KAPITEL 1
Billy rührte konzentriert die Soße in dem kupfernen Kessel. Der hölzerne Kochlöffel zog langsame Kreise durch die bernsteinfarbene Flüssigkeit, während er den würzigen Duft tief einatmete. Die Mischung aus Gewürzen war das Ergebnis jahrelanger Experimente – wilder Majoran von den nördlichen Hügeln, rosafarbener Pfeffer von Händlern aus den östlichen Inseln und etwas Besonderes. Etwas, das er den anderen Köchen niemals erzählte. Ein Tropfen seines eigenen Wesens – unsichtbare Magie, die jedem seiner Gerichte eine unerklärliche Vollkommenheit verlieh.
Doch heute waren seine Hände nicht ganz ruhig. In der Soße tanzten goldene Funken – kaum sichtbar, aber genug, um ihn dazu zu bringen, den Löffel fester zu umklammern. Nicht jetzt, dachte er. Nicht hier.
Die Palastküche summte wie ein aufgeschreckter Bienenstock. Das übliche organisierte Chaos eines wichtigen Banketts: Hilfsköche hasteten zwischen den Öfen, Diener ordneten eilig die silbernen Servierplatten, und Lehrlinge mit vom Feuer geröteten Gesichtern drehten die Fleischspieße. Die Luft war schwer und betörend. Scharfe Noten ferner Gewürze mischten sich mit der Süße karamellisierten Zuckers, dem schweren Aroma von gebratenem Fleisch und der Frische gerade geschnittener Kräuter.
Billy schloss für einen Moment die Augen und versuchte, sich in den vertrauten Rhythmus des Kochens hineinzugeben. Das beruhigte ihn immer. Hier, zwischen den Kupfertöpfen und Holzbrettern, war er nicht Beelzebub, einst Meister der himmlischen Feste. Hier war er einfach nur Billy – der begnadete Koch, der aus einfachen Zutaten kleine Wunder erschuf.
„Zwanzig Minuten bis zum ersten Gang!“, brüllte Küchenchef Durand, dessen Stimme durch den gesamten Raum hallte. Er war ein stämmiger Mann mit weißem Bart, dessen Ruf auf Perfektionismus und theatralischen Ausbrüchen beruhte. „Wenn wir zu spät kommen, wird Seine Hoheit uns statt des Bratens servieren lassen! Alle an ihre Plätze! Vorwärts!“
Billy lächelte leicht. Durand dramatisierte immer. Die Prinzen konnten natürlich warten – Kochen verlangte Zeit, Geduld und Hingabe zum Detail. Er rührte erneut die Soße, und in ihren Tiefen blitzte ein flüchtiges Gold auf. Erschien und verschwand so schnell, dass man es sich hätte einbilden können.
Gefährlich. Seine Finger umklammerten instinktiv den Löffelgriff. Das passierte manchmal, besonders wenn er emotional aufgewühlt war oder die Erinnerungen mit besonderer Wucht zurückkehrten. Winzige Splitter der Vergangenheit, Bruchstücke der Macht, die er tief in sich vergraben hatte.
Er schloss die Augen und konzentrierte sich auf das Hier und Jetzt. Er ließ die Düfte, die Geräusche und die Wärme der Küche über sich kommen, ihn im Gewöhnlichen verankern. Im sicheren Jetzt, fernab der Vergangenheit mit all ihrer Pracht und ihrem Schrecken.
„Billy!“ Die Stimme von Dino riss ihn zurück in die Gegenwart.
Der junge Lehrling stand neben ihm, eine Schale geschnittenes Gemüse in den Händen. In seinen Augen lag eine Mischung aus Bewunderung und Verwirrung. Dino war neunzehn – jung, begeistert, mit aufrichtigen braunen Augen und einem ständigen Verlangen, alles über das Kochen zu lernen. Er sah zu Billy auf wie zu einem Lehrer, obwohl er nichts von seiner wahren Natur wusste.
„Die Soße... sie hat gerade...“ Dino zögerte und suchte nach den richtigen Worten. „...gefunktelt?“
Billy atmete tief durch und bemühte sich, ruhig zu klingen.
„Hast du nichts Besseres zu tun, Junge?“, fragte er, obwohl seine Stimme nicht wirklich streng klang. „Hol mir frischen Rosmarin und schwarzen Pfeffer. Und hör auf, herumzuträumen. Konzentrier dich und mach weiter.“
Dino nickte unsicher, aber das Misstrauen in seinen Augen blieb. Billy beobachtete ihn, wie der Junge sich zu den Gewürzregalen entfernte. Für einen Moment durchzog ihn unerwartete Nostalgie. Dinos Enthusiasmus, seine reine Leidenschaft für das Kochen, erinnerte ihn an die Zeit, als er selbst noch so unschuldig gewesen war. Vor dem Fall. Bevor er erfuhr, was es wirklich bedeutete, alles zu verlieren, woran er geglaubt hatte.
Das himmlische Fest erstreckte sich, soweit das Auge reichte. Tische aus Wolken, beladen mit goldenen Schüsseln. Engel in strahlenden Gewändern lachten, hoben Kristallkelche gefüllt mit Nektar. Und er, Beelzebub, saß zur Rechten von...
Billy schüttelte abrupt den Kopf, um das Bild zu vertreiben. Das war früher gewesen. Vor dem Fall, vor der Verbannung, bevor er zu einem von vielen Wanderern wurde, gezwungen, sich unter Sterblichen zu verbergen. Die Vergangenheit musste begraben bleiben. Es war zu gefährlich, sich ihr zu nähern, besonders hier, umgeben von so vielen Menschen.
„Hier.“ Dino kehrte zurück und reichte ihm eine kleine Schüssel mit aromatischen Kräutern. Seine Augen flogen erneut zum Soßentopf, dann zurück zu Billys Gesicht. „Weißt du... manchmal, wenn ich dir beim Kochen zuschaue, habe ich das Gefühl, du machst das schon viel länger, als du aussiehst.“
Billy erstarrte einen Moment lang und studierte das Gesicht des Jungen genau. Wie viel sah Dino? Wie viel ahnte er?
„Danke“, antwortete er schließlich und streute vorsichtig frischen Rosmarin über die Soße. Der Duft stieg auf wie eine kleine Verheißung – beruhigend und erdig. „Das ist ein Rezept aus... sagen wir, bewährter Herkunft. Früher habe ich es für Feste zubereitet, bei denen...“ Er rührte einen Kreis in die Soße. „...wichtige Persönlichkeiten anwesend waren.“
„Wichtiger als die Prinzen?“ Dino sah ihn mit naiver Neugier an, ahnungslos gegenüber den gefährlichen Tiefen, die er berührte.
Billy lächelte traurig, während Erinnerungen an längst vergangenen Glanz über sein Gesicht zogen.
„Ja, aber damals wusste ich nicht, wie wichtig.“ Seine Stimme wurde sanfter, fast träumerisch. „Weißt du, Junge, die wertvollsten Dinge begreifen wir erst, wenn wir sie verlieren. So wie du...“
„Ich?“ Dino schien aufrichtig verwirrt.
„Na klar.“ Billys Tonfall wechselte abrupt, zurück zur vertrauten Maske des strengen Kochs. „Wenn du weiter trödelst und Fragen stellst, wirst du deinen Job verlieren... richtig?“ Er hob theatralisch eine Augenbraue und ließ seinen Blick kurz von der Soße schweifen.
Dino starrte ihn verwirrt an, als versuche er, die Bedeutung hinter den Worten zu entschlüsseln. Doch es blieb keine Zeit für weitere Fragen. Küchenchef Durand klatschte in die Hände und zog die Aufmerksamkeit aller in der Küche auf sich.
„Erster Gang! Alle an ihre Plätze! Es geht los!“
Die Küche explodierte in einem koordinierten Chaos. Billy vollendete die letzten Feinheiten seines Werks – die Soße war perfekt, mit einem reichen, vielschichtigen Geschmack, der die Gäste darüber rätseln ließ, was genau sein Geheimnis war. Vorsichtig tupfte er sie auf die perfekt gebratenen Wachteln, wobei jeder Tropfen mit der Präzision eines Künstlers platziert wurde.
Er arrangierte die Teller mit der Sorgfalt eines Meisters – Soßenspuren wie Pinselstriche auf weißem Porzellan, frische Kräuter wie kleine grüne Funken, ein Arrangement wilder Pilze in spiralförmiger Anordnung um das Fleisch. Jeder Teller war ein kleines Kunstwerk, geschaffen, um Gaumen und Auge zu erfreuen.
Als die fertigen Gerichte begannen, die Küche in den Händen livrierter Diener zu verlassen, spürte Billy, wie die Anspannung in seinem Körper langsam nachließ. Kochen hatte diesen Effekt immer auf ihn – es beruhigte die Stürme der Erinnerungen und erstickte die Stimmen der Vergangenheit. Hier, zwischen Öfen und Pfannen, war er Billy, der Meister der Aromen und Geschmäcker. Ein einsamer Geist seiner Vergangenheit, maskiert als Koch.
Chef Durant winkte ihn zu einer kleinen Tür, die in den Bankettsaal führte.
„Komm, Billy“, sagte er leise. „Lass uns sehen, wie sie auf unsere Kreationen reagieren.“
Die beiden traten auf die andere Seite und blieben unauffällig im Schatten stehen, wo sie die Reaktionen der Gäste beobachten konnten, ohne aufzufallen. Billy empfand immer gemischte Gefühle bei diesem Ritual – einerseits verlangte sein professioneller Stolz danach, das Vergnügen der Essenden zu sehen. Andererseits machte ihn die Nähe zur Macht stets unruhig.
Der Bankettsaal war atemberaubend in seiner Pracht. Die hohe Decke, geschmückt mit Fresken, die Szenen aus der antiken Geschichte des Königreichs darstellten, wölbte sich über ihnen wie eine himmlische Kuppel. Kristallleuchter warfen Schimmer auf seidene Wandbehänge in gold- und dunkelblauen Tönen. Der lange Eichentisch war mit einem feinen weißen Leinentuch bedeckt, auf dem silberne Bestecke, Kristallgläser und Porzellanteller mit goldenen Rändern prunkvoll angeordnet waren.
Kerzen in silbernen Leuchtern verbreiteten warmes, sanftes Licht und schufen trotz der gewaltigen Raumgröße eine behagliche Atmosphäre. An den Wänden hingen Porträts alter Könige, deren strenge Blicke die Veranstaltung zu beobachten schienen. Die perfekte Kulisse für eine Parade der Eitelkeiten, ein Maskenspiel aus Glanz und Lügen, das die wahren Absichten der Versammelten verbarg.
Die Adligen hatten bereits ihre Plätze am Tisch eingenommen – Männer in reich bestickten dunklen Samtwämsern und Frauen in Kleidern, die wie aus Mondlicht gewoben schienen. Ihre Juwelen – Diamanten, Rubine, Saphire – fingen das Kerzenlicht ein und warfen funkelnde Reflexe an die Wände. Alles war darauf ausgelegt, zu beeindrucken, den Reichtum und die Macht des königlichen Hofes zur Schau zu stellen.
Am einen Ende des Tisches saßen die Thronfolger – Prinz Aldric und Prinz Cedric, die Söhne von König Theodor. In königsblauem bzw. dunkelrotem Gewand verkörperten sie lebhaft den Wettstreit, den ihre Bestimmung von Geburt an vorgezeichnet hatte. Aldric, drei Jahre älter, hatte scharfe Gesichtszüge und eiskalte blaue Augen, die alles zu sehen und nichts zu verzeihen schienen. Cedric hingegen wirkte weicher, doch in seinen dunklen Augen brannte ein Funke von Ehrgeiz, der alles niederbrennen konnte.
„Sieh dir an, wie sie die Wachteln essen“, flüsterte Durand Billy zu, sich zu ihm hinabbeugend. „So verfeinert. Man erkennt einen wahren Aristokraten immer daran, wie er eine Wachtel verzehrt. Schau – kleine Bissen, sorgfältiges Kauen, wertschätzende Blicke.“
Billy nickte zerstreut, während er beobachtete, wie die Diener den ersten Gang servierten. Sie bewegten sich mit der geräuschlosen Eleganz gut ausgebildeter Bediensteter – unsichtbar, effizient, Teil der Dekoration. Die Gäste reagierten mit bewundernden Ausrufen beim Anblick der kunstvoll angerichteten Teller, und der Duft der Soße breitete sich wie eine stille Verheißung der Köstlichkeit im Saal aus.
Prinz Aldric führte den ersten Bissen mit zeremonieller Langsamkeit zum Mund, wie einer, der weiß, dass er beobachtet wird. Er schloss die Augen und ließ den Geschmack sich auf seiner Zunge entfalten. Sein Gesicht erhellte sich vor Genuss – echt, ungekünstelt.
„Ausgezeichnet!“, rief er und nickte anerkennend. Seine Stimme trug die Autorität eines Mannes, der es gewohnt war, gehört zu werden. „Chef Durand hat sich selbst übertroffen.“ Sein Blick fand den eitel aufgeblähten Koch. „Meine Gratulation, guter Mann. Diese Kombination von Aromen ist... fast göttlich.“
Durand verbeugte sich leicht, sichtlich geschmeichelt. Obwohl die Soße allein Billys Werk war, verletzte es ihn nicht, nicht erwähnt zu werden. Er hatte den Durst nach Ruhm oder Anerkennung längst aufgegeben. Für ihn waren das Trugbilder einer Vergangenheit, an die er nicht mehr glaubte.
„Mein Bruder war schon immer leicht zu beeindrucken, wenn es um gutes Essen geht“, warf Prinz Cedric ein, eine Spur spöttischer Unterton in der Stimme. Sein Lächeln war höflich, doch in seinen Augen funkelte etwas Schärferes. „Doch ich muss zugeben – heute Abend haben die Köche wahrlich Großartiges geleistet.“
Billy spürte die Spannung zwischen den Brüdern wie eine physische Präsenz im Raum. Sie war für Ungeübte kaum wahrnehmbar, hinter höflichen Lächeln und eleganten Manieren versteckt, doch spürbar wie die elektrisch aufgeladene Luft vor einem Gewitter. Alles – ihre Blicke, ihr Tonfall, sogar die Art, wie sie das Besteck hielten – verriet eine tief verwurzelte Rivalität, aus der nur eines entstehen konnte: Verrat.
Die anderen Gäste schienen die Spannung zu spüren, auch wenn die meisten sich bemühten, sie zu ignorieren. Die Gespräche am Tisch wurden mit übertriebener Höflichkeit geführt, als wollte jeder sein Unbehagen überspielen.
Als das Bankett weiterging und immer aufwendigere Gerichte serviert wurden, lebten die Gespräche langsam auf. Billy nutzte die Gelegenheit, um sich zurück in die Küche zu schleichen und die letzten Details seines Desserts – der sorgfältig gehüteten Krönung des Abends – zu vollenden.
Das Dessert war ein anspruchsvolles Projekt – eine komplexe Konstruktion aus Schokolade, Karamell und wilden Waldbeeren, deren Herstellung nicht nur kulinarisches Können, sondern auch architektonische Präzision erforderte. Die Basis bestand aus der feinsten dunklen Schokolade, sorgfältig temperiert bis zur perfekten Glätte. Darüber türmten sich zarte Schichten von Vanillecreme und Karamellmus, verziert mit kandierten Früchten und Blättern aus Zuckerteig.
Während er zusätzliche Schokolade in einem kleinen Kupfertopf über einem Wasserbad schmolz, überfiel ihn die Erinnerung mit schmerzhafter Wucht:
Er bereitete Ambrosia und Nektar zu, göttliche Köstlichkeiten, die irdische Speisen fad und armselig erscheinen ließen. Er, Beelzebub, war der Meister der himmlischen Feste, der Schöpfer von Geschmäckern, die sich nicht einmal die anderen Engel vorstellen konnten. Seine Hände arbeiteten mit Zutaten, die in der sterblichen Welt nicht existierten – Essenzen aus Sternenlicht, kristallisierter Lärm, der Atem der Ewigkeit.
Luzifer selbst – der schöne, stolze Luzifer – hatte ihn gelobt, ihm die Hand auf die Schulter gelegt: „Niemand kann Genuss erschaffen wie du, Bruder. Deine Werke sind ein Schritt vom Paradies zu etwas noch Höherem.“
Die Schokolade im Topf erwachte plötzlich zum Leben, sprühte goldene Funken, brodelte und wölbte sich unter seinen Händen. Die Flüssigkeit strahlte ein unirdisches Leuchten aus, ihr Duft wurde zu etwas, das über gewöhnliche Sinnesfreude hinausging – eine Erinnerung an das Paradies, ein Splitter verlorener Vollkommenheit.
Billy stieß einen leisen Laut aus und blickte panisch durch die Küche. Zum Glück war jeder in eigene Aufgaben vertieft – Dino schnitt Früchte, andere Köche bereiteten weitere Gerichte vor, und Durand brüllte Anweisungen von der anderen Seite des Raums. Niemand hatte das kleine Wunder in seinen Händen bemerkt.
„Hör auf“, flüsterte er zur Schokolade und umklammerte den Topfrand. „Bitte, hör auf. Nicht jetzt.“
Die Schokolade beruhigte sich, das Goldlicht verblasste und verschwand. Sie kehrte in ihren normalen Zustand zurück, doch ihr Duft trug noch immer eine Spur der übernatürlichen Verwandlung. Die Gefahr, entdeckt zu werden, war geringer, aber nicht gänzlich gebannt. Ein besonders aufmerksamer Beobachter hätte vielleicht noch bemerkt, dass etwas nicht stimmte.
Haarscharf. Billy schüttelte den Kopf, während er das leichte Zittern seiner Hände spürte. Es wurde immer schwerer, seine Kräfte zu kontrollieren. Sie brachen immer häufiger und intensiver durch, besonders wenn er emotional aufgewühlt war oder die Erinnerungen mit besonderer Wucht zurückkehrten. Und in letzter Zeit kamen sie öfter, klarer, hartnäckiger – wie Dämonen, die ihn aus den Schatten seines Unterbewusstseins verfolgten.
Vielleicht lag es an der Nähe zur Macht. Paläste waren immer Nährböden für Ehrgeiz und Intrigen, und solche Emotionen hatten eine Art, alte Kräfte zu wecken. Oder vielleicht wurde er einfach älter und schwächer, und seine Kontrolle über seine Natur zerfiel wie morscher Stoff.
Während er die letzten Details des Desserts vollendete – die Zuckerblätter mit einer Pinzette platziert, goldene Punkte aus Honig mit dem feinsten Pinsel aufgetragen, die Beeren mit mathematischer Präzision arrangiert – näherte sich Dino ihm.
„Billy, du musst das sehen“, flüsterte er hastig, unverkennbare Sorge in der Stimme. „Komm schnell.“
Billy ließ die Arbeit ruhen und blickte den Jungen an. In Dinos Augen lag etwas, das er zuvor nie gesehen hatte – Angst, vermischt mit Verwirrung.
„Was ist?“, fragte er leise.
„Komm einfach.“ Der Junge griff nach seiner Hand und zog ihn zur Tür. „Aber sei leise.“
Billy folgte, die Neugier gemischt mit wachsender Besorgnis. Dino legte schnell einen Finger auf die Lippen, dann wies auf sein Ohr und schließlich zur Halle. Seine Gesten waren eindeutig – hör zu, aber lass dich nicht bemerken.
Billy lauschte aufmerksam. Zunächst nahm er nur die übliche Geräuschkulisse eines eleganten Abendessens wahr – das Klirren von Silberbesteck auf Porzellan, gedämpftes Gelächter, leise Gespräche. Doch nach und nach konzentrierte sich seine Aufmerksamkeit auf eine Stimme, die immer lauter und angespannter wurde und die anderen Unterhaltungen übertönte.
"...es ist absolut inakzeptabel, solch ketzerischen Ideen in unserem Königreich freien Lauf zu lassen", sagte Prinz Aldric und umklammerte seinen Kelch so fest, dass die Knöchel seiner Hand weiß hervortraten. "Der Orden von Azur hat recht mit seinen Befürchtungen – zu viele gefährliche Elemente schleichen sich wie Schlangen in unseren Garten und mischen sich unter die Gesellschaft."
Beim Erwähnen des Ordens von Azur spürte Billy, wie eine eisige Welle durch seine Adern kroch. Der Orden – eine religiöse Organisation, die der Ausrottung alles dessen gewidmet war, was sie als unnatürlich oder gegen den Willen ihres Gottes Azur ansahen. Dazu gehörten Magier, Hexenmeister und vor allem die gefallenen Engel. Sie waren die Jäger, die ihn seit Jahrhunderten verfolgten, unerbittlich in ihrem Bestreben, die Welt von der »Unreinheit« zu säubern.
"Ketzerische Ideen?", erwiderte Prinz Cedric mit bitterem Lächeln, und in seiner Stimme lag eine Verachtung, die er nicht verbergen wollte. "So nennt man jetzt freies Denken, mein Bruder? Der Orden von Azur ist nichts weiter als eine Bande von Fanatikern, die hinter jeder Tür Dämonen und in jedem ungewöhnlichen Ereignis Magie sehen."
Seine Worte lösten ein Geflüster im Saal aus. Einige Adlige nickten zustimmend, andere schienen schockiert von dieser offenen Kritik am Orden. Billy spürte, wie sich die Anspannung im Raum wie Nebel verdichtete.
"Überleg dir deine Worte gut, Cedric", warnte Aldric und beugte sich vor. Seine Augen brannten vor etwas, das mehr als Zorn war – einer fanatischen Leidenschaft, die seine Stimme zugleich wie ein Gebet und eine Drohung klingen ließ. "Bald, wenn ich auf dem Thron sitze, wird der Orden seinen rechtmäßigen Platz an unserem Hof erhalten. Sie sind die Einzigen, die die wahren Bedrohungen verstehen, denen unser Königreich ausgesetzt ist. Die Einzigen, die den Mut haben, sich der Dunkelheit entgegenzustellen."
"Wenn du auf dem Thron sitzt?" Cedric lachte, doch sein Lachen hatte nichts Fröhliches. Es war scharf und bitter wie Gift. "Bist du dir so sicher, dass unser Vater dich wählen wird, Bruder? Vielleicht ist es an der Zeit, zu begreifen, dass das Erstgeburtsrecht nicht das Einzige ist, das einen würdigen König ausmacht. Es gibt andere Qualitäten – wie die Fähigkeit, mit dem eigenen Kopf zu denken, anstatt sich von diesen Fanatikern leiten zu lassen."
Die Spannung im Saal war jetzt fast greifbar. Die Gäste rutschten unruhig auf ihren Stühlen, einige tauschten besorgte Blicke, andere beobachteten das Drama mit verhaltenem Interesse. Ein Theater der Ambitionen und des aufkeimenden Verrats, inszeniert unter dem Deckmantel der Zivilisation.
Billy klammerte sich an den Türrahmen und spürte, wie sein Herz schneller schlug. Dies war kein gewöhnlicher Familienzwist zwischen zwei Prinzen. Es war ein Vorbote von etwas viel Gefährlicherem – eines politischen Umschwungs, der den Orden an die Macht bringen konnte. Und falls das geschah...
"Ich will dieses... Vergnügen nicht unterbrechen", meldete sich eine elegant gekleidete Dame mit rubinbesetzten grauen Haaren zu Wort. Es war Gräfin Margarete, eine der einflussreichsten Damen am Hof, bekannt für ihre diplomatischen Fähigkeiten und ihre scharfe Zunge. Ihr Lächeln war schneidender als ein Rasiermesser. "Aber es scheint Zeit für das Dessert zu sein, liebe Prinzen. Lassen wir die Politik im Ratssaal, wo sie hingehört."
Ihr Vorschlag löste erleichtertes Nicken im Saal aus. Niemand wollte Zeuge einer weiteren Verschlechterung der Beziehung zwischen den Prinzen werden – zumindest nicht öffentlich.
Billy eilte zurück in die Küche und versuchte mit zitternden Händen, das Dessert zu vollenden. Die Worte aus dem Saal hallten in seinem Kopf wie Totenglocken. Der Orden von Azur, hier, so nah an der Macht. Wie töricht war es gewesen zu glauben, er könne friedlich in derselben Stadt leben, in der Prinzen eine Organisation unterstützten, die der Vernichtung seiner Art gewidmet war?
Ich hätte es wissen müssen, dachte er, während er die letzten Verzierungen auf dem Dessert anbrachte. Ich hätte die politischen Ansichten der Prinzen recherchieren sollen, bevor ich mich hier niederließ. Aber ich war so müde von der ständigen Flucht...
Wie nahe waren die Ritter des Ordens? Wussten sie, dass er in der Stadt war? Was wussten sie über die anderen Seinesgleichen? Im Laufe der Jahrhunderte hatte er andere gefallene Engel getroffen – herumstreunende Gestalten wie ihn, die versuchten, unbemerkt unter den Menschen zu leben. Die meisten verschwanden eines Tages. Niemand wusste, ob sie weitergezogen waren oder ob der Orden sie entdeckt hatte.
Die Diener trugen die Desserts hinaus, und er kehrte zum Türrahmen zurück, um seine Unruhe unter der Maske professionellen Interesses zu verbergen. Trotz der Anspannung von vorhin lösten die Desserts bewunderndes Raunen im Saal aus. Die kunstvollen Schokoladen- und Karamellkreationen glänzten im Kerzenlicht wie kleine architektonische Wunder.
Für einen Moment vergaßen sogar die Prinzen ihren Streit, als sie die geschmacklichen Kombinationen probierten. Aldric zeigte seine Anerkennung mit einem kurzen Nicken, und Cedric lächelte sogar – das erste echte Lächeln, das Billy an diesem Abend auf seinem Gesicht sah. Eine Illusion des Friedens, die den aufziehenden Sturm verbarg.
Doch der Friede war, wie Billy vermutet hatte, nur von kurzer Dauer.
"Weißt du, was mir die Ritter des Ordens letzte Woche erzählt haben?", fuhr Aldric fort, während er den Staub von seiner Serviette klopfte. Seine kalten Augen ruhten erneut auf seinem Bruder. "Dass unter uns Kreaturen leben, die nicht das sind, wofür sie sich ausgeben. Kreaturen mit schmutzigen, widernatürlichen Kräften, die sich wie Parasiten unter gewöhnliche Menschen mischen."
Billy erstarrte, als er spürte, wie ihm das Blut aus dem Gesicht wich. Sein Herz schlug so heftig, dass er sich fragte, ob die anderen es hören konnten.
"Ach, bitte«, seufzte Cedric und warf seinem Bruder einen offen genervten Blick zu. »Als Nächstes erzählst du mir, Dämonen und gefallene Engel bedienten unser Abendessen."
Einige Adlige lachten nervös, doch Billy konnte nicht einmal ein Lächeln aufbringen. Die Ironie in Cedrics Worten war beinahe schmerzhaft. Wenn er wüsste, wie nah er der Wahrheit war...
"Lacht nur", Aldrics Stimme schnitt wie Eis durch die Geräusche im Saal. "Aber der Orden hat Methoden, die Wahrheit zu enthüllen. Spezielle Gebete, geweihte Gegenstände, alte Rituale. Und wenn er das tut..."
Seine Worte wurden von einem plötzlichen Krachen unterbrochen. Einer der Kristallkelche auf dem Tisch zerbrach ohne ersichtlichen Grund und spritzte rotes Wein über die weiße Tischdecke. Die daneben sitzende Dame – die junge Gräfin Eleonore – kreischte auf und sprang zurück, während sich ihr Kleid mit dunklen Flecken färbte.
"Himmel!", rief sie. "Was war das?"
"Verfluchter Kelch", murmelte jemand vom anderen Ende des Tisches. "Offenbar war ein Riss drin."
Doch Billy kannte die Wahrheit. Dies war kein Kristallschaden. Es war seine Schuld – eine Folge der Kraft, die durch die Risse seiner schwindenden Selbstbeherrschung sickerte. Die Angst und der Zorn, die Aldrics Worte ausgelöst hatten, fanden auf unvorhersehbare Weise ein Ventil.
Der Saal füllte sich mit kontrolliertem Chaos – Diener beeilten sich, den verschütteten Wein wegzuwischen und die Glassplitter aufzusammeln, die Gäste murmelten Beileidsbekundungen und reichten der beklecksten Gräfin Servietten, während die Musiker in der Ecke lauter spielten, um die Unruhe zu übertönen.
Billy nutzte die Verwirrung, um sich tief in die Küche zurückzuziehen. Er brauchte einen Moment, um sich zu sammeln, tief durchzuatmen, weg von den Blicken und Ohren der anderen. Er setzte sich an einen der Herde und spürte, wie seine Hände unkontrolliert zitterten.
Zu gefährlich, dachte er. Viel zu gefährlich, hier zu bleiben.
Die Küche drehte sich um ihn, die Geräusche wurden dumpf, das Licht verschwamm. Sein Gesicht war von eisigem Schweiß bedeckt, in seiner Brust bildete sich ein schmerzhafter Knoten. Dann, ohne Vorwarnung, überkam ihn die nächste Vision mit voller Wucht:
Er rannte durch dunkle Kopfsteinpflasterstraßen, verfolgt von Gestalten in silbernen Roben mit Kapuzen. Ihre Schritte hallten unheilvoll von den steinernen Hauswänden wider. Auf ihren Brust schimmerte das Symbol des Ordens – ein Auge im Zentrum einer stilisierten Sonne, aus Silber und Gold gefertigt. In ihren Händen hielten sie Waffen, die ein unheilvolles blaues Licht ausstrahlten – Schwerter, von ihren Priestern gesegnet, fähig, Wunden zuzufügen, die niemals heilten.
"Wir haben dich gefunden, Beelzebub." Eine Stimme hinter ihm, kalt und gefühllos wie ein Grabstein. "Glaubst du, du könntest dich für immer verstecken? Glaubst du, deine Sünden würden dich niemals einholen? Keiner der Sieben kann der Gerechtigkeit Azurs entkommen."
Die Szene wechselte abrupt, wie eine Traumvision. Nun kniete er auf kaltem Steinboden in einer düsteren Kerkerzelle. Seine Hände waren in Ketten gefesselt, die nicht aus gewöhnlichem Metall waren – sie brannten wie Feuer gegen seine Haut und hinterließen schwarze Spuren, wo sie ihn berührten. Der Schmerz war unerträglich, doch er weigerte sich zu schreien.
Vor ihm stand eine hohe Gestalt in den reich verzierten Gewändern eines Hohepriesters des Ordens. Sein Gesicht war hinter einer weißen Maske verborgen, die ein engelhaftes, emotionsloses Antlitz zeigte. Die Augen hinter der Maske brannten mit fanatischem Feuer.
"Wo sind die anderen deiner Art?", fragte die Gestalt, und ihre Stimme war unverhohlen drohend. "Wo ist der Schlüssel, den du trägst? Sprich, und dein Leiden wird schnell enden."
Er antwortete nicht. Er konnte die anderen nicht verraten, selbst wenn er wollte. Unerträglicher Schmerz durchzog jede Faser seines Körpers, doch seine Lippen blieben zusammengepresst.
Noch einmal wechselte das Bild. Er lag auf dem kalten Steinboden, atmete kaum noch, spürte, wie seine Lebenskraft wie Wasser durch die Risse eines Gefäßes sickerte. Über ihm beugte sich eine vertraute Gestalt – Luzifer, doch nicht der Luzifer, an den er sich erinnerte. Dieser Luzifer wirkte müde, gequält, mit sorgenvollen Augen, erfüllt von Hilflosigkeit.
"Du hättest deine Kraft nutzen sollen, Bruder", sagte Luzifer, und seine Stimme war voller Kummer. "Anstatt sie zu verbergen, hättest du sie annehmen sollen. Du hättest kämpfen sollen. Es ist noch nicht zu spät – komm mit mir. Gemeinsam können wir ihnen entgegentreten."
Eiskalter Stahl berührte seine Kehle, und eine fremde Stimme flüsterte: »Lauf. Sofort. Sie kommen heute Nacht nach dir.«
Billy kehrte mit einem heftigen Luftholen in die Realität zurück, taumelte und stützte sich auf den Küchentisch. Sein Herz schlug wild, sein Atem war flach und unregelmäßig. Sein ganzer Körper war schweißgebadet.
Dino stand neben ihm, die Augen weit aufgerissen vor Bestürzung.
"Billy!", rief er leise, aber dringlich. »Geht es dir gut? Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen. Oder... oder etwas Schlimmeres.«
"Vielleicht habe ich das", flüsterte Billy und spürte, wie seine Hände zitterten. Die Worte aus der Vision hallten in seinem Kopf wie Trauergeläut: "Lauf. Sofort. Sie kommen heute Nacht nach dir."
Es war eine Warnung, die er nicht ignorieren konnte. Die Visionen kamen nie ohne Grund – es war Teil des Fluches der gefallenen Engel. Sie sahen Fragmente der Vergangenheit und Zukunft, Bruchstücke von Wahrheiten, die gewöhnliche Wesen nicht wahrnehmen konnten.
Er musste den Palast verlassen. Er musste die Stadt verlassen. Der Orden von Azur war näher, als er es sich leisten konnte, und wenn Prinz Aldric tatsächlich den Thron bestieg... die Zukunft würde sich zu einem lebenden Albtraum entwickeln.
»Dino«, er kämpfte gegen das Zittern in seiner Stimme, »ich muss gehen. Sofort.«
"Was?" Der Junge schien ehrlich schockiert. "Aber das Essen ist noch nicht vorbei, und der Küchenchef wird wütend sein, wenn..."
"Mir geht es nicht gut, Junge", unterbrach ihn Billy und versuchte, eine plausible Erklärung zu finden. "Sag ihm, ich sei plötzlich krank geworden. Sag, was du willst – dass ich Fieber habe, Magenverstimmung, was auch immer. Wichtig ist, dass ich nicht in der Küche zusammenklappe und noch mehr Aufruhr verursache."
Billy zog schnell seine Schürze aus und hängte sie an den gewohnten Haken neben der Tür. Seine Bewegungen waren automatisch, doch sein Kopf arbeitete fieberhaft an den nächsten Schritten. Er würde zurück in seine kleine Wohnung im Handwerkerviertel gehen, seine wenigen Habseligkeiten zusammenpacken – einige Kleidungsstücke, seine Ersparnisse, das Rezeptbuch, das er seit Jahrhunderten mit sich trug. Dann würde er die Stadt vor Sonnenaufgang verlassen, bevor der Orden die Schlinge um ihn zuziehen konnte.
Aber wohin? Das war die Frage, die ihn seit langen Jahren quälte. Wie weit musste er reisen, um den unerbittlichen Jägern zu entkommen? In welcher Stadt konnte er Zuflucht finden, ohne die Menschen zu gefährden, die ihm womöglich nahekommen würden?
Und vor allem: Was bedeutete die Vision? Wer war die geheimnisvolle Stimme, die ihn gewarnt hatte? Warum schien Luzifer so... menschlich? So verloren und verletzlich, so anders als der stolze Erzengel, der einst die Rebellion gegen den Himmel angeführt hatte?
"Du kannst nicht einfach so gehen«, beharrte Dino und packte ihn am Arm. In seiner Stimme lag echte Besorgnis und Verwirrung. »Was ist hier wirklich los? Seit Wochen beobachte ich dich und sehe, dass dich etwas umtreibt. Manchmal starrst du ins Leere, als würdest du Dinge sehen, die andere nicht sehen können. Und heute..."
Billy zögerte und blickte in die aufrichtigen braunen Augen des Jungen. Etwas an Dino – seine Naivität, seine unverhohlene Fürsorge, der ehrliche Wunsch zu helfen – ließ ihn sehnen, sich ihm anzuvertrauen. Für einen kurzen Moment überlegte er, die Wahrheit zu sagen. Die Last der Jahrhunderte einsamer Existenz zu teilen, zu erklären, warum er immer fluchtbereit sein musste, seine wahre Natur vor diesem jungen Mann zu enthüllen, der ihn wie einen Lehrer und Freund ansah.
Doch er konnte es nicht. Die Vergangenheit hatte ihn einen schmerzhaften Lehr gelehrt: Vertrauen war ein Luxus, den gefallene Engel sich nicht leisten konnten. Jeder, der die Wahrheit über sie erfuhr, wurde zur Zielscheibe des Ordens. Jeder, der versuchte, sie zu schützen, teilte ihr Schicksal.
"Manchmal, mein Junge«, sagte er leise, und seine Stimme war voll von der Trauer unzähliger Abschiede, »müssen wir auf unsere Instinkte hören. Und meine sagen mir, dass ich gehen muss. Und ich werde nicht zurückkommen. Frag nicht warum. Behalte mich so in Erinnerung, wie ich jetzt bin."
Dino blickte ihn schmerzlich verwirrt an.
"Aber... aber du bist der beste Koch, dem ich je begegnet bin«, sagte er, und seine Stimme schwankte vor Verzweiflung. »Ich habe so viel von dir gelernt. Ohne dich... wie soll ich..."
"Du wirst es großartig meistern«, unterbrach ihn Billy und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Einen Moment lang erlaubte er seiner wahren Anteilnahme, sich in seiner Stimme zu zeigen. »Du hast Talent, Dino. Echtes Talent. Du brauchst mich nicht, um ein großartiger Koch zu werden. Du brauchst nur Zeit und Erfahrung."
KAPITEL 2
Dino stand wie versteinert, die Hand noch in der Luft ausgestreckt. Seine Finger zitterten leicht – das einzige Zeichen, dass die Zeit nicht stehen geblieben war, dass die Welt um sie herum weiter existierte. Der junge Mann öffnete einmal den Mund, dann noch einmal, als wären die Worte irgendwo in seiner Kehle stecken geblieben. Als er schließlich sprach, war seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern:
„Ich verstehe nicht. Warum… warum musst du gehen?“
Billy blickte ihn lange an und suchte nach einer Erklärung für das Unerklärliche. Wie sollte er diesem Jungen sagen, dass die Ereignisse, die er in seinem Kopf gesehen hatte, realer waren als der Raum, in dem sie standen? Wie konnte er die Ketten beschreiben, die er noch immer an seinen Handgelenken spürte, den bitteren Geschmack der Angst auf seiner Zunge?
„Manchmal“, begann er langsam, „da gibt es einfach Dinge, die wir tun müssen. Selbst wenn wir es nicht wollen.“
„Aber ich…“ Dino machte einen Schritt auf ihn zu, dann hielt er inne. „Ich dachte, wir wären… dass du hier glücklich bist. Gestern hast du so viel gelacht, als ich dir von Lord Morington und dem Huhn erzählt habe.“
Das Lächeln, das sich auf Billys Gesicht zeigte, war bitter wie Wermut.
„Ich war glücklich. Vielleicht zu glücklich.“ Er trat näher und legte Dino die Hände auf die Schultern. „Dino, hör mir gut zu. Erinner dich an mich, so wie ich jetzt bin. Und wenn jemand fragt … wenn jemand mit Masken oder silbernen Roben kommt und nach dem Koch Billy Moss sucht … sag ihm, dass du mich niemals gesehen hast. Könntest du das für mich tun?“
Dino nickte schnell, so schnell, dass sich sein Haar bewegte.
„Ja, aber … wohin gehst du? Wie soll ich dich finden, wenn—?“
„Du wirst mich nicht finden“, unterbrach Billy ihn leise. „Und das ist besser so.“
Er trat von dem Jungen zurück, jeder Schritt schwer wie Blei. Hinter sich spürte er, wie Dino eine Bewegung machte, dann hörte er seine Schritte stocken. Die Küchentür schloss sich hinter ihm mit einem dumpfen Klang und schnitt ihn ab von dem letzten Rest Normalität, den er gekannt hatte.
Die Korridore des Palastes erstreckten sich vor ihm wie ein Labyrinth aus Schatten und Gefahren. Die Fackeln an den Wänden warfen flackerndes Licht auf die Wandteppiche, wodurch die eingewebten Figuren lebendig zu werden schienen. Irgendwo in der Ferne war gedämpftes Gelächter zu hören – wahrscheinlich erzählte ein Lord seinen Begleitern einen Witz. Der Klang wirkte fremd, als käme er aus einer anderen Welt.
Was tue ich hier?
Seine Gedanken wirbelten wie ein Strudel.
Ich fliehe wieder. Immer fliehe ich. Warum kann ich nicht einfach bleiben und kämpfen?
Doch selbst während er sich die Frage stellte, kannte er die Antwort. Die Vision war zu deutlich, zu real, um sie zu ignorieren. Die maskierte Gestalt mit der Stimme wie berstendes Eis, die Ketten, die seine Haut so stark brannten, dass er den Schmerz immer noch spürte, die Verzweiflung in Luzifers Stimme... All das war mehr als eine Erinnerung. Es war eine Warnung. Eine Drohung.
Billy schlich sich durch die Seitengänge und mied die Hauptwege, wo die Adeligen noch nach dem Abendessen umhergingen. Er kannte diese Korridore wie seine eigene Westentasche – vier Jahre Arbeit im Palast hatten gereicht, um jeden versteckten Pfad, jeden geheimen Winkel zu lernen. Er hörte widerhallende Stimmen, Gelächter, das Klirren von Gläsern – die Geräusche einer Welt, zu der er nie wirklich gehört hatte, auch wenn er sie jeden Tag bedient hatte.
Bevor er den Dienstboteneingang erreichte, blieb er stehen und horchte. Schritte. Schwere, selbstbewusste Schritte, die vom Hauptkorridor kamen. Billy drückte sich an die Wand und hielt den Atem an. Zwei Wachen gingen vorbei, sich lebhaft über das anstehende Turnier unterhaltend. Er wartete, bis das Geräusch ihrer Schritte in der Ferne verklang, bevor er weiterging.
Als er den Dienstboteneingang erreichte, traf ihn die Nachtluft wie eine eisige Hand ins Gesicht. Die Sterne funkelten über ihm, gleichgültig gegenüber den menschlichen Dramen unten. Der Mond war neu – nur eine dünne Sichel, die trübes Licht auf den Garten warf. Er blieb einen Moment stehen und atmete tief die kalte Luft ein. Sie roch nach Herbst, nach gefallenem Laub und dem kommenden Winter.
Wie oft habe ich das schon getan?
Die Frage schlich sich ungebeten in sein Bewusstsein.
Wie viele Städte habe ich nachts verlassen? Wie viele Namen habe ich zurückgelassen?
Billy Mos war nur der letzte in einer langen Reihe. Davor war er Thomas Bäcker im Königreich des Nordens gewesen – dort war er nur zwei Jahre geblieben, bevor er merkte, dass ihn jemand verfolgte. Und davor – Markus Koch in den Hafenstädten des Westens, wo die Stürme vom Meer kamen und Nachrichten von seltsamen Ereignissen in fernen Ländern mitbrachten. Immer Koch, immer im Schatten, immer bereit, in dem Moment zu fliehen, wenn etwas schieflief.
Doch diesmal war es anders. Diesmal hatte die Vision Luzifers Gesicht gezeigt – nicht den dämonischen Herrscher aus den Legenden, der Kinder mit seinen Geschichten erschreckte, sondern etwas Menschlicheres, Verletzlicherer. Die brüderliche Sorge in seinen Augen war echt, selbst im Albtraum. Der Schmerz in seiner Stimme, als er seinen Namen rief...
Bruder.
Das Wort hallte in seinem Kopf nach wie ein Echo aus vergessener Zeit, wie der Nachklang einer Melodie, die er einst gekannt, aber nun nicht mehr vollständig erinnern konnte.
Billy schloss die Augen und versuchte, dem Gedanken zu seinen Wurzeln zu folgen. Fragmente von Bildern schlichen sich in sein Bewusstsein – sieben Gestalten, die um einen gewaltigen Tisch aus schwarzem Obsidian saßen, deren Lachen in einem Saal mit Kristallwänden widerhallte. Das Gefühl der Zugehörigkeit, der Vollständigkeit, das er als Mensch nie erfahren hatte. Das Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein, Wichtigerem als sein eigenes Leben.
Und dann – Leere. Schmerzhafte, gleißende Leere, die ihn in jedem Traum verfolgte, in jedem Moment der Einsamkeit.
„Beelzebub“, entwich der Name seinen Lippen wie ein Seufzer, wie ein Gebet zu einem vergessenen Gott.
Doch die Erinnerungen waren fragmentarisch, wie ein zerbrochener Spiegel, dessen Scherben verschiedene Teile eines größeren Bildes reflektierten, das er nicht mehr ganz sehen konnte. Je mehr er versuchte, sie zusammenzusetzen, desto mehr zerrannen sie zwischen seinen Fingern wie Sand.
Blieb nur noch eine sichere Gewissheit – dass er fliehen musste. Dass die Gefahr näher kam. Und dass es diesmal vielleicht keinen Ort geben würde, an dem er sich verstecken könnte.