durch die schwere Luft wie ein geschliffenes Messer. Sie hob die Hand, ihre langen Finger mit den vielen silbernen Ringen deuteten auf den Schatten, auf die unheilvolle Umarmung des Waldes. „Wir halten hier. Genau hier.“
Diese leise, aber endgültige Stimme ließ einige der Gruppe erschauern. Ein alter Mann flüsterte ein kurzes Gebet und berührte das kleine Amulett unter seinem Hemd. Raul sah sie an, als hätte er nicht recht gehört. Ihre Worte kamen ihm wie ein schlechter Witz vor. Hinter ihnen begannen die Pferde noch unruhiger zu schnauben, nervös mit den Hufen zu scharren. Einer der Hunde, die mit dem Tross unterwegs waren, ein brauner, struppiger Köter, jammerte kläglich, legte den Schwanz ein und schlich sich schnell unter den nächsten Karren, zitternd, als wäre der Tag plötzlich eisig geworden.
„Hier?“ Die Überraschung in Rauls Stimme zitterte für einen Moment, bevor sie in kaum verhaltenem Zorn überging. „Willst du uns direkt in den Rachen des Ungeheuers führen? Ayshe, hast du völlig vergessen, was man sich über den Schwarzwald erzählt? Dass der Wald jedem, der es wagt, in seinem Schatten zu schlafen, für immer etwas von ihm nimmt – sei es ein Stück der Seele oder das Leben selbst?“ Er zählte auf, als wische er mit den Fingern die alten Legenden beiseite. „Sieh dir den Boden hier an – krumm, übersät mit Wurzeln und Steinen! Wir werden uns im Dunkeln die Füße brechen! Und...“ Er verstummte kurz, schluckte mühsam, als dränge sich eine schlimme Erinnerung nach oben. Seine Finger berührten unbewusst die Narbe auf seinem Gesicht. Sein Kiefer spannte sich an.
„Mir gefällt das nicht. Überhaupt nicht, mir gefällt dieser Ort überhaupt nicht.“ Zwischen ihnen floss eine stille Welle unausgesprochenen Verständnisses, verwurzelt in weit zurückliegenden Ereignissen, das einen bitteren Nachgeschmack hinterließ.
Yasmina, eine drahtige Frau mit einem von Sonne und Sorgen gezeichneten Gesicht, aber einer Stimme, die man immer hörte, trat vor. Ihre bunten Tücher wehten um sie wie die Flügel eines erschrockenen Vogels, und die grauen Strähnen in ihren Zöpfen fingen das letzte Licht ein. Angst stand deutlich in den tiefen Falten um ihre Augen geschrieben.
„Raul hat recht, Ayshe. Ich schwöre, wir haben letzte Nacht Schreie gehört, als wir um die andere Seite des Waldes herumfuhren. Seltsame Schreie waren das...“ Sie senkte die Stimme und beugte sich zu der jüngeren Frau. „Wie von etwas, das weder Mensch noch Tier ist. Dieser Ort ist verflucht, das weiß jeder. Lass uns weiterziehen!“ In diesem Moment erhob sich als Antwort ein kalter Wind, wirbelte ihr Haar auf und brachte einen neuen Hauch des Waldes – den Geruch von Fäulnis und nassen Blättern, obwohl es seit Wochen nicht geregnet hatte.
Noch ein paar Stimmen erhoben sich zaghaft zu Rauls Unterstützung. Ein gedämpftes Murmeln ging durch die versammelten Leute wie Wind durch trockene Blätter. Die kleinen Kinder erschraken und wurden näher an die Röcke ihrer Mütter gezogen. Die Erschöpfung, die zuvor vorherrschend gewesen war, wich langsam der aufkeimenden Angst, die der Schwarzwald wie Kälte ausstrahlte.
„Dieser Wald war schon immer ein Teufelsort“, flüsterte jemand aus der hinteren Reihe. „Mein Großvater sagte, nachts bewegen sich die Bäume und tauschen ihre Plätze“, fügte ein anderer hinzu. „Und die alte Petra sah einmal Lichter zwischen den Bäumen, tanzende Lichter...“
Ayshe wandte langsam ihren Blick vom Wald zu ihnen. Ihre großen, moosgrünen Augen musterten einen nach dem anderen. In ihnen war keine Spur von Angst. Nur eine tiefe, unerschütterliche, fast beängstigende Gewissheit. Sie hatte keine Stimme gehört, keine Vision gesehen, wie es manchmal geschah. Diesmal war es anders. Es war ein tiefes, vibrierendes Gefühl in ihren Knochen – das Gefühl, dass das Schicksal hier, am Rande dieses schrecklichen Waldes, seinen rostigen Schlüssel drehte und sie, gerade sie, Zeugen sein mussten. Sie spürte es wie einen mächtigen Magneten, wie einen unsichtbaren Faden, der sie unaufhaltsam zu genau dieser Stelle gezogen hatte, zu genau dieser Stunde. Eine unsichtbare Hand schien sie sanft zu leiten, ihr ohne Worte zu sagen, dass nur hier, nur jetzt, etwas geschehen musste.
„Ich weiß, was erzählt wird“, antwortete sie, und ihre ruhige Stimme mit ihrer besonderen Melodie, fast wie ein Zauberspruch, schaffte es, einen Teil des Murmelns zu beschwichtigen, wenn auch nicht die Angst. „Aber ich fühle etwas anderes. Ich fühle, dass unser Weg heute Nacht genau hier hindurchführt. Dass etwas Wichtiges geschehen muss, oder... empfangen werden muss. Etwas, das auf uns wartet.“
„Wichtig? Oder gefährlich?“ fauchte Raul und trat auf sie zu, bis sie sich fast Auge in Auge gegenüberstanden. Sein Gesicht verzerrte sich zu einer Grimasse aus Wut, vermischt mit Besorgnis, und die Muskeln in seinem Hals spannten sich an. Er war der Anführer des Trosses, verantwortlich für jedes einzelne Leben, für ihre Sicherheit und ihr Überleben. In seinen Augen lag mehr als nur Angst um die Gruppe – da war eine persönliche Sorge, Angst um sie selbst, die er mit Wut verdeckte. Er konnte, er konnte einfach nicht ihr Leben wegen eines vagen „Gefühls“ riskieren, so oft es sich in der Vergangenheit auch als prophetisch erwiesen hatte. „Manchmal führen deine Gefühle uns direkt ins Verderben, Ayshe! Das hier ist nichts weiter als ein verfluchter, gefährlicher Wald!“
„Und manchmal retten sie uns das Leben, Raul“, entgegnete sie scharf, ohne einen Zentimeter zurückzuweichen, ihr Blick durchbohrte den seinen. Die Luft zwischen ihnen vibrierte von unausgesprochenen Worten, von alter Geschichte, vom Zusammenprall zweier Autoritäten. Sie nahm seine Hand zwischen ihre; ihre silbernen Ringe funkelten in der untergehenden Sonne. „Zweifelst du daran? Vergisst du so schnell den Sturm an den Grauen Hügeln, als sich der Himmel spaltete? Oder das versiegte Wasser im Trockental, als unsere Zungen am Gaumen klebten? Wer führte uns dann durch die Hölle? Dein berühmter gesunder Menschenverstand oder mein ‚Gefühl‘, das du jetzt missachtest?"
Er zog seine Hand nicht zurück, doch seine Muskeln blieben angespannt. In ihrer Berührung lag eine Geschichte – Jahre des gegenseitigen Verständnisses, des Vertrauens und noch etwas anderes, etwas, das keiner von ihnen je aussprach. Raul ballte seine freie Hand so fest zur Faust, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Ihre Worte waren wie Salz in einer alten Wunde, eine Wahrheit, die er nicht leugnen konnte, die er aber jetzt, angesichts dieses düsteren, bedrohlichen Waldes, kaum ertrug. Er warf den Kopf herum, sein Blick glitt über die Gesichter seiner Leute – gezeichnet von Müdigkeit, gepeinigt von Angst, gierig auf seine Entscheidung wartend, und doch unverkennbar die Vergangenheit im Gedächtnis behaltend.
Sie erinnerten sich, wie genau dieses Mädchen mit den seltsamen Augen sie von dem Weg geführt hatte, der sie mit der königlichen Wache zusammengebracht hätte. Wie sie sie vor den vergifteten Körnern im Mehl gewarnt hatte, das sie auf dem Markt gekauft hatten. Wie sie darauf bestanden hatte, den Fluss zu umgehen, der am nächsten Tag anschwoll und zwei Brücken mit sich riss. Dann kehrte sein Blick zu ihr zurück, zu der unerschütterlichen, fast unmenschlichen Sicherheit, die ihre grünen Augen ausstrahlten. Zu der dünnen, senkrechten Falte zwischen ihren Brauen, die nur erschien, wenn ihre Gefühle am stärksten waren. Zu dem pulsieren ihrer dünnen Vene am Hals. Und schließlich, als wider Willen, blickte er zu dem unheilvollen Wald, aus dem bereits Kälte kroch, die sich mit der hereinbrechenden Dämmerung vermischte, während die Sonne den Himmel hinabrollte.
Er seufzte tief, laut, ein Seufzer, der etwas aus seiner Brust zu reißen schien – eine Mischung aus Ärger, Ohnmacht und widerwilligem Einverständnis. Er war hin- und hergerissen zwischen seinem Selbsterhaltungstrieb, dem Schutz der ihm anvertrauten Leben, und dem jahrelangen, hart erkämpften Vertrauen in Ayshes unerklärliche Gabe. Die Entscheidung lastete wie ein gewaltiger Stein auf seinen Schultern.
„Gut“, knurrte er schließlich, seine Stimme rau, fast feindselig, und doch mit einem widerwilligen Nicken der Zustimmung. In seinen Augen lag Ergebung und eine Angst, die er zu verbergen suchte. „Gut, Ayshe. Es soll sein, wie du sagst. Du bist die Seherin unter uns. Aber alle Götter steh’n uns bei, wenn du dich diesmal irrst. Denn der Fehler wird deiner sein.“
Ayshe nickte leicht, ohne Freude oder Triumph. In ihren grünen Augen lag die Ruhe eines Menschen, der weiß, dass er einen vorbestimmten Weg geht.
Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte sich Raul abrupt zu den anderen um, seine Stimme wurde stark, gebieterisch, doch in ihr lag eine kaum verborgene Nervosität, als versuchte er, seine eigene Unruhe mit Befehlen zu übertönen. „Los! Genug gestarrt wie versteinert! Löst die Tiere! Ein Feuer, sofort, ein großes Feuer! Die Frauen – holt das Essen! Doppelte Wachen diese Nacht, verstanden? Doppelte! Und niemand, hört ihr, niemand entfernt sich vom Feuer oder den Wagen! Habt ihr mich verstanden?“
Sein Befehl, so widerwillig er auch gegeben war, schien den Bann der Angst zu brechen, der sie gelähmt hatte. Wie auf ein unsichtbares Kommando hin begannen die Menschen sich zu bewegen, ihren Aufgaben nachzugehen. Die Männer lösten die erschöpften Pferde, deren Nüstern nervös in Richtung Wald zuckten. Andere suchten nach trockenem Holz für das Feuer, blieben aber nahe bei den Wagen und warfen ängstliche Blicke zu den dunkler werdenden Bäumen. Die Frauen begannen, Töpfe und Proviantsäcke abzuladen. Trotz der Betriebsamkeit waren ihre Bewegungen leiser und vorsichtiger als sonst, sie tauschten nur kurze, notwendige Worte aus.
Die Wagen waren in einem schützenden Kreis aufgestellt, ihre Öffnungen zum Zentrum gerichtet, wo bald das Prasseln des ersten Feuers die schwere Stille der hereinbrechenden Dämmerung durchbrach. Die kleinen Flämmchen wurden zu einem mächtigen Feuer, das lange, seltsame Schatten über den Boden warf. Die von den Flammen geworfenen Schatten tanzten über die müden Gesichter und die dunklen, unbeweglichen Stämme der Bäume am Rand der Lichtung und verliehen ihnen etwas Unheimliches, Gespenstisches. Es war, als streckten die Bäume schwarze Finger nach ihnen aus, als suchten sie etwas. In der Luft mischten sich der Geruch von Rauch, Pferdeschweiß und jener besondere, kalte und feuchte Hauch, der aus dem Finsterwald kam.
Langsam begann die Anspannung zu weichen. Die Flammen des großen Feuers, der Duft von gebratenem Fleisch und köchelnder Suppe und das Murmeln leiser Gespräche vereinten sich zu einem vertrauten, wenn auch gedämpften, beruhigenden Ritual. Obwohl niemand sang, wie sonst üblich, und das Lachen seltener war, versammelten sich die Menschen um das Essen, die Wärme und die brüchige Sicherheit der Gemeinschaft.
Die Männer der ersten Wache hatten bereits ihre Posten am Rand des Lagers bezogen, hielten fest ihre Knüppel oder alten Säbel und ließen ihre Blicke unaufhörlich zwischen dem Feuerschein und der verschlingenden Dunkelheit dahinter hin und her wandern. Die Angst war noch da, sichtbar in ihren angespannten Haltungen und hastigen Blicken, aber gedämpft durch die Routine des Überlebens. Raul ging durch das Lager, überprüfte jeden Wagen, jedes Gespann, jeden Wächter. Hin und wieder blieb er stehen und starrte zur dunklen Kette der Bäume, die mit einbrechender Nacht immer undurchdringlicher, immer feindseliger wirkte. Seine angespannten Schultern verrieten, dass er nicht ruhig war, dass ein Teil von ihm die Entscheidung immer noch für falsch hielt.
Nur Ayshe blieb etwas abseits, nahe der Stelle, wo das Gras in die Schatten des Waldes überging. Sie stand reglos, als wäre sie aus schwarzem Stein in das dämmrige Licht gegossen, eingehüllt in ihre bunten Tücher, die sich mit den rot gefärbten Wolken im Westen vermischten. Ihr dunkles Haar fiel frei über ihren Rücken, vom Wind zerzaust, und ihre Handflächen waren leicht geöffnet, als erwarteten sie eine Gabe. Sie blickte nicht zu den hastenden Menschen, suchte keinen Trost im warmen Kreis des Feuers. Ihr Blick war unverwandt auf das undurchdringliche Dunkel unter den Bäumen gerichtet, und ihr ganzer Körper war angespannt wie eine gespannte Saite. Ihre feinen Nasenflügel zuckten, als würden sie unsichtbare Düfte einfangen, und ihre Augen schienen selbst in der zunehmenden Dunkelheit Dinge zu sehen, die den anderen verborgen blieben. Es war, als lauschte sie nicht mit ihren Ohren, sondern mit jeder Faser ihres Körpers auf etwas, das das normale Ohr nicht hören konnte – ein kaum wahrnehmbares Rauschen, ein leises Flüstern der Erde selbst oder vielleicht der Puls von etwas Uraltem und Mächtigem, verborgen im Herzen des Waldes.
Für sie existierte die Grenze zwischen Lager und Wald nicht auf die gleiche Weise. Sie stand auf der Schwelle, eine Vermittlerin zwischen zwei Welten. Sie wusste nicht genau, was daraus hervorkommen würde, aus dieser dichten, undurchdringlichen Finsternis. Würde es eine Bedrohung sein, wie Raul und die anderen fürchteten? Würde es ein Zeichen sein, die Antwort auf eine unausgesprochene Frage? Oder etwas ganz anderes, etwas Unerwartetes, das ihren Weg für immer verändern würde? Sie wusste es nicht, aber sie spürte mit jeder Zelle ihres Wesens, dass sein Kommen unausweichlich war, vorbestimmt von den Fäden des Schicksals, die sie manchmal berühren konnte. Sie spürte, dass ihre Anwesenheit hier, in diesem gefährlichen, fast entweihten Schatten des Finsterwalds, notwendig war, Teil eines größeren, unsichtbaren Plans.
Und sie wartete. Reglos, schweigend, mit Augen, die in die Dunkelheit starrten, die sie ihrerseits anzustarren schien. Die Nacht schritt langsam voran. Die Sterne erschienen einer nach dem anderen und bildeten helle Muster am tiefblauen Himmel. Der Mond lugte über den Horizont – eine dünne Sichel, gelblich-weiß, die die Welt mit kaltem, geisterhaftem Licht erhellte. Eine leichte Brise strich durch die Äste und erzeugte ein leises Flüstern, das beinahe wie Worte klang und diesen tiefen, erdigen Geruch des Waldes mit sich trug. Sie atmete tief ein, nahm ihn in sich auf, als wolle sie eins werden mit dem Geist dieses Ortes.
Raul näherte sich Ayshe und blieb eine Armlänge hinter ihr stehen. Er sagte nichts, aber sie spürte seine Anwesenheit – die Wärme seines Körpers, den Geruch von Haut und Rauch, den er immer trug, das Gewicht seines Blicks in ihrem Nacken. Ohne sich umzudrehen, streckte sie eine Hand nach hinten aus und überließ es ihm, sie zu ergreifen.
„Was erwartest du?“ fragte er leise, nachdem sich ihre Finger im Dunkeln verschränkt hatten. Seine Stimme hatte ihre frühere Schärfe verloren. „Was soll kommen?“
„Ich weiß nicht genau“, gestand sie mit einer Stimme, so leise wie der Abendwind. „Aber wir müssen hier sein.“
Er drückte ihre Hand fester. Er fragte sie nicht, ob sie Angst hatte. Er kannte die Antwort. Die Nacht hatte gerade erst begonnen.