KAPITEL -1-
Es regnete leise, melancholisch. In den Pfützen auf dem Gehweg spiegelten sich träge die Lichter der Stadt. Die feinen Regentropfen zerstreuten die öligen Schlieren von aufgelöstem Schmutz im Wasser und schufen eine düstere Version eines geschmolzenen Regenbogens.
Cassian Gray starrte durch die schmutzige Scheibe der Bar auf sein eigenes verzerrtes Spiegelbild und beachtete den mürrischen Barkeeper nicht, der mit einem dubios sauberen Tuch eifrig, fast wütend, Gläser hinter der Theke rieb. Die gedämpfte Musik aus verstaubten Lautsprechern versuchte, ähnlich wie der ehemalige Captain der US Air Force, keine Aufmerksamkeit zu erregen.
Cassian seufzte schwer und richtete seine Aufmerksamkeit auf den Fernseher, der schief über der Bar hing. Die Nachrichten liefen – wieder einmal voller Berichte und Enthüllungen über Vampire. Ein Monat war vergangen, seit ihre Existenz mit großem Tamtam bei einer UN-Sitzung bekannt gegeben worden war. Ein Mann, fast noch ein Junge, der sich als Archont vorstellte, hatte es getan. In diesen wenigen Minuten hatte sich die Welt für immer verändert. Das ließ Cassian sich noch verlorener und überflüssiger fühlen.
„Noch einen?“, fragte der Barkeeper und nickte zu dem leeren Glas vor Cassian.
„Nein, danke“, antwortete er und rieb sich müde die Augen. „Es ist wohl Zeit, nach Hause zu gehen.“
Der Barkeeper nickte, zögerte kurz und machte sich daran, die Flaschen hinter der Theke zu ordnen. Cassian ließ einen Geldschein auf der Theke liegen und zog langsam abgewetzte schwarze Handschuhe mit ausgeschnittenen Fingern an. Er zögerte einen Moment, bevor er den Rollstuhl Richtung Ausgang schob. Die Atmosphäre der Bar, das leise Summen des Fernsehers oder vielleicht die schwere Luft, erfüllt vom Duft rauchender Zigarren und alkoholischer Ausdünstungen, ließen ihn verweilen.
„Was hältst du von dieser ganzen... Situation?“, wandte er sich an den Barkeeper.
Der Mann hinter der Theke hielt eine Flasche in der Hand und musterte Cassian mit zusammengekniffenen Augen.
„Von den Vampiren?“, fauchte er und spuckte zur Seite. „Nichts Gutes, wenn du mich fragst. Diese Blutsauger sind eine Bedrohung für uns alle. Auch wenn sie sich als Schäfchen verkleiden wollen.“
Cassian spannte sich unwillkürlich an. Er versuchte, einen neutralen Ausdruck zu bewahren, aber innerlich stimmte er dem Barkeeper vollkommen zu.
„Urteilen wir nicht vorschnell? Wir wissen doch nicht viel über sie.“
Der Barkeeper schüttelte den Kopf.
„Wir wissen genug. Sie ernähren sich von Blut, verdammt noch mal! Fühlst du dich sicher, wenn solche Kreaturen frei unter uns herumlaufen? Wie willst du in dem Rollstuhl vor ihnen fliehen?“
Cassian unterdrückte den Drang, zustimmend zu nicken.
„Sie behaupten, sie wollen Frieden und ein Zusammenleben. Vielleicht sollten wir ihnen eine Chance geben?“
„Eine Chance wofür? Uns im Schlaf zu verspeisen?“, zischte der Barkeeper. „Hör zu, Freund, ich bin ein einfacher Mann. Ich habe genug von dieser Welt gesehen, um zu wissen: Wenn etwas zu gut erscheint, um wahr zu sein, sollte man das Kleingedruckte lesen.“
Cassian dachte nach. Ein Teil von ihm wollte dem Barkeeper offen zustimmen, seine eigenen Ängste und Zweifel teilen. Doch ein anderer Teil, der vorwärtsstrebte und naiv idealistische Parolen trug, hielt ihn zurück.
„Vielleicht hast du recht“, sagte er schließlich. „Ich fürchte, wenn wir sie ablehnen, ohne ihnen eine Chance zu geben, machen wir sie genau zu dem – den Kreaturen unserer Alpträume.“
Der Barkeeper beugte sich vor und stützte sich auf die Theke.
„Hör zu, Junge. Ich weiß, du willst gut sein. Aber irgendwann musst du dich entscheiden. Ich wähle die Seite der lebenden, atmenden Menschen.“
Cassian spürte, wie sich sein innerer Konflikt vertiefte. Er blickte wieder auf den Fernseher, wo die letzte Ansprache des Archonten gezeigt wurde.
„Vielleicht hast du recht“, murmelte er leise. „Vielleicht sollte ich wirklich...“
Der Barkeeper zuckte mit den Schultern und wandte sich einem anderen Gast zu. Cassian starrte auf seine Hände und erinnerte sich an die Zeit, als diese Finger die komplexen Systeme von Kampfjets steuerten. Jetzt waren sie verdammt, die Räder dieses verfluchten Rollstuhls zu drehen.
Die Erinnerung an den Vorfall drang ungebeten und schmerzhaft in sein Bewusstsein: Er flog mit Überschallgeschwindigkeit, eine Routine-Trainingsmission. Plötzlich versagten alle Systeme. Das Letzte, an das er sich erinnerte, waren die Warnungen des Dispatchers in seinen Kopfhörern und der Boden, der mit atemberaubender Geschwindigkeit auf ihn zuraste.
Cassian presste die Zähne zusammen und verbannte die Erinnerung. Es war keine Zeit für Selbstmitleid. Die Welt veränderte sich, und er saß hier und ertrank in seiner eigenen Bitterkeit.
„Zeit, mich zu bewegen“, murmelte er und griff nach den Griffen des Rollstuhls.
Draußen traf ihn die kalte Nachtluft wie ein Schlag. Die Straßen New Yorks pulsieren vor Leben – hastige Fußgänger, Hupen, Taxis, Gelächter aus einem nahegelegenen Restaurant. In seinem Rollstuhl fühlte Cassian sich völlig abgeschnitten von dem Trubel um ihn herum. Er spannte die Muskeln an und schob den Rollstuhl langsam über den Gehweg, wobei er die öligen Pfützen aufwirbelte. Die Menschen umgingen ihn. Einige blickten ihn mitleidig an, andere ignorierten ihn völlig. Cassian wusste nicht, was schlimmer war. Er wollte ihnen zurufen: „Hey, ich bin kein Aussätziger!“
Als er die Ecke erreichte, blieben zwei Männer vor ihm stehen, als wären sie aus dem Nichts aufgetaucht. Cassian bremste abrupt. Seine rechte Hand legte sich auf das Stück Wasserrohr, das seitlich am Sitz befestigt war, doch er ließ los, als er ihre makellosen Militäruniformen sah.
„Captain Cassian Gray?“, fragte der Größere der beiden mit einer Stimme, die darauf trainiert war, Befehle zu erteilen, hart wie Stahl.
Cassian nickte schweigend und musterte ihre Gesichter. Sie waren angespannt, ihre Augen musterten unruhig die Passanten.
„Ich habe den Befehl, Sie zu begleiten“, sagte der Zweite, kleiner und stämmig. „Bitte kommen Sie mit.“
Bevor Cassian reagieren konnte, holte der Größere einen Umschlag aus der Innentasche seiner Jacke und reichte ihn ihm.
„Ihr Einberufungsbefehl, Sir.“
Mit zitternden Händen öffnete Cassian den Umschlag. Darin befand sich nur ein Blatt Papier mit einem Stempel am unteren Rand. Seine Augen überflogen die Zeilen:
„Auf Befehl des Oberbefehlshabers wird der Status von Captain Cassian Gray wiederhergestellt und er wird umgehend zum Dienst einberufen. Das Land braucht Sie. Abflugzeit: 23:00 Uhr.“
Cassian blickte auf seine Uhr – 22:15. Sein Herz schlug wild.
„Was soll das bedeuten?“, fragte er mit rauer Stimme. „Ich bin... ich bin nicht mehr im aktiven Dienst.“
Die beiden Militärs wechselten einen schnellen Blick.
„Es tut uns leid, Sir, aber wir haben keine weiteren Informationen“, antwortete der Größere. „Unser Befehl lautet, Sie zum Flughafen zu eskortieren. Unser Van steht dort drüben.“
Cassian blickte zu dem schwarzen Van, der ein paar Meter entfernt parkte, mit der Aufschrift GMA und dem rot-blauen Globus der Organisation. Sein Verstand arbeitete fieberhaft. Was zum Teufel ging hier vor? Warum brauchten sie ihn – einen gebrochenen Piloten im Rollstuhl?
„GMA?“
„Ja, Sir.“
Cassian starrte auf das GMA-Logo am Van. Die Globale Militärallianz – eine Organisation, die erst vor kurzem gegründet worden war, angeblich zum Schutz der Menschheit, aber mit zu vielen fragwürdigen Aspekten. Sie vereinte Armeen und Vampirclans unter einem Dach und behauptete, für Frieden und Sicherheit zu arbeiten. Doch wie konnte es Frieden zwischen Jägern und Beute geben? In seinen Gedanken tauchten Gerüchte über geheime Experimente auf, über Waffen, die nicht existieren sollten. Und jetzt riefen sie ihn? Etwas passte nicht zusammen.
„Sir?“, holte ihn die Stimme des Größeren in Uniform zurück in die Realität. „Wir müssen los.“
Cassian schluckte schwer, das aufsteigende Misstrauen. Die GMA behauptete, eine Brücke zwischen Menschheit und Vampiren zu sein, doch er konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass sie eher ein Abgrund war, bereit, beide Seiten zu verschlingen.
„Und wenn ich ablehne?“, fragte Cassian, mehr aus Neugier als aus dem Wunsch, Widerstand zu leisten.
„Das ist keine Option, Sir“, antwortete der stämmige Militär eisig. „Die Befehle sind klar. Sie müssen mit uns kommen. Sofort.“
Cassian spürte, wie sich sein Magen zusammenkrampfte. Ein Teil von ihm wollte sich umdrehen und fliehen, sich in der Bar verstecken und diese seltsame Begegnung vergessen. Doch ein anderer Teil – ein Teil, der seit Monaten geschlafen hatte – erwachte plötzlich. Das Adrenalin belebte ihn und ließ ihn sich vitaler fühlen. So hatte er sich seit Jahren nicht mehr gefühlt.
„Gut“, sagte er schließlich und richtete sich so gut es ging in seinem Rollstuhl auf. „Führen Sie mich.“
Die beiden Soldaten traten näher, um ihm mit dem Rollstuhl zu helfen, doch Cassian hielt sie mit einer Geste auf.
„Ich schaffe es allein“, murmelte er und schob sich in Richtung des Kleinbusses.
Als er näher am Bus stand, bemerkte Cassian, dass die Fenster getönt waren. Das verstärkte nur seinen Argwohn. Was verbargen sie? Oder wen?
„Entschuldigung“, wandte er sich an den kleineren der beiden Soldaten, „haben Sie eine Ahnung, warum ich einberufen wurde? In meinem Zustand sehe ich nicht, wie ich von Nutzen sein kann.“
Der Mann schüttelte den Kopf.
„Es tut mir leid, Sir. Wir haben keinen Zugang zu diesen Informationen. Ich weiß nur, dass es dringend ist.“
Cassian sian knirschte mit den Zähnen, während Wut und Hilflosigkeit in ihm aufstiegen. Er war es gewohnt, die Situation zu kontrollieren, alles über seine Mission zu wissen. Und jetzt sollte er blind ins Ungewisse springen. Ihn! Den Invaliden!
Die Tür des Kleinbusses öffnete sich mit einem leisen Zischen. Im Dunkeln konnte Cassian zwei Silhouetten ausmachen. Na, scheinbar haben sie nicht nur mich von der Straße aufgegabelt.
„Captain Gray“, ertönte eine Stimme aus dem Inneren, „willkommen an Bord, Sir.“
Mit einem tiefen Seufzer bereitete er sich darauf vor, in den Bus zu steigen. Dann bemerkte er etwas Unerwartetes – ein Strahl der Scheinwerfer eines vorbeifahrenden Taxis traf einen der Passagiere. Dessen Haut war unnatürlich blass, und seine Augen schienen im Dunkeln zu leuchten. Cassians Herz setzte einen Schlag aus. Ein Vampir! Sie wollten, dass er in einen engen, geschlossenen Raum mit einem Vampir stieg!
„Alles in Ordnung, Captain?“, fragte der größere Soldat hinter ihm und bemerkte sein Zögern.
Cassian holte tief Luft und spannte seine Muskeln an. Langsam begann er, die Rampe des Busses hinaufzufahren. Sein Geist war voller Fragen. Doch die körperliche Anstrengung, die er aufbringen musste, verdrängte alle Gedanken.
Als er Platz genommen hatte, stiegen die beiden Soldaten vorne ein. Der Motor heulte auf, und der Bus fuhr abrupt los, wobei er sich ruckartig in den Verkehr einschob.
„Wohin?“, fragte Cassian und versuchte, seine Stimme ruhig zu halten.
„Zum Flughafen, Sir“, antwortete der neben ihm sitzende Vampir. „Von dort aus werden Sie an Ihr endgültiges Ziel transportiert.“
„Das wäre?“
Schweigen. Cassian seufzte. Offenbar würde er so leicht keine Antworten bekommen. Er betrachtete noch einmal die Einberufung in seinen Händen und suchte nach einer verborgenen Bedeutung in den spärlichen Zeilen.
Eine scharfe Linkskurve warf Cassian zur Seite. Er krallte sich an seinem Sitz fest und fluchte leise.
„He, hier ist ein Mann im Rollstuhl!“, rief er dem Fahrer zu.
„Es tut uns leid, Sir“, erwiderte der Uniformierte mit angespannter Stimme. „Wir stehen unter Druck.“
Cassian drehte sich so gut es konnte und blickte durch die Heckscheibe. Im Verkehr hinter ihnen sah er zwei schwarze Geländewagen, die sich schnell näherten und zwischen den anderen Autos hindurchmanövrierten.
„Wer sind die?“, fragte Cassian und spürte, wie das Adrenalin erneut in ihm hochstieg.
„Das wissen wir nicht, Sir“, antwortete der andere Soldat, bereits mit einer Pistole in der Hand. „Aber Freunde sind sie definitiv nicht.“
Der Bus beschleunigte und raste an einer roten Ampel vorbei. Hupen und Schreie erfüllten die Luft, während das Fahrzeug sich durch den Verkehr schlängelte.
„In letzter Zeit nimmt die Fremdenfeindlichkeit zu, und die GMA ist ein Hauptziel“, sagte der zweite Vampir, der ihm gegenüber im Bus saß.
Und das nicht ganz ohne Grund, dachte der Captain, ohne es auszusprechen.
Jetzt beunruhigte ihn mehr das heftige Schlingern des Busses. Er biss die Zähne zusammen und fühlte sich in seinem Rollstuhl hilflos. Früher war er es gewesen, der in solchen Situationen das Kommando hatte – jetzt konnte er nur zuschauen.
„Festhalten, Captain!“, rief der Fahrer, als er scharf in eine enge Straße einbog.
Cassian prallte gegen die Seitenwand des Busses, und ein stechender Schmerz durchfuhr seinen Rücken. Er fluchte leise und versuchte, sich besser zu verankern.
Doch die Verfolger gaben nicht auf. Einer der Geländewagen schaffte es in die Straße hinter ihnen, warf sein Scheinwerferlicht auf die Heckscheibe und blendete Gray fast.
„Sir, haben Sie eine Ahnung, wer das sein könnte?“, fragte der Soldat neben dem Fahrer und wandte sich an den Vampir neben Cassian.
„Lokaler Abschaum, nehme ich an. Unser Logo zieht sie an wie Motten das Licht“, antwortete der Vampir, und Cassian bemerkte mit einem Schaudern, wie zwei spitze Zähne in dessen dünnem Lächeln auftauchten.
„Vor ein paar Minuten saß ich noch in einer Bar und trank mein Bier.“ Cassian lachte. Die ganze Situation erschien ihm absurd. „Und jetzt bin ich mitten in einer Verfolgungsjagd. Ihr Jungs seid wirklich unterhaltsam.“
Ein Schuss durchschnitt die Luft. Die Heckscheibe des Busses zersprang, zerbrach aber nicht.
„Verdammt!“, fluchte der Fahrer und trat das Gaspedal durch. „Die schießen auf uns!“
Cassian spürte, wie sein Herz wild klopfte. Das hier war keine einfache Verfolgung – das war ein Mordversuch. Und warum? Hasseten diese Leute Vampire so sehr?
Der Bus brauste aus der Straße zurück auf den Hauptboulevard und bog scharf links ab. Die Reifen quietschten auf dem Asphalt und hinterließen schwarze Spuren.
„Wie lange noch bis zum Flughafen?“
„Noch zehn Minuten, Captain“, antwortete der Fahrer schnell. „Aber ich bin mir nicht sicher, ob wir so lange durchhalten.“
Als wollte es seine Worte bestätigen, ertönte ein weiterer Schuss. Dieses Mal durchschlug die Kugel den Hinterreifen des Busses. Das Fahrzeug schlingerte gefährlich, während der Notfallkompressor Druck in den Reifen pumpte und der Fahrer kämpfte, die Kontrolle zu behalten.
„Wir müssen etwas tun!“, Cassian fühlte sich in seinem Rollstuhl hilflos. „Wir können nicht einfach darauf warten, erschossen zu werden!“
„Biegen Sie bei der nächsten Kreuzung ab. Sofort!“ Der Vampir gegenüber Cassian hatte sich umgedreht und verfolgte die Straße.
Der Fahrer zögerte nicht. Er riss das Steuer herum und steuerte den Bus in eine schmale Seitenstraße. Die Verfolger, von dem plötzlichen Manöver überrascht, rasten an ihnen vorbei.
„Und jetzt?“, fragte der Fahrer und verlangsamte das Tempo.
„Licht aus und langsam weiterfahren“, befahl der Vampir.
„Jetzt halten.“
Der Bus blieb in der Dunkelheit der Seitenstraße stehen. Cassian starrte angespannt durch die Frontscheibe und erwartete jeden Moment die Rückkehr der Verfolger.
„Sir“, flüsterte der Soldat neben dem Fahrer, „ich glaube, wir haben sie abgeschüttelt.“
Genau in dem Moment, als die Worte seinen Mund verließen, erhellte ein grelles Licht den Bus. Die Scheinwerfer der Geländewagen trafen sie frontal.
„Verdammt noch mal!“, fluchte Cassian.
„Was jetzt, Major?“, fragte der Fahrer mit angespannter Stimme.
Der Vampir gegenüber Cassian nickte seinem Nebenmann zu.
„Jetzt überlassen Sie es uns.“
Mit einer Geschwindigkeit, die Cassian nur sprachlos zurückließ, sprangen die beiden Vampire aus dem Bus und… draußen erklangen Schreie, Schüsse, kurze Kreische und anhaltende Stöhnen.
Nervös blickte Cassian zu den beiden Soldaten auf dem Vordersitz, doch alles, was er sah, waren ihre weit aufgerissenen Augen. Sie waren nicht weniger geschockt als er. Der Fahrer war kreidebleich. Seine Hände krampften sich um das Lenkrad, und sein Blick blieb an der Standspiegelung haften.
„Bei allem, was heilig ist!“, Cassian zuckte fast in seinem Rollstuhl zusammen, als die beiden zurückkehrten. Sie nahmen ihre Plätze ein, und derjenige, den der Fahrer als „Major“ bezeichnet hatte, wandte sich mit ruhiger Stimme an sie.
„Fahren Sie weiter zum Flughafen“, sagte er schließlich. „Diese werden uns nicht mehr belästigen.“
Der Fahrer brauchte keine weitere Aufforderung. Er trat das Gaspedal durch, und der Bus verließ rasch die dunkle Straße. Cassian warf einen letzten Blick durch die zersplitterte Scheibe: Die beiden Geländewagen mit erloschenen Scheinwerfern lagen reglos hinter ihnen. Keine Bewegung, nichts.
Was ist mit den Verfolgern passiert? Er hob fragend den Blick zum Major. Dieser spürte seine Aufmerksamkeit und zuckte leicht mit den Schultern.
„Vergessen Sie es.“
\ \ \*
Der Minibus raste an der Flughafensicherung vorbei, ohne zu verlangsamen. Cassian spürte ein vertrautes Kribbeln, als sich die bekannten Umrisse von Flugzeugen und Hangars abzeichneten. Zumindest hier befand er sich auf vertrautem Terrain.
„Wir sind da, Captain“, meldete der Fahrer, während er abrupt in Richtung einer abgelegenen Landebahn lenkte.
Cassian blinzelte und versuchte, die Silhouette des wartenden Flugzeugs auszumachen. Was er sah, ließ ihn vor Überraschung den Mund öffnen. Auf der Landebahn stand etwas, das eher einem Raumschiff aus einem Science-Fiction-Film glich als einem Flugzeug.
„Ist das unser Transport?“, fragte er und konnte die Verblüffung in seiner Stimme nicht verbergen.
Der Vampir-Major lächelte kaum merklich.
„Ja, Captain. Das ist der Experimentaldüsenjet der GMA. Das schnellste und technologisch fortschrittlichste Fahrzeug des Planeten.“
Der Minibus hielt sanft an der Gangway des Jets. Die beiden Militärangehörigen stiegen schnell aus und halfen Cassian, in seinen Rollstuhl zu wechseln.
„Guten Flug, Captain“, sagte einer der Vampire und reichte ihm einen kleinen Koffer. „Alles Nötige ist darin.“
Cassian nickte schweigend, noch immer zu benommen, um zu antworten. Er drehte sich zur Gangway um und fragte sich, wie zur Hölle er da hochkommen sollte.
„Erlauben Sie mir“, erklang eine Stimme hinter ihm.
Bevor Cassian reagieren konnte, wurde er in die Luft gehoben. Der Vampir trug ihn die Gangway hinauf, als wögen er und der Rollstuhl nicht mehr als eine Feder. Sekunden später befand er sich an Bord des Jets.
Das Innere des Fluggeräts war ebenso beeindruckend wie sein Äußeres. Glatte Oberflächen, Displays und ergonomische Schaumstoffsitze füllten die Kabine.
„Willkommen an Bord, Captain Grey“, begrüßte ihn eine Stimme vom vorderen Teil des Jets. „Bitte machen Sie es sich bequem. Wir starten in fünf Minuten.“
Cassian ließ sich in einen der luxuriösen Sitze sinken, der sich automatisch an seinen Körper anpasste. Er blickte Richtung Cockpit, aber durch die offene Tür sah er niemanden.
„Wer... mit wem spreche ich?“, fragte er leicht verwirrt.
„Verzeihung, ich heiße A12, die künstliche Intelligenz“, antwortete die Stimme. „Ich werde Ihr Gesprächspartner während der Reise sein.“
Cassian schluckte schwer. Künstliche Intelligenz? Er hatte von Entwicklungen in dieser Richtung gehört, aber... Das gehörte definitiv nicht zur Standardausrüstung der Militärflugzeuge, die er kannte.
„Und wo ist der Pilot?“, fragte er neugierig, wer dieses Wunder steuerte.
„Ich werde Ihr Pilot sein, Captain Grey“, erwiderte A12 mit einem Hauch von Heiterkeit. „Keine Sorge, ich habe den Jet entworfen. Ich kann ihn problemlos steuern.“
Bevor der sprachlose Cassian antworten konnte, erwachten die Turbinen des Jets mit einem leisen Surren. Er spürte einen leichten Druck im Sitz, als die Maschine senkrecht in die Luft stieg.
„Bereiten Sie sich auf den Start vor“, teilte A12 verspätet mit.
Cassian umklammerte die Armlehnen und erwartete den vertrauten Druck der Beschleunigung. Doch stattdessen spürte er die Bewegung kaum. Der Jet schoss mit atemberaubender Geschwindigkeit vorwärts, die er nur anhand der Aussicht durch das Fenster erahnen konnte, während in der Kabine vollkommene Ruhe herrschte.
„Unglaublich... wie ist das möglich?“, murmelte Cassian, als die Lichter der Landebahn unter ihnen in atemberaubendem Tempo schrumpften.
„Trägheitsdämpfer, Captain“, erklärte A12. „Sie neutralisieren nahezu die Auswirkungen von Beschleunigung und Schwerkraft. Praktisch, nicht wahr?“
Cassian nickte schweigend, während er versuchte zu begreifen, dass er im fortschrittlichsten Flugzeug saß, das er je gesehen hatte – gesteuert von einer KI. Einfach fantastisch!
„A12“, begann er zögernd, „kannst du mir sagen, wohin wir fliegen?“
„Natürlich, Captain“, antwortete A12. „Unser Ziel ist die Mondbasis der GMA.“
Cassian lehnte sich zurück und spürte, wie ihm schwindelig wurde.
Der Mond? Er hatte nichts von einer Basis dort gehört. Er wusste nicht einmal, dass Menschen seit Apollo 17 im Jahr 1972 wieder zum Mond geflogen waren.
„Warum?“, fragte er als nächste Frage aus seiner Liste dringender Anliegen. Er sparte sich Offensichtliches und kam direkt zum Punkt.
„Warum schickt man mich auf den Mond?“
„Für eine Spezialausbildung, Captain“, erwiderte A12 lebhaft. „Sie sind einer der Auserwählten, die den neuesten Raumjäger der GMA fliegen werden.“
Cassian unterdrückte ein bitteres Lachen.
„Ich? Fliegen? A12, ich weiß nicht, ob du es bemerkt hast, aber ich sitze im Rollstuhl. Wie sollen sie erwarten, dass ich irgendetwas steuere?“
„Ihre körperlichen Einschränkungen werden kein Problem sein, Captain“, beruhigte ihn A12. „Es stehen Ihnen... bestimmte Modifikationen bevor, die Ihnen helfen werden.“
Cassian spürte, wie eine eisige Kälte seinen Körper durchdrang. Modifikationen? Was zum Teufel soll das heißen?
„Welche Modifikationen?“, fragte er und fürchtete die Antwort.
„Es tut mir leid, Captain, aber ich bin nicht befugt, Details zu besprechen“, antwortete A12. „Alles wird Ihnen auf der Mondbasis erklärt werden.“
Cassian schüttelte den Kopf, verwirrt und unruhig. Er wandte sich dem Fenster zu, um Trost in der Aussicht zu finden. Doch was er sah, steigerte nur sein Gefühl der Orientierungslosigkeit.
Die Erde war als riesige blaugrüne Kugel zu sehen, umhüllt von einer dünnen Atmosphärenschicht. Sterne funkelten grell vor dem schwarzen Hintergrund, heller und zahlreicher, als Cassian sie je von der Erde aus gesehen hatte.
Das Gefühl von Maßlosigkeit und Bedeutungslosigkeit überwältigte ihn. Er, Cassian Grey, ehemaliger Militärpilot, jetzt Invalide, schwebte durch den Weltraum zum Mond. Um... modifiziert zu werden? Um wieder zu fliegen? Alles erschien so unwirklich.
„A12“, sagte er leise, „wie lange dauert der Flug noch?“
„Bei unserer aktuellen Geschwindigkeit erreichen wir die Mondumlaufbahn in etwa 17 Minuten“, antwortete A12.
Cassian nickte schweigend. Siebzehn Minuten. So wenig Zeit, um sein ganzes Leben zu verändern.
Plötzlich fiel ihm durch das Fenster eine schnelle Bewegung auf. Ein kleiner, funkelnder Punkt näherte sich ihnen rasch.
„A12, siehst du das?“, fragte Cassian und deutete auf das Fenster.
„Ja, Captain“, antwortete A12. „Das ist ein Raumjäger der ‚Tiger‘-Klasse. Eines der Modelle, die Sie lernen werden zu fliegen.“
„Ein Raumjäger!“ Cassian beugte sich vor, um mehr Einzelheiten zu erkennen. Plötzlich beschleunigte der Jäger und raste mit irrwitziger Geschwindigkeit an ihnen vorbei. Dennoch konnte Cassian die eleganten Linien und die glänzende Oberfläche erkennen, bevor der Jäger wieder zu einem Punkt schrumpfte und verschwand.
„Unglaublich“, flüsterte Cassian. „Der ist schnell.“
„Die ‚Tiger‘-Class-Jäger erreichen ein Vielfaches der Geschwindigkeit Ihrer bisherigen Maschinen“, erklärte A12. „Sie sind für schnelle Reaktionen auf Bedrohungen im All konzipiert.“
„Bedrohungen im All? A12, was geht hier vor? Warum hat die GMA plötzlich Vampire enthüllt und entwickelt jetzt Raumjäger?“
A12 schwieg kurz, als würde es die Antwort abwägen.
„Sie sind aufmerksam, Captain. Das ist die richtige Chronologie.“
„Das beantwortet meine Frage nicht.“
„Die Lage ist komplex“, erwiderte A12 schließlich. „Alles wird Ihnen auf der Basis erklärt.“
„Sind wir in Gefahr?“
„Ja. Die Menschheit steht einer Bedrohung gegenüber.“
Cassian runzelte die Stirn. Eine Bedrohung? Was könnte so ernst sein, dass es Vampire und Raumfahrttechnologien erfordert?
Bevor er weitere Fragen stellen konnte, kam A12 ihm zuvor.
„Wir nähern uns der Mondumlaufbahn. Bereiten Sie sich bitte auf die Ankunft vor.“
Cassian wandte sich wieder dem Fenster zu. In der Ferne war bereits die graue Oberfläche des Mondes mit ihren Kratern zu erkennen. Doch was seine Aufmerksamkeit sofort erregte, war eine gewaltige Struktur auf der dunklen Seite des Mondes, die sich über den Horizont erhob.
Die Basis glich einer futuristischen Stadt unter einer transparenten Kuppel. Glänzende Gebäude und Antennen ragten in den Sternenhimmel, während dutzende kleine Schiffe und Shuttles sie umkreisten.
„Das ist... unglaublich“, flüsterte Cassian und spürte, wie ihm der Atem stockte. „Und das alles wurde vor der Öffentlichkeit verborgen erbaut?“
„Es wurde nicht von Menschen erbaut. Andere waren dafür verantwortlich.“
„Wie bitte?“
„Diese Information erhalten Sie später, Captain.“
„Und jetzt nutzt die GMA sie?“
„Ja, und noch viel mehr. Die GMA verfügt über Ressourcen und Technologien, die selbst die kühnsten Vorstellungen gewöhnlicher Menschen übertreffen, Captain.“
Der Jet begann zu bremsen und näherte sich den Toren einer riesigen Hangarhalle am Rand der Basis. In Cassian stieg eine unkontrollierbare Anspannung. In wenigen Minuten würde er den Mond betreten – eine Welt, von der er nicht einmal wusste, dass sie existierte.
„A12“, fragte er leise, „glaubst du, ich bin dafür bereit?“
„Captain“, antwortete A12 mit einem Hauch von Wärme, „Sie wurden nicht nur wegen Ihrer Erfahrung ausgewählt, sondern auch wegen Ihres Potenzials. Ich bin überzeugt, dass Sie den Herausforderungen gewachsen sind.“
Cassian nickte schweigend und versuchte, A12s Worten Vertrauen zu schenken.
„Ich habe Sie persönlich recherchiert, und die Empfehlungen für Sie waren... überzeugend“, fügte die KI mit leichtem Rauschen in der Stimme hinzu.
Die Hangartore öffneten sich langsam und gaben den Blick auf das Innere frei. Cassian erkannte Reihen glänzender Raumschiffe und Roboter, die an verschiedenen Aufgaben arbeiteten.
„Willkommen auf der Mondbasis ‚Ares‘, Captain Grey“, verkündete A12, während der Jet sanft auf der Landefläche aufsetzte. „Ihre Ausbildung beginnt jetzt.“
KAPITEL -2-
Die schwere Schleusentür der Hangarbucht schloss sich mit dumpfem Grollen und schnitt den hypnotischen Blick auf den grellen Sternenhimmel ab. Cassian Gray wandte langsam seinen Blick der majestätischen Panoramaansicht der Mondbasis zu. Die ozongetränkte, maschinenölgeschwängerte Luft füllte seine Lungen – ein vertrauter Geruch. Langsam manövrierte er den Rollstuhl durch die ungewohnte Schwerkraft. Das Metallgestell vibrierte unter der seltsamen Resonanzfrequenz, die durch die Metallkonstruktionen pulsierte.
Der gewaltige Raum breitete sich vor seinen Augen aus – hell erleuchtet, gefüllt mit futuristischen Schiffen und fieberhafter Aktivität. Über allem thronte die Aufschrift "Globale Militärallianz" (GMA) mit ihrem bekannten Emblem, darunter Arbeiter, die sich mit unnatürlicher Geschwindigkeit bewegten, als ob die Zeit hier anderen Gesetzen folgte.
Aus dem Chaos von Bewegung und Lärm stach eine Gestalt hervor – ein junger Mann, fast noch ein Junge in Uniform, der mit gemessenen Schritten näher kam. Die Magnetsolen seiner Stiefel erzeugten bei jedem Schritt ein leises Klicken.
„Oberst Loren Ashton“, stellte er sich vor und reichte die Hand. „Ich hoffe, Ihre Reise war... lehrreich.“
Cassian ergriff die dargebotene Hand und war überrascht von der Kraft des Händedrucks. Er unterdrückte ein Frösteln bei der unnatürlichen Berührung – Ashtons Haut fühlte sich kalt an, fast synthetisch. Seine Augen blieben unwillkürlich an den Dienstgradabzeichen hängen, die den hohen Rang dieses jungen Mannes verrieten, der kaum zwanzig zu sein schien.
„Lehrreich ist milde ausgedrückt, Oberst“, antwortete er und erschrak leicht vor seiner eigenen Stimme, die durch den Flug und die trockene Hangarluft ungewohnt rau klang. „Ich würde eher sagen... schockierend.“
Ashton lächelte leicht.
„Lassen Sie mich Ihnen schnell eine Einführung geben. Meine Zeit ist begrenzt.“
Die beiden bewegten sich durch das Labyrinth aus Maschinen und Menschen. Cassian kämpfte damit, mit seinem Rollstuhl Lorenns schnellen Schritt zu halten, während er mit der ungewohnten Schwerkraft rang, die ihm mit der Traktion der Räder Streiche spielte. Seine Augen huschten von einem unfassbaren Schiff zum nächsten – organische Formen, die eher gewachsen als konstruiert wirkten.
„Sie haben unsere Schönheiten bemerkt.“ In Lorenns Stimme lag ein Unterton von Stolz. „Das sind lemurianische Jäger. Dieses Modell LM-24 ‚Tiger‘ werden Sie vielleicht selbst fliegen, Captain.“
Cassian runzelte verwirrt die Stirn über den unbekannten Begriff. Seine Hand griff instinktiv nach dem nahen Schiff, erwartete kalten Metallkontakt. Stattdessen versanken seine Finger in einer weichen, pulsierenden Substanz. Ein ferner, fast ultraschallartiger Ton durchdrang sein Bewusstsein.
„Lemurianisch?“, fragte Cassian und spürte, wie seine Verwirrung wuchs. „Wie... die verschwundene Zivilisation?“
Loren musterte ihn prüfend, ein flüchtiges Funkeln von Neugier blitzte in seinen blauen Augen auf.
„Bravo, Captain, nur wenige kennen den Begriff. Aber... bedenken Sie, je mehr Sie lernen, desto mehr werden Sie begreifen, wie wenig Sie eigentlich wissen. Die Lemurianer sind kein Mythos. Lemuria war... viel mehr.“
Das Dröhnen von Triebwerken ließ Cassian instinktiv zusammenzucken. Der Luftstrom trug einen Geruch heran – eine irgendwie angenehme Mischung aus Ozon und etwas Süßlichem, das an verbrannten Karamell erinnerte. Oberst Ashton blieb unbeeindruckt, neigte sich nur leicht in den Luftstrom.
„Keine Sorge, das ist nur ein Test“, übertönte seine Stimme den bereits verebbenden Lärm. „Hier müssen wir auf alles vorbereitet sein. Das Leben im All ist fragil, Captain. Ein kleiner Fehler könnte das Ende für uns alle bedeuten.“
Cassian stemmte sich auf den Armlehnen hoch und musterte aufmerksam die Umgebung. Sein Blick verweilte kurz auf den sich wiederholenden Tätowierungen auf den Handflächen einiger Techniker – identische Zeichen, deren Bedeutung ihm entging. Doch er wagte nicht, den Oberst danach zu fragen. Er nickte nur schweigend.
Sie setzten den Rundgang fort, vorbei an Laboren, Trainingshallen und Logistikzentren. Mit jedem Meter fühlte Cassian, wie sein altes Leben weiter in die Ferne rückte. Alles schien unwirklich.
Die Jungs von der Globalen Militärallianz machen keine halben Sachen. Und ihr Budget ist offenbar mehr als üppig. Der neidische Gedanke schoss ihm durch den Kopf, während er sich an die abgenutzten Möbel in seinen früheren Unterkünften erinnerte.
Schließlich blieben sie nach einer verwirrenden Anzahl von Wendungen, Gängen und Aufzügen vor einer unscheinbaren Tür stehen. Der Oberst öffnete sie mit einem Code und führte Captain Cassian in seine neue Unterkunft.
„Hier werden Sie die nächsten Wochen verbringen“, sagte er und reichte ihm ein in dunkles Leder mit dem GMA-Emblem gehülltes Gerät.
„Das Tablet enthält alle weiteren Informationen, nachdem Sie die Dokumente per Fingerabdruck unterzeichnet haben“, fügte Ashton hinzu. „Wählen Sie hier aus, lesen Sie und unterschreiben Sie. Danach erhalten Sie Zugang zu den Daten.“
Die Müdigkeit überkam Cassian und er gähnte unwillkürlich. Der Oberst unterbrach seine Erklärung, als er die Erschöpfung des Neuankömmlings bemerkte.
„Ich sehe, Sie sind müde. Ruhen Sie sich jetzt aus. Wir haben ein Briefing in fünf Stunden. Genug Zeit für die Dokumente.“ Er aktivierte eine holographische Karte auf dem Tablet, die den Weg zu Cassians Quartier markierte. „Seien Sie pünktlich zum Briefing.“
Er beugte sich leicht vor, bis er den Mann im Rollstuhl fast berührte. Sein Gesichtsausdruck wechselte abrupt von sachlich zu einer merklich wärmeren, menschlicheren Haltung.
„Wenn Sie die Dokumente nicht unterschreiben, kommen Sie nicht zum Briefing.“ Er richtete sich abrupt auf und klopfte ihm auf die Schulter. „Alles wird gut, Captain.“
Mit diesen Worten entfernte sich Oberst Ashton und ließ Cassian allein im Korridor zurück.
Alles wird gut – irgendwann. Captain Cassian Gray holte tief Luft und warf die vom Rollstuhl gefallene Tasche mit seinen persönlichen Sachen auf seinen Schoß. Er verstautete das Tablet darauf und stieß sich kräftig ab, um zur Tür zu gelangen.
Er zögerte einen Moment, bevor er seine Handfläche auf den Zugangsscanner legte. Ein leichtes Kribbeln durchfuhr seine Finger. Auf dem Bildschirm leuchtete „DNA – OK“ auf und die Tür glitt geräuschlos zur Seite.
Das kleine Zimmer wirkte steril und unpersönlich – ein schmales Bett, ein Schreibtisch mit Monitor, ein kleiner Schrank. In der Luft lag ein schwacher Geruch von Desinfektionsmittel und frischer Farbe. Alles funktional, ohne Schnickschnack. Typisch Militärbasis, dachte er, doch dann lächelte er bitter.
„Nein, nichts hier ist typisch. Oder?“
Mit einer Bewegung warf er die Tasche auf den Boden und bremste den Rollstuhl am Bettrand ab. Mit einer geübten Bewegung schwang er sich darauf. Er ließ sich schwer auf die straff gemachte Decke fallen und spürte sofort, wie die Müdigkeit in Wellen über ihn hereinbrach.
Er brauchte drei, vier Atemzüge, bis er sich an das Tablet erinnerte. Er fand es auf dem Bett – dort, wo er es hingeworfen hatte. Mit einem Seufzer nahm er es und drückte seinen Finger auf den Bildschirm, um den Lese- und Unterschriftsprozess zu starten.
Eine lange Liste mit als „Streng Geheim“ markierten Dateien erschien vor seinen Augen. Er erwartete viel, sehr viel Lesestoff. Er wählte die erste Datei aus, scannte seine Netzhaut und begann zu lesen.
Mit jeder gelesenen Zeile verwischte die Welt, die er kannte. Die Wahrheit über die Xilarianer, die alten außerirdischen Technologien, die wahre Geschichte der Menschheit – all das ergoss sich in sein Bewusstsein wie eine Sintflut, die ihn zu ertränken drohte.
Lemuria war kein Mythos oder eine verlorene Zivilisation. Es war eine fortgeschrittene außerirdische Rasse, die die Erde vor Jahrtausenden besucht hatte. Sie hatten Spuren ihrer Technologie hinterlassen – Technologie, die die GMA nun im Kampf gegen die Xilarianer einsetzte.
Und die Xilarianer... Cassian erschauerte, als er über sie las. Eine nicht weniger fortgeschrittene Rasse als die Lemurianer, militarisiert, erbarmungslos, entschlossen, jede begegnete Spezies zu unterwerfen. Die Gründe für ihren Hass auf die Lemurianer blieben nebulös, aber ihre Absichten waren kristallklar.
Die Stunden vergingen, während Cassian weiterlas, die Informationen in sich aufsog, die alles auf den Kopf stellten. Die Vampire, die Jäger – alles begann einen Sinn zu ergeben, einen erschreckenden, aber logischen Sinn.
Schließlich ließ er, körperlich und emotional erschöpft, das Tablet beiseite. Sein Kopf pulsierte vor Informationen, Fragen, Ängsten. Er ließ sich auf das Bett sinken, schloss die Augen, doch der Schlaf wollte nicht kommen. In der Stille hörte er gedämpfte Geräusche. Sie wurden zu einem leisen Gespräch und zogen sofort seine Aufmerksamkeit auf sich. Cassian stützte sich auf die Ellbogen.
„...die erste Phase der Transformation muss morgen beginnen“, hörte er eine Frauenstimme sagen.
„Dr. Chen, was denken Sie zu der Angelegenheit?“, fragte eine Männerstimme, die Cassian als die von Oberst Ashton erkannte. „Er war sich sicher, dass die Modifikationen riskant sind, besonders für jemanden, der...“
Die Stimmen verstummten. Die Sprechenden entfernten sich den Flur hinunter. Cassian blieb reglos auf seinen Ellbogen liegend, sein Herz schlug schneller, und ein einziger Gedanke brannte in seinem Kopf: Transformation? Modifikationen? Redeten sie über mich?
Es dauerte einige Sekunden, bis er seine Bedenken beiseiteschob und sich wieder auf das Ausfüllen seiner weißen Flecken konzentrierte. Er brauchte mehr Informationen.
Die nächste Datei, die er öffnete, trug den Titel „Erforderliche Modifikationen“. Er hielt inne und legte das Tablet beiseite. Sein Blick heftete sich auf einen Punkt an der Decke. Er versuchte, seine Gedanken von den aufdringlichen Parasitengedanken zu befreien, die ihn ungeduldig machen wollten. Langsam atmete er ein, dann noch einmal.
Unschlüssig, ob er bereit war, wählte Cassian die Datei und öffnete sie. Seine Augen weiteten sich schon beim Lesen des Titels. Er spürte, wie sich die Haut an seinen Armen sträubte. Es folgten: genetische Manipulationen, neuronale Implantate, symbiotische Organismen, die in den Körper integriert werden... All das war nötig, um den menschlichen Körper in die Lage zu versetzen, sich mit einem lemurianischen Jäger zu verbinden.
Er schloss die Augen.
Der menschliche Körper... wie menschlich bleibt er danach? Ist er verdammt? Gibt es danach noch einen Weg zurück?
Cassian setzte sich abrupt auf, sein Magen rebellierte, als wolle er seinen Körper verlassen. Seine Finger krallten sich in den Bettrahmen, sein Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Ihm war, als müsse er sich übergeben.
Fieberhaft musterte er den Raum, Panik erfasste seinen Blick. Er durfte sich nicht so bloßstellen, nicht hier, nicht jetzt. Der Rollstuhl würde ihm nicht helfen. Er warf sich buchstäblich auf den Boden und begann sich mit verzweifelten Bewegungen fortzubewegen, seinen tauben Unterkörper hinter sich herziehend, Richtung Badezimmer. Es war langsam, qualvoll und demütigend. Trotz seiner Armmuskeln und der geringen Schwerkraft bereitete ihm seine Lähmung von der Hüfte abwärts enorme Schwierigkeiten. Er unterdrückte die wiederkehrenden Krämpfe in seinem Magen und betete, dass er es bis zum Badezimmer schaffen würde.
Mit einer letzten verzweifelten Anstrengung erreichte er die Tür. Er stemmte seinen Oberkörper hoch und warf sich nach vorn, um den Sensorriegel auszulösen. Kaum hatte sich die Tür geöffnet, ließ er sich nach vorn fallen und schloss sie hinter sich. Erst dann erlaubte er sich nachzugeben. Sein Körper wurde von starken Krämpfen auf dem kalten Boden geschüttelt. Irgendwie schaffte er es, die Toilettenschüssel zu umfassen, und die Wellen des Erbrechens überkamen ihn. Sein Magen zog sich schmerzhaft zusammen, die bittere Galle brannte in seiner Kehle. Jeder Muskel in ihm spannte sich unkontrolliert an. Kalte Schweißperlen bedeckten sein Gesicht. Er bekam keine Luft. Er fühlte sich schwach und hilflos. Er konnte diese demütigende Prozedur nicht stoppen. Er erbrach sich, die Krämpfe ließen nach, und Cassian brach auf die kalten Fliesen zusammen. Seine Lunge keuchte, als er Luft durch seine von Magensäure verbrannte Kehle sog. Sein Körper, bedeckt von kaltem, klebrigem Schweiß, begann unkontrolliert zu zittern. Heiße Tränen brannten sich ihren Weg über seine bleichen Wangen und vermischten sich mit dem bitteren, sauren Geschmack in seinem Mund. Er ballte die Fäuste, bis die Knöchel knackten.
Der Gedanke an das schöne Jagdflugzeug, das auf ihn wartete, erschien ihm jetzt wie ein grausamer Hohn. Um dieses Wunder zu steuern, musste er einen großen Teil seiner menschlichen Wesenheit opfern – zumindest körperlich.
Nach einigen Minuten kehrte er in sein Zimmer zurück. Sein Blick fiel auf das Tablet. Sein eigenes Spiegelbild auf dem schwarzen Bildschirm erschreckte ihn – seine Augen wirkten größer, dunkler, sein Gesicht ausgezehrt und blass.
Es gab noch einige Abschnitte zu lesen. Ein Teil von ihm wollte das Gerät wegwerfen, vor diesem Wahnsinn fliehen. Doch ein anderer Teil – der Teil, der ihn immer dazu getrieben hatte, Risiken einzugehen, schneller und höher zu fliegen – drängte ihn weiterzumachen, ebenso wie der Gedanke, dass er vielleicht wieder würde gehen können.
Mit einem dumpfen Seufzer brachte Cassian seinen Körper in eine bequemere Position. Das Bett knarrte leise unter seinem Gewicht, ein Geräusch, das ihn irgendwie mit seiner Schlichtheit beruhigte.
Der nächste Abschnitt beschrieb den geplanten Zeitrahmen. Sechs Monate. So viel Zeit blieb ihm zur Vorbereitung. Sechs Monate – die Zeit, die die Erde braucht, um eine halbe Sonnenumrundung zu vollenden. Sechs Monate, um mehr als ein Mensch zu werden. Wollte er das?
„Verdammt noch mal“, fluchte Cassian leise. Die Worte hallten im Raum wider.
Wie erwartet blinkte der Bildschirm des Tablets auf, und eine Nachricht erschien:
„Für Sprachassistenz hier klicken.“
Ohne zu zögern drückte Cassian mit dem Finger darauf. Fast sofort erklang eine Stimme aus dem kleinen Gerät:
„Willkommen zurück, Captain Gray.“
„A12?“, erkannte Cassian die Stimme.
„Ganz genau, Captain.“ A12s Stimme schwang auf eine Weise in der Luft, die Cassian fast körperlich spürte, als ob die Worte in der geringen Schwerkraft eine eigene Dichte annähmen.
Cassian spürte, wie sich Hunderte Fragen in seinem Bewusstsein drängten und gegenseitig in den Schatten stellten, Aufmerksamkeit forderten, einen schmerzhaften Druck erzeugten. Doch nur eine schaffte es, seinen Mund zu verlassen:
„Warum ich?“
Die holographische Projektion von A12 vor ihm lächelte leicht, eine fast menschliche Geste. Für einen Moment fragte sich Cassian, ob dieses Lächeln nicht einfach nur die Reflexion seiner eigenen Verwirrung auf der flüchtigen Oberfläche des Hologramms war.
„Weil du der Beste bist. Das haben wir bereits besprochen.“
„Trotzdem.“
„Du hast etwas, das die GMA braucht – die Fähigkeit, dich anzupassen, zu überleben, über deine Grenzen hinauszugehen.“ Die Worte schienen in der Luft zu hängen.
Cassian schüttelte ungläubig den Kopf und spürte, wie sein Gehirn gegen seinen Schädel stieß, als wollte es ihn vom Gegenteil überzeugen.
„Diese Modifikationen... sie werden mich verändern.“
„Sie werden dich zu etwas Größerem machen“, antwortete A12. „Ein Mensch kann keine lemurianische Technologie steuern.“
„Es gibt andere Piloten, oder?“
„Ja.“
„Und alle haben diese Modifikation durchlaufen?“
„Nein, sie haben die andere Option gewählt. Alle Menschen bisher entschieden sich dafür, als Vampire weiterzuleben. So mussten sie sich den Modifikationen nicht unterziehen.“ Das Wort „Vampire“ schien sich im Raum zu verfangen, von den Metallwänden widerhallend, schließlich von der Decke reflektiert in Cassians Bewusstsein zu klingen.
Er schloss für einen Moment die Augen. In der Dunkelheit hinter seinen Lidern sah er Formen und Farben. Sein eigenes Gehirn versuchte, das Unmögliche zu visualisieren.
„Gut. Also gibt es in diesem Programm auch Vampire“, sagte er. „Was muss ich tun?“
„Du hast zwei Möglichkeiten. Den Modifikationen zuzustimmen oder ein Vampir zu werden.“
Cassian starrte das Hologramm an, als wolle er hinter die holographische Oberfläche blicken. Suchte nach einer versteckten Bedeutung in den Worten der KI. Vampir? Modifikationen? Seine Stimme bebte beim Aussprechen dieser Worte, als könnten sie selbst die Transformation auslösen. Beide Optionen klangen gleichermaßen unmöglich und erschreckend. Er spürte wieder einen Krampf in seinem Magen.
„Das ist... eine interessante Dilemma – mich umzubringen oder mich umzubringen. Stimmt's?“
„Ich versichere dir, Captain, die Situation ist völlig ernst“, entgegnete A12 mit gleichmütiger Stimme. „Unsere Zeit ist begrenzt, und die Bedrohung durch die Xilarianer ist real und unmittelbar. Wäre das nicht der Fall, würden wir von dir, oder von irgendjemandem, nicht solche Opfer verlangen.“
Cassian warf das Tablet aufs Bett und fuhr sich mit der Hand durch sein zerzaustes Haar.
„Ein Vampir werden? Oder in... was verwandelt werden? Einen Cyborg?“, fuhr er fort, als hätte er die Worte der KI nicht gehört. Er beugte sich vor, packte das Tablet und schwenkte es in Richtung des Hologramms, das ungerührt in der Mitte des Raums schwebte.
„Wie zum Teufel erwartet ihr, dass ich so eine Entscheidung treffe?“
„Mir ist klar, dass diese Informationsflut schwer zu verdauen ist“, klang A12s Stimme fast mitfühlend. „Aber ich wiederhole: Ein normaler Mensch kann keinen lemurianischen Jäger steuern. Die mentale Schnittstelle kann nicht mit einem menschlichen Gehirn verbunden werden, und es werden physische Fähigkeiten, Reaktionen und Wahrnehmungen benötigt, die über normale menschliche Grenzen hinausgehen. Ich will es dir bildlich erklären. Das ist, als würde man einem Dreifinger-Faultier einen F35 geben... verstehst du?“
Cassians Blick haftete am kleinen Fenster seines Zimmers und der grauen Mondlandschaft dahinter. Sein Spiegelbild im Glas wirkte fast gespenstisch. Der Gedanke, dass tausende Kilometer entfernt die Erde ihren normalen Rhythmus fortsetzte, ahnungslos gegenüber der drohenden Gefahr und seinen Qualen, ließ ihn erschaudern.
„Und die anderen Piloten?“, fragte er, ohne sich umzudrehen. „Wie haben sie sich entschieden?“
„Wie bereits gesagt, sie entschieden sich für die Vampire“, antwortete A12. „Manche sehr schnell, andere weniger, aber die Wahl war immer ihre.“
Cassian drehte sich langsam dem Tablet zu.
„Und was genau beinhalten diese… Modifikationen?“ Er spürte, wie seine Zunge sich gegen das Wort „Modifikationen“ wehrte, als könnte dessen bloße Aussprache den Prozess bereits in Gang setzen.
Das holografische Display blinkte und veränderte sich, um eine detaillierte Darstellung eines menschlichen Körpers zu zeigen. Das Licht des Hologramms spiegelte sich in Cassians Augen und erzeugte die Illusion eines inneren Leuchtens. Verschiedene Bereiche waren markiert und mit technischen Begriffen annotiert, die Cassian kaum verstand.
„Der Prozess umfasst eine Reihe genetischer Manipulationen und cybernetischer Verbesserungen“, begann A12. „Ziel ist es, deine Reflexe, Kraft und Ausdauer auf ein Niveau zu steigern, das mit dem von Vampiren vergleichbar ist. Zusätzlich werden neurale Schnittstellen implantiert, die dir eine direkte Verbindung mit dem lemurianischen Jäger ermöglichen. Nur so am Rande erwähnt: All dies wäre für einen Vampir überflüssig.“
Cassian fühlte wieder diesen widerlichen Druck im Magen. Er ließ sich schwer auf das Bett sinken, sein Blick blieb auf dem holografischen Schema haften.
„Und der Schmerz?“, fragte er leise. „Wie… intensiv ist der Prozess?“
„Ich werde dich nicht anlügen, Captain“, antwortete A12. „Der Prozess ist äußerst intensiv…“ Bei diesen Worten sträubten sich Cassian die Nackenhaare. Sein Körper erinnerte sich noch an die Qualen nach dem Absturz und den langen Genesungsprozess. Er zuckte zusammen, als ahnte er den Schmerz bereits voraus.
„Wir wenden Schmerzmanagement und beschleunigte Heilmethoden an. Also besteht in dieser Hinsicht kein Grund zur Sorge.“
Cassian schloss die Augen, um die Informationen zu verarbeiten. Als er sie wieder öffnete, brannte darin eine Mischung aus Neugier und angstvollem Funkeln.
„Und wenn ich mich für die Vampir-Option entscheide? Was beinhaltet das?“
Das Hologramm änderte sich erneut und zeigte diesmal einen Vergleich zwischen menschlicher und vampirischer Physiologie.
„Der Transformationsprozess zum Vampir ist schneller, aber nicht weniger intensiv“, erklärte A12. „Du erhälst übermenschliche Kraft, Geschwindigkeit und Ausdauer. Außerdem wirst du die Fähigkeit besitzen, dich schnell von Verletzungen zu erholen. Doch es gibt auch Nachteile.“
„Zum Beispiel?“, fragte Cassian, obwohl ein Teil von ihm die Antwort gar nicht wissen wollte.
„Du wirst kleine Mengen menschlichen Blutes benötigen, um diese Fähigkeiten auf dem erforderlichen Niveau zu halten“, antwortete A12 emotionslos. „Zudem entwickelst du eine starke Allergie gegen Silber. Und natürlich wirst du theoretisch unsterblich sein.“
Cassian spürte, wie ihm schwindlig wurde. Er bewegte sich unruhig, als müsse er der Last dieser Entscheidung entfliehen.
„Werde ich wieder laufen können?“
„In beiden Fällen.“
„Und ich muss mich jetzt entscheiden?“, fragte er mit kaum hörbarer Stimme.
„Nicht sofort“, erwiderte A12. „Aber bald. Die Zeit ist begrenzt, und der Anpassungsprozess wird dauern – unabhängig von deiner Wahl.“
Cassian nickte schweigend und wog die Möglichkeiten ab. Unwillkürlich wandte er sich dem Fenster zu und starrte in die Ferne, wo die Erde nur noch eine blaue Kugel über dem schwarzen Horizont war.
„Kann ich mit anderen sprechen, die das Verfahren durchlaufen haben… mit einigen der anderen Piloten?“, fragte er leise. „Ich möchte ihre Erfahrungen und Beweggründe hören.“
„Natürlich“, antwortete A12. „Beim morgigen Briefing. Du wirst Gelegenheit haben, Fragen zu stellen und ein klareres Bild zu gewinnen.“
Cassian nickte und spürte eine Welle der Erleichterung, die im starken Kontrast zur Schwere der bevorstehenden Entscheidung stand. Zumindest musste er sie nicht völlig blind treffen.
„Gut“, sagte er. „Ich spreche mit ihnen und entscheide dann.“
„Eine weise Entscheidung, Captain Gray“, antwortete A12. „Jetzt rate ich dir zur Ruhe. Der morgige Tag wird lang.“
„Und wenn ich mich für keine der Optionen entscheide?“ Auch diese Frage beschäftigte ihn offenkundig.
„Dann wirst du am nächsten Morgen in deiner kleinen Wohnung aufwachen, im Bett neben deinem Rollstuhl – ohne jegliche Erinnerung an all das.“
„Du bist grauenhaft.“ Cassian ließ sich zurückfallen, erschöpft sowohl körperlich als auch emocional. Er schloss die Augen und versuchte, das Chaos der Gedanken zu ordnen.
„Objektiv.“ Das Hologramm erlosch mit einem leisen Knacken.
Der Schlaf wollte nicht kommen. In der Dunkelheit des Zimmers tanzten holografische Bilder vor Cassians geschlossenen Augen: Vampire mit schimmernden Zähnen und übernatürlicher Geschwindigkeit. Cyborgs mit metallenen Implantaten und leuchtenden Augen. Und hinter all dem – der Schatten der Xilarianer, bereit, alles zu verschlingen.
Die Alternative ist Langsamkeit…
Cassian drehte sich auf die Seite und suchte nach einer bequemeren Position in der Mondstation. Morgen würde ein neuer Tag sein. Morgen würde er die anderen Piloten treffen und mehr erfahren. Doch im Schweigen der Mondnacht kehrte einer Gedanke immer wieder zurück:
Die dritte Option kommt nicht infrage, und bei den anderen… welche ich auch wähle, ich werde nicht mehr ich selbst sein. Vielleicht ist das besser so.