Excerpt from Zwei Welten

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KAPITEL 1

„...Leid und Elend - du stehst vor einer schweren Wahl. Was ist gefährlicher für den Tag als der Sturm der Gefühle...”

Der Reitertrupp schaffte es kurz vor dem Unwetter, in einem kleinen Bauernhof am Stadtrand Unterschlupf zu finden. Der Hof lag am Fuße eines mit uralten Bäumen bewachsenen Hügels.

Sie baten den sie empfangenden Bauern höflich um ein Dach über dem Kopf und erhielten die Scheune. Nichts weiter. Das genügte ihnen. Erschöpft vom tagelangen Gewaltmarsch waren sie am Ende ihrer Kräfte.

Rasch machten sie Platz im Stroh und spannten die behelfsmäßige Trage aus. Die Frau darauf stöhnte auf, öffnete aber nicht die Augen.

Ihr Zustand verschlechterte sich zusehends. Sie brauchte einen Heiler, und zwar einen guten. Die Bemühungen eines einfachen Dorffeldschers würden nicht ausreichen. Sie waren sich sicher, in der nur etwa eine Stunde entfernten Stadt einen zu finden, doch das aufziehende Unwetter zwang sie zur Umkehr und zur Suche nach einem Unterschlupf.

Der sichtlich jüngste der Reiter kniete sich neben die Trage und führte einen geöffneten Wasserschlauch an die aufgesprungenen, fast farblosen Lippen der Frau.

„Trink!", forderte er sie mit leicht heiserer Stimme auf. Seine Hand, die den Wasserschlauch hielt, zitterte kaum merklich, als die kraftlose Hand der Frau sie berührte. Die kreideweißen Finger umschlossen sanft die schwielige Rechte, als wollten sie etwas von ihrer Wärme aufnehmen. Ihr Kopf bewegte sich leicht in einer abweisenden Geste.

Der Mann griff mit der freien Hand in seine geöffnete Brust und zog aus einer Innentasche seines Lederhemds ein kleines, aber sauberes Tuch hervor. Er tränkte es mit Wasser aus dem Schlauch und begann mit behutsamen, fast zärtlichen Bewegungen ihre Lippen zu befeuchten. Die Frau versuchte die Augen zu öffnen. Vergeblich. Durch die kurz entstehenden schmalen Spalten waren ihre geweiteten Pupillen zu sehen, doch dann sanken ihre Lider kraftlos herab, die schweren Wimpern verklebten miteinander, durch die sich mühsam eine kleine Träne ihren Weg bahnte.

„Wie geht es ihr?", näherte sich ein älterer Mann, der genauso gekleidet war wie der Jüngere. Der einzige Unterschied in ihrer Kleidung war ein breitkrempiger Lederhut, der würdevoll seinen Kopf zierte. Er war wie ein Teil von ihm und trennte sich nie davon. Er trug ihn leicht nach vorne geneigt, sodass seine Augen nicht zu sehen waren.

Aufmerksameren Beobachtern wäre jedoch die tiefe Narbe nicht entgangen, die seine Stirn von einem Ende zum anderen durchzog. Die längst verheilte Wunde hatte eine tief gefurchte Kerbe hinterlassen, deren Blässe seine dunkelbraunen Augen betonte. Dem Gesicht des Mannes fehlte jegliche Behaarung. Keine Augenbrauen, keine Wimpern, und unter dem Hut konnte sein kahler Schädel nicht einmal mit einem einzigen Haar aufwarten.

Er trug einen Umhang, der seine breiten Schultern umhüllte und bis zum Boden reichte. Dieser verbarg jedoch nicht seine muskulöse Brust, die unter dem leicht geöffneten Lederhemd hervortrat. Mit einer fast jugendlich glatten Haut, die eher zur Zierde von zwei kleinen Narben durchzogen war, fehlte auch hier die für einen Mann typische Behaarung. All diese Besonderheiten hatten ihm den Spitznamen „Die Schlange" eingebracht, den er mit Stolz trug.

„Es steht nicht gut, Schlange", der junge Mann hob den Blick zum älteren und schüttelte den Kopf. „Sie braucht einen Heiler, und zwar schnell. Ich weiß nicht, ob sie noch einen Tag durchhält."

„Der Sturm zieht auf und wir können nicht weiter. Sie muss durchhalten", stellte der Mann mit kaum wahrnehmbarer Hoffnung in der Stimme fest und hob abrupt den Blick, als Schritte von draußen zu hören waren.

Die kleine Seitentür der Scheune öffnete sich, und durch sie stürzte, getrieben von den zunehmenden Windböen, der Bauer herein. Ein Mann mittleren Alters mit üppigem, zu einem Zopf gebundenem Haar. Sein einfaches Gewand war unter seinem leicht hervortretenden Bauch mit einem dicken Seil gegürtet. Er umklammerte einen kräftigen Knüppel, der am Ende in einer geschnitzten Holzkeule auslief.

„Wir haben ein Problem!", wimmerte er fast.

„Welches?", Die Schlange trat näher an ihn heran, die Rechte locker auf dem Griff des im Gürtel steckenden Dolches.

„Meine Frau hat auf dem Weg hinter euch eine Gruppe Reiter gesehen. Sie erkannte den Anführer an seinem orangefarbenen Mantel."

„Und?"

„Wegelagerer, Herr! Sie werden hier einbiegen. Bei diesem Sturm werden sie nicht an uns vorbeireiten", rief der Bauer erschrocken aus.

Der Sturm draußen war ausgebrochen. Der Wind brachte die ersten spärlichen, dafür aber umso größeren Regentropfen mit sich.

„Sie waren schon öfter hier, wenn deine Frau sie erkannt hat", Die Schlange wurde von den anderen vier, die mit ihm gekommen waren, umringt. „Du wirst schon mit ihnen klarkommen. Du kennst sie ja."

„Ich weiß nicht, Herr. Sie werden hier herein wollen, wo soll ich sonst fünfzehn Mann mit Pferden unterbringen?"

Die Schlange lächelte verschlagen.

„Warum machst du dir Sorgen, mein guter Gastgeber, lass sie nur kommen."

„Ich will keine Probleme", die Augen des Bauern weiteten sich.

„Wir suchen keine Probleme."

„Aber meine Herren, man sieht doch, dass ihr ehrliche Karawanenwächter seid. Das wird ihnen nicht gefallen. Ihr wisst ja, wie sie sind", beharrte der Bauer. „Sie sind blutrünstig, das sage ich euch."

„Wir kennen diese Sorte", lächelte Die Schlange. „Und was schlägst du vor? Sollen wir durch den Hinterausgang in den Sturm hinaus? Ist das deine Gastfreundschaft, Hausherr?" Sein Ton wurde härter, und sein Mantel schwang demonstrativ zur Seite, enthüllte ein langes Schwert in metallener Scheide.

„Oh nein, nein, Herr. Ich bitte Euch!", der Bauer wedelte mit seiner freien Hand vor sich. „Ich warne Euch nur. Damit Ihr Bescheid wisst."

„Nur ruhig, Hausherr. Wenn sie möchten, sollen sie kommen. Wir sind momentan nicht im Dienst." Der Blick der Schlange bohrte sich in den Bauern und verunsicherte ihn noch mehr.

„Ja, Herr, wie Ihr wünscht." Der Bauer drehte sich abrupt um. Er wollte keine Sekunde länger bleiben. Er ging hinaus.

„Jungs!", Die Schlange nickte den anderen zu. Wie auf Kommando verteilten sie sich in der Scheune, bezogen still und ohne unnötiges Zögern die günstigsten Verteidigungspositionen. Die Schlange und der junge Mann, der stolz den Namen Mladen trug, blieben bei der Trage. Nach einer Minute wurden sie dort von den ersten Wegelagerern gefunden, die die Scheune betraten.

Die Scheune war groß, erwies sich aber mit fünfzehn weiteren Menschen und ihren Pferden als ziemlich eng. Die Wegelagerer, allesamt zusammengewürfeltes Volk in allerlei möglichen Lumpen, bildeten einen bunten Fleck vor den fast uniformierten Wächtern. Unter ihnen stach ein großer, schlanker Mann hervor, gehüllt in den vom Bauern angekündigten langen orangefarbenen Umhang. Obwohl voller Flicken, war er offensichtlich gut gepflegt und zeigte keine Spuren von Schmutz. Bis zu den Knien des Trägers reichend, enthüllte er nur Lederstiefel in ausgezeichnetem Zustand und silberne Sporen daran.

„Seid gegrüßt...", der Große musterte die Männer an der Trage abschätzend und fügte mit leicht metallischem Unterton in der Stimme hinzu: „...Wächter! Der Bauer erwähnte nicht, dass wir die Ehre haben würden, mit Karawanenwächtern unter einem Dach zu sein."

„Seid gegrüßt", erwiderte Die Schlange leise. „Draußen ist das Wetter herrlich, nicht wahr?"

Der Lange musterte ihn mit seinen gläsernen grauen Augen. Sein von einer Reihe kleiner Narben durchzogenes Gesicht zuckte nicht.

„Ich sehe eure Karawane nicht."

„Wir sind nicht im Dienst. Wir kehren zur Ruhe heim." Der eisige Ausdruck der Schlange stand dem des Wegelagerers in nichts nach.

„So also?", der Anführer der bunten Meute hob langsam seine linke Hand und deutete auf die Trage. „Ein Verwundeter?"

„Ja."

Der Wegelagerer neigte seinen Körper leicht zur Seite, um die Trage besser sehen zu können.

„Oh, oh oh!", als er die Frau erblickte, verwandelte sich sein Gesicht, als seine dünnen Lippen sich zu einem verächtlichen Lächeln verzogen. „Was erblicken meine Augen?"

Er wandte sich zu den hinter ihm zusammengedrängten, in Lumpen gekleideten Männern mit ihren finstersten und grimmigsten Mienen.

„Seht nur, welch Geschenk uns das Schicksal gebracht hat!", er zeigte auf die Trage. Die Männer wurden unruhig, konnten aber von ihrer Position aus nicht gut sehen. Mladens Körper versperrte ihre Sicht und verhinderte einen Blick auf die Trage.

„Seht ihr nicht?", erhob ihr Anführer die Stimme. „Nein?! Nun gut dann. Lasst mich vorstellen. Oh, welch eine Ehre!", er starrte in das Gesicht der Schlange.

„Wir haben die Ehre, unter einem Dach mit der großen Mayan Li selbst zu sein, Freunde." Der Lärm hinter ihm schwoll an. Ausrufe waren zu hören, die nach einer Sekunde in offene Flüche übergingen. Die bunte Menge geriet in Bewegung. Man hörte sogar, wie aus mehreren Scheiden Waffen gezogen wurden.

„Was soll ich sagen, meine Herren?", der Große blickte wieder zur Schlange. „Meine Leute mögen die Hündin. Sie hat uns über die Jahre viel Blut gelassen."

„Was soll ich sagen, mein Herr", die zischende Stimme der Schlange antwortete. „Auch wir mögen die Hündin. Viel Blut haben wir über die Jahre vergossen."

Das war wie ein Abzug, der gezogen wurde. Seine Worte wurden gefolgt vom metallischen Klang gezogener Schwerter, Rufen, Schreien, Fußgetrampel, dem Schwirren von Bogensehnen und dem Surren abgeschossener Pfeile, gefolgt vom dumpfen Geräusch von Pfeilen, die Fleisch fanden. Schmerzensschreie und Kampfrufe. Alles verschmolz zu einem. Die Scheune kochte vor menschlichen Körpern, die allerlei Stahl und Holz schwangen, und vor allem fließendem Blut, das in die Ballen alten Heus sickerte.

Draußen lehnte der Bauer mit dem Rücken an der Scheunenwand, zur Erde gesunken, hielt seinen Kopf mit beiden Händen. Betäubt von den Geräuschen des Geschehens wiegte er sich, leicht in tiefem Schock versunken. Seine weit aufgerissenen Augen bewegten sich in ihren Höhlen, sprangen nach links und rechts ohne sich auf etwas Bestimmtes zu fixieren. Die Ohren mit den Händen bedeckend, schien er zu versuchen, der Realität des Geschehens zu entfliehen. Die erschütternden Geräusche vom Hof übertönten sogar das Heulen des Sturms und nahmen nicht ab.

Ein klarer Gedanke durchzuckte den Kopf des Bauern. Er beschloss zu fliehen. Er wollte sich im Haus verstecken und sich von dort schnell mit seiner Frau und den beiden Kindern im Keller verschanzen. Er erhob sich, bereit zur Flucht, als seine Augen einen riesigen schwarzen Schatten erfassten, der durch den Wasserschleier des strömenden Regens auf ihn zustürmte. Er machte einen unmöglichen Schritt zurück. Rutschte aus.

Seine Hände stützten sich auf die schlammige Erde, sein Rücken versuchte mit der Holzwand der Scheune zu verschmelzen. Seine Augen weiteten sich, und seine Ohren hörten nichts mehr, übertönt vom rasenden Rhythmus seines Herzens.

Eine riesige Hundeschnauze hielt Millimeter vor seinem Gesicht. Die feuchte Nase des unmöglich großen Tieres bewegte sich. Der heiße Atem des Ungeheuers umhüllte ihn. Es beschnüffelte ihn. Dann noch einmal. Gelbe Augen starrten ihn an. Verschlangen ihn. Schwere Lider senkten sich einmal... zweimal. Dann erstarrte das Tier.

Ein leises, tiefes Knurren erhob sich aus der Brust des Ungeheuers. Dann schnellte plötzlich die Nase, gefolgt von einem mit riesigen weißen Zähnen gefüllten Maul, nach oben und witterte die feuchtigkeitsgesättigte Luft. Für den Bauern war plötzlich alles vorbei. Das Tier stieß sich mit seinen mächtigen Pfoten ab und sprang zur Seite. Seine entblößten Krallen gruben sich in den weichen Schlamm und ermöglichten dem schweren Körper, blitzschnell zur Scheune zu schnellen.

Ohne seine Geschwindigkeit zu verringern, stürzte der Menschenfresser durch die leicht geöffnete Seitentür. Sein mächtiger Körper zersplitterte sie zu Kleinholz und krachte donnernd hinein. Der Bauer wartete nicht. Er wollte nicht hören. Er wollte nicht sehen. Er wollte nur eines – fliehen. Rutschend und fallend und kriechend durch die schlammigen Pfützen seines Hofes verschwand er im Regen in Richtung Haus.

Die Geräusche aus der Scheune gewannen neue Kraft und blutige Färbung. Es schien, als würde das ganze Gebäude von tiefem und erbittertem Knurren, Schreien und widerlichen Geräuschen zerrissenen Fleisches erbeben, gefolgt von erstickten, gurgelnden Schreckensschreien. Wildes Pferdewiehern, Hufgetrappel.

Das große Scheunentor erzitterte mehrmals. Von innen zertrümmerten die Pferde, getrieben von urinstinktlicher Angst, die dicken Holzbretter. Der dicke Holzriegel brach krachend, und die Torflügel flogen nach außen. Den Ausweg gefunden, verließen die Tiere, sich gegenseitig stoßend, in rosa Schaum gebadet, panisch die Scheune. Sie jagten über den Hof, sprangen über den niedrigen Zaun und lösten sich im Regenschleier auf. Bald verlor sich das Getrappel ihrer Hufe im Tosen des Sturms.

Dann wurde alles still. Irgendwie schnell, irgendwie abrupt. Genau als die Geräusche aus der Scheune ihren hysterischen Höhepunkt erreichten, wurden sie abgeschnitten, durchschnitten und Schluss. Der Sturm bedeckte alles mit dem Mantel seines donnernden Heulens.

Drinnen gab es einen Überlebenden. Auf ein Knie gesunken und auf sein Schwert gestützt, stand Die Schlange mit dem Rücken zu Mayans Trage und ließ das riesige Ungeheuer nicht aus den Augen. Ganz mit Blut bedeckt, größtenteils nicht seinem eigenen, atmete der Mann schwer. Seine Augen hatten ihre natürliche Farbe verloren und sich in schwarze Kohlen verwandelt, gebettet in ein blutiges Lager. Sein kahler Schädel, ohne den Schutz des Hutes, war an mehreren Stellen aufgeschnitten. Von seinem Mantel war nichts übrig geblieben, und das Hemd schaffte es gerade noch, wenigstens eine seiner Schultern und einen Teil des Bauches zu bedecken.

„Was bist du? Zurück, Bestie!", flüsterte der Mann kraftlos. Er hatte gesehen, wie das Ungeheuer hereinstürmte und in weniger als einer halben Minute die ihn umringenden Wegelagerer zerriss und tötete. Kurz zuvor hatte er den Tod seiner Gefährten mit ansehen müssen. Alle im Versuch, die Karawanenherrin zu schützen.

Warum schuldeten sie es ihr? Schuldeten sie es ihr überhaupt? Damals, während er die Angriffe mehrerer wild gewordener Wegelagerer abwehrte, hatte er sich diese Fragen gestellt. Beim nächsten Hieb hatte er sich die Antwort gegeben. „Immer und alles". Für jeden von ihnen war Mayan Li nicht einfach nur die Karawanenherrin, der sie ihre Dienste verkauften. Nein! Sie war der Mensch, der jedem von ihnen geholfen hatte, sich von seinen persönlichen Dramen zu erholen, die Last zu überwinden, die auf ihre Schultern gelegt worden war, und ihnen einen Zweck und einen Grund zum Leben gegeben hatte. Sie hatte über die Jahre mit jedem Einzelnen gesprochen. Er hatte gesehen, was sie bei der Ankunft neuer verirrter Seelen tat. Er wusste, welche Mühen die Karawanenherrin für jeden Einzelnen auf sich nahm. Er wusste von den nächtlichen Gesprächen, den täglichen Unterhaltungen... von allem. Für sie alles!

Trotzdem schmerzte es furchtbar, mit anzusehen, wie seine Freunde unter dem Ansturm dieser zerlumpten Elenden fielen. Damals, kurz bevor das Ungeheuer erschien, hatte Die Schlange gefühlt, dass sein Ende nahte. Er hatte Schmerzen und keine Kraft mehr. Dann wie ein Donnerschlag, wie höllisches Feuer, stürmte dieser Zerberus herein und zermalmte sie. Buchstäblich. Eine verschwommene dunkle Wolke in Blut. Ein fast religiöser Schrecken hatte ihn ergriffen. Als sähe er ein Ungeheuer, direkt aus der heiligen Schrift entstiegen, gekommen um die Sterblichen zu strafen. Er wollte sich nicht an Einzelheiten erinnern. Es war schrecklich. Das wünschte er nicht einmal seinen Feinden. Er bewahrte in seiner Erinnerung nur einen schwarzen Wirbel und Blutspritzer. Er löschte die Details aus, um seinen Verstand zu bewahren.

„Was bist du?", zischte die Schlange erneut, leise, fast flüsternd.

Seine blutverkrusteten Augen konnten nicht richtig fokussieren. Mit den Überresten seines Ärmels wischte er sich die Blutspritzer vom Gesicht. Er sammelte die letzten Funken Mut und hob den Blick. Im Dämmerlicht der Scheune starrte er die höllische Bestie an. Fast wäre er vor Überraschung auf seinen verwundeten Hintern gefallen, als er in dem blutigen Knäuel aus Muskeln und Fell den Menschenfresser vom Grünen Hügel erkannte.

„Du?!" Das riesige Tier saß auf seinen Hinterbeinen und beobachtete ihn mit heraushängender Zunge. Seine gelben, feuchten Augen schienen ihn zu verhöhnen. Mit dem Erkennen kam auch die Erleichterung. Der Mann beruhigte sich allmählich. Er war diesem Höllenhund schon einmal begegnet, und wie durch ein Wunder war er auch damals zu Hilfe gekommen. Er erinnerte sich deutlich daran, wie der Heiler und das kleine Kriegermädchen ihn beinahe umarmt hatten. Auch fiel ihm ein, wie der Heiler Mayan dem Menschenfresser gezeigt hatte.

Als Roschko erkannte, dass der Mann sich beruhigt hatte und keine Bedrohung mehr darstellte, erhob er sich langsam und ging mit gesenktem Kopf, dabei abwechselnd mit den Ohren zuckend, zur Trage. Er erreichte den Mann, der nach Ergebung roch. Er hielt inne. Senkte den Kopf und beschnüffelte die Hand am Schwertgriff. Prägte sich den Geruch ein. Wächter speicherte sich in seinem Gehirn. Er ging weiter. Der Mann, unfähig die nervliche Anspannung länger zu ertragen, begann zu weinen. Roschko blieb neben der Trage stehen.

Er schnüffelte. Sie, die Blutende, Freund. Ja, sie war es, aber ihr Duft war irgendwie schwach und kalt. Das Leben schien aus ihr zu entweichen. Er senkte den Kopf und vergrub seine Schnauze in ihrer Kleidung.

„Halt!", rief die Schlange, aus Angst, die Bestie würde die hilflose Frau zerreißen. Er meinte es nicht wirklich so, sondern widersetzte sich eher impulsiv den Handlungen des Tieres.

Der Menschenfresser schenkte ihm keine Beachtung. Seine Nase hatte die Ursache erfasst. Er hatte entdeckt, woher das Leben aus „Sie, der Blutenden" sickerte. Er musste es stoppen.

Der Hund tat das, was er bei seinen eigenen Wunden zu tun pflegte. Mit zwei vorsichtigen Kopfbewegungen gelang es ihm, die bewusstlose Frau mit dem Gesicht zum Boden zu drehen. Behutsam entfernte er mit den Zähnen die blutgetränkten, übel riechenden Lumpen, die die Menschen auf ihre Rückenwunde gelegt hatten.

Er schnaubte angewidert und trat einen Schritt zurück, als ihn der Gestank von fauligem Fleisch und austretendem Eiter traf. Aber dies war „Sie, die Blutende" und sie war ein Freund. Er überwand sich und kehrte zurück. Er begann, mit seiner Zunge über die Wunde zu lecken. Genau wie er es bei seinen eigenen Wunden tat. Langsam und behutsam. Er bemühte sich, so viel Speichel wie möglich aus seinem ausgetrockneten Mund zu sammeln und fuhr fort.

Bald war die Wunde vom toten Gewebe gereinigt. Immer nachdrücklicher presste er seine Zunge gegen die Wunde. Der widerliche Eiter versiegte. Er machte weiter. Er verlor jedes Zeitgefühl, hörte aber nicht auf. Erst als die Frau stöhnte, hielt er inne.

Er hob den Kopf und sah sich um. Seine Ohren vernahmen das angenehme Geräusch des Regens. Es war nicht mehr jener stürmische Guss, sondern ein leichtes Rieseln feiner, ruhiger Regentropfen. Das Unwetter war vorüber. Seine Augen bemerkten, wie durch die Bretter der Scheune das Licht des anbrechenden Tages sickerte. Seine Nase registrierte einen Rauchfaden, der zur hohen Decke aufstieg. Dort oben sammelte er sich und sickerte langsam durch die Spalten zwischen den Brettern.

Der Mann hatte auf einem von Stroh befreiten Quadrat des Bodens ein kleines Feuer entfacht. Er hatte die Leichenteile hinausgetragen, die Roschko hinter sich zurückgelassen hatte. Er selbst saß mit gekreuzten Beinen auf der anderen Seite des Feuers und starrte mit unbewegtem Blick auf Majan.

Ein Wassereimer neben dem Mann erregte die Aufmerksamkeit des Hundes. Ihm wurde bewusst, wie durstig er war. Er stand auf. Machte einen Schritt, zwei, und spürte die Anspannung des Mannes.

Er hielt inne. Betrachtete ihn für eine Sekunde, zwei, und schüttelte kräftig seinen Körper, um das Blut in Bewegung zu bringen und die Reste des an seinem Fell klebenden Schmutzes abzuwerfen. Er streckte die Zunge heraus und ging langsam zum Eimer. Beschnupperte das Wasser. Sauber, Regenwasser. Er blickte noch einmal zu dem Mann und begann langsam von dem kalten, süßen Wasser zu trinken. Er trank lange. Fast leerte er den Eimer.

Er hob den Kopf und schaute zu Sie, der Blutenden. Vielleicht sollte er ihren Namen ändern. Sie würde nicht mehr bluten. Er musste sie auf die Seite drehen, aber zuvor musste die Wunde noch ein wenig geleckt werden.

Der Menschenfresser näherte sich Majan, beugte die Beine und legte vorsichtig seinen Körper darauf. Er leckte sich die Schnauze und begann eifrig, seinen heilenden Speichel in die Wunde einzureiben. Sie hatte begonnen zu heilen.

KAPITEL -2-

„Gebadet in der Macht schlichter menschlicher Eitelkeit, mit einer Peitsche, die eine Spur über den Rücken zieht, den Blick zum Abgrund gerichtet...“

Das Treffen sollte in einem kleinen Pavillon inmitten einer hübschen Wiese stattfinden, die sich in der Mitte des breiten Waldgürtels befand, der die Ortschaft mit dem klangvollen Namen Kanari umgab. Dies war die erste Stadt auf dem Weg nach der Treppe. Mit seinen knapp sechzigtausend Einwohnern war Kanari die drittgrößte Stadt in Briest und hatte sich zur inoffiziellen Verwaltungshauptstadt entwickelt.

Das Treffen war so geplant worden, dass es den Heiler nicht bedrängen, sondern ihn zu einem offenen Gespräch ermutigen sollte, ohne dass er sich von Verwaltungsbeamten und dergleichen eingeschüchtert fühlte. Aber es fand nicht statt.

„Ich habe einen Fehler gemacht. Verzeiht!" – Mikael hatte den Kopf gesenkt. Er zitterte vor Anspannung. Das Tragen des Körpers hatte ihn bis zum Äußersten erschöpft, aber nicht das hatte ihn gebrochen, sondern das Schuldgefühl. Er hielt sich selbst verantwortlich für das Geschehene. Während des ganzen Weges ging ihm der Gedanke nicht aus dem Kopf, dass gerade er und seine Enthüllungen gegenüber dem Professor zu dieser Entwicklung der Dinge geführt hatten.

„Was geschehen ist, ist geschehen. Wir können die Zeit nicht zurückdrehen. Vielleicht ist es mein Fehler." – Die schöne junge Frau stand aufrecht neben dem besorgten Mann und beobachtete, wie die herbeigerufenen Mitarbeiter des Gesundheitsdienstes Nolan Storrers Körper auf eine Bahre legten und eilig zur Stadt zurückkehrten.

„Bitte folgen Sie mir!" – Die junge Frau, gekleidet in ein dunkelblaues, bis zu den Knöcheln reichendes, eng an ihren anmutigen Körper geschmiegtes Kleid mit weitem und tiefem Ausschnitt, nickte Mikael zu. Die Dame zögerte nicht, den weißen Hengst zu besteigen, dessen Zügel sie hielt. Die Bewegung enthüllte lange Schlitze im Kleid an ihrer linken und rechten Seite, die über die Mitte ihrer Oberschenkel reichten. Ihre schönen Beine waren von einer dünnen Leggings in der gleichen Farbe wie das Kleid bedeckt, so dünn und eng anliegend, dass sich jeder Muskel ihrer makellosen Anatomie abzeichnete. Sie trug weiche, knöcherhohe Schnürstiefel aus Leder. Geschickt setzte sie ihre Füße in die Steigbügel und spornte den braunen Hengst an. Ihr Rücken blieb aufrecht im Sattel, und ihr prächtiges schwarzes Haar ergoss sich bis zum Pferderücken. Ein schmales goldenes Diadem mit einem kleinen blauen Stein in der Mitte unterstrich die Strenge ihres Blicks. Sie drehte sich nicht um, um Mikael anzusehen. Man konnte erkennen, d
ass sie beunruhigt, ja sogar zornig war.

Auf ihrer glatten Stirn war eine leichte Falte erschienen, als Mikael mit dem Körper auftauchte, und als er hastig erzählte, was geschehen war, nahm der Glanz in ihren Augen eine fast tödliche Intensität an. Sie hatte nichts gesagt. Sie winkte nur ab und gab dem wie aus dem Nichts erschienenen Wachpaar schnell Befehle. Als diese sich vor ihr verneigten und ihre Befehle mit „Ja, Prophetin" beantworteten, wich auch das letzte Blut aus Mikaels Gesicht. Die Röte, die von der Anstrengung, Storrer zu tragen, aufgestiegen war, verwandelte sich wie durch ein Wunder in eine krankhafte Blässe, und die Schweißtropfen auf seiner Stirn gefroren fast.

Als man ihn gerufen hatte, um ihm diese für ihn ungewöhnliche Aufgabe zu übertragen, einen Neuling von der Treppe zu begleiten, hatte man ihm genau gesagt, wohin er ihn bringen sollte. Man hatte ihm den Namen „Nolan Storrer" genannt und dass das Treffen mit einer wichtigen Person sei. Mikael hatte sich nicht vorstellen können, dass diese wichtige Person die Prophetin selbst sein würde. Er hatte sie vor Jahren gesehen. Damals war ihr Körper der einer älteren Frau gewesen. Er hatte an einem ihrer Vorträge teilgenommen und war von ihren Worten gefesselt gewesen. Er erinnerte sich noch an das, was sie an jenem Abend am Feuer gesagt hatte, umringt von Zuhörern. Sie sprach über Politik. Er verstand sie kaum. Das Gespräch hatte lange vor seiner Ankunft begonnen, aber er merkte sich jedes Wort.

...Ohne uns zu sehr in verschnörkelte Worte zu vertiefen, will ich nur sagen, dass die Politologie uns Wissen über Staatsangelegenheiten vermittelt. Warum ist sie wichtig? Weil sie sich mit dem politischen System befasst, das ein koordinierendes Subsystem der drei anderen gesellschaftlichen Subsysteme ist. Diese sind das wirtschaftliche, soziale und geistige Subsystem. Du wirst dich fragen, wozu ich mich damit beschäftigen soll, und winkst ab, überzeugt davon, dass du dich damit nicht befassen wirst. Wenn du dich nicht damit befasst, dann wirst du nicht an der Koordinierung des Produktionssubsystems teilnehmen, und die dort fließenden Geldströme werden in andere Taschen fließen, nicht in deine. Wenn du nicht an der Koordination des sozialen Subsystems teilnimmst, funktionieren die sozialen Institutionen so, dass sie nicht deine Interessen schützen, sondern die Interessen anderer Menschen. Stimmt's? Deshalb laufen auch die anderen Menschen herum, kommen von der Kirche oder anderen Königreichen, um dir dein soz
iales Subsystem zu koordinieren. Wenn du nicht an der Koordinierung des geistigen Subsystems teilnimmst, das du bereits der Kirche überlassen hast und in das sie sich verbissen hat, brauchst du dich nicht zu wundern, wie dir moralische Werte ins Gesicht geschlagen werden, die dir nicht gefallen. Und wie sollst du deine Interessen schützen? Versteht, dass das politische Subsystem das Funktionieren und die Interaktion der anderen Subsysteme reguliert. So ist die Lage. Und so wird es bleiben, solange die Politik auf dem Podest steht. Wenn sie jedoch gestürzt wird und die Kirche aufsteigt, die Politik beherrscht und die Pseudopolitik ihrer kirchlichen Dogmen durchsetzt, dann geschieht etwas anderes.

Wenn es die Politik ist, laufen die Dinge sanft und allmählich, aber wenn die kirchlichen Dogmen in den Vordergrund gedrängt werden, dann werden die Zügel von der Inquisition übernommen. Die Chinesen von Dort haben das die Einheit zwischen Konfuzius und Kungfuzius genannt. Zwar bei einer anderen Gelegenheit, aber auch hier anwendbar. Diejenigen, die die Geschichte von Dort studieren, wissen, wovon ich spreche.

Und vergessen wir nicht unseren Lehrer aus den Schatten der Geschichte, der sagte, dass Menschen undankbar, unbeständig, Heuchler, treulos sind, Gefahren lieber vermeiden und gierig nach Gewinn sind. Sie werden euch den Rücken kehren, wenn sie glauben, dass es ihnen durchgeht...

Bekannt, nicht wahr? Was ist die Lehre daraus? Ich würde sagen, dass Liebe in der heutigen Politik nur begrenzten Einfluss hat. In der Politik muss man euch respektieren. Wir ersetzen das Wort Furcht durch das Wort Respekt, aber wisst, dass ich lieber das Wort Furcht verwenden würde. Es ist nicht so wichtig, in der Politik geliebt zu werden. Wichtig ist, dass man euch respektiert. Nun, das genügt für heute.

Diese strenge Frau hatte Mikael damals beeindruckt, aber jetzt ließ sie ihn erschaudern. Er folgte ihr gehorsam, beherrscht von seiner Schuld und ihrer Machtaura. Er hatte keine andere Wahl. Er konnte nicht anders.

Die steinerne Kälte des Sitzungssaals konnte weder durch das warme Interieur noch durch die großen sonnigen Fenster gemildert werden. Sie wurde noch verstärkt durch die düsteren Mienen der drei Anwesenden. Zwei von ihnen, die Prophetin und der Hauptadministrator von Briest, David Sol, saßen auf weich gepolsterten Stühlen mit hohen Lehnen, während der dritte, vor ihnen stehend, ihre Fragen beantwortete. Mit jeder Antwort Mikaels wurden die Gesichter der Zuhörenden finsterer und finsterer.

„Verstehe ich Sie richtig? Sie haben in Herrn Storrer Ihren behandelnden Arzt von Dort, Professor Nikolai Vidov, erkannt?"

„Ja. Professor Vidov ist mein behandelnder Psychiater Dort. Ich bin in seiner Gruppe eingeschrieben. Ein unglaublicher Mensch. Bekannt..."

„Und Sie beschlossen, ihn darüber zu informieren?"

„Es tut mir leid dafür. Es war ein Impuls, den ich nicht ignorieren konnte. Ich konnte mir nicht erklären, wie es möglich war, dass er Hier ist. Ich dachte sogar, er wäre unter den Heilern eingeschleust. Man hatte mir mitgeteilt, ich solle einen Neuen begleiten. Ich dachte, Nolan Storrer sei ein Kind. Aber er erwies sich als Mann Mitte dreißig und als Heiler. Sie verstehen meine Verwirrung. Ich habe Ihnen das Gespräch beschrieben. Ich machte einen Fehler, als ich ihn nach seinem Namen Dort fragte."

„Beschreiben Sie mir genau, was geschah, nachdem Sie es ihm mitteilten." – Der strenge Blick des weißhaarigen Mannes durchbohrte ihn. Es gab kein Mitgefühl, keine Bekundung von Takt. Der Administrator verlangte direkte Antworten.

„Er fiel einfach in Ohnmacht. Ohne einen Laut. Verdrehte die Augen und fiel." – Die Erinnerung war für Mikael zu frisch, und er zitterte erneut.

„Sie meinen, der Professor sei kein Autist." – Der Administrator rückte seinen dürren Körper auf dem plötzlich unbequem gewordenen Stuhl zurecht.

„Ich bin vollkommen überzeugt, dass mein Psychiater kein Autist ist." – Mikael hob den Blick und hielt den kristallgrauen Augen des Mannes stand.

„Warum...?" – Die Frage wurde durch ein Klopfen an der Tür unterbrochen. Nach einer Sekunde öffneten sich beide Flügel und der Sekretär des Administrators versuchte anzukündigen:

„Kira abnat Nesch Vasion min ahl Brie..." – Er konnte die Vorstellung der hastig eintretenden Frau nicht beenden. Fast grob wurde er beiseite gedrängt. Kira wandte sich ihm zu und musterte ihn mit kaltem Blick. Der Sekretär beeilte sich, die Türen hinter ihr zu schließen. Sie drehte sich abrupt zu den dreien im Saal und schritt mit schnellen Schritten auf sie zu.

„Sie sind nicht zu diesem Treffen eingeladen, Kommandeur." – Der Administrator hatte sich vor seinem Stuhl aufgerichtet.

„Ehemaliger Kommandeur, Sol!" – schnitt ihm Kira das Wort ab. – „Und ich brauche keine Einladung, um hier zu sein. Werden Sie mir erklären, was hier vorgeht und warum Nolan im Lazarett des Senats liegt?"

Sie näherte sich dem Stuhl der Prophetin, ohne ihre zusammengekniffenen Augen von Administrator Sol zu nehmen. Demonstrativ kniete sie auf einem Knie vor dem Stuhl der Prophetin nieder. Sie nahm ihre dargebotene Hand und führte sie an ihre gesenkte Stirn.

„Ich freue mich, Euch wiederzusehen, Prophetin. Ihr habt Euch eine erstaunliche Hülle ausgesucht."

„Woher diese Zynismus, Kira? Du weißt, dass dies nicht nur eine Hülle ist, und ich habe sie auch nicht ausgesucht. Die Dienste sind dafür verantwortlich. Nicht jeder hat deine Freiheit und Möglichkeiten."

Kira sah sie sanft an, aber Olana De Rur, die Prophetin von Briest, sah die unterdrückten Flammen in ihren Augen.

„Was mit Lia abnat Nesch geschah, war ein Fehler." – mischte sich der Administrator ein, verstummte aber, als die Blicke beider Frauen ihn fast in seinen Stuhl zurückdrängten.

„Das mit Lia abnat Nesch war ihre Wahl, nicht meine." – Kira erhob sich, ohne Sol aus den Augen zu lassen. – „Ihre Gabe war gewaltig, und es ist mir eine Ehre, ihre Last zu tragen, Administrator."

„Wir sind nicht hier, um in dieser Wunde zu bohren." – Die leise Stimme Olanas unterbrach den aufkeimenden Wortgefecht. Sie war schon oft Zeuge der Wortkriege zwischen diesen beiden gewesen und wollte nicht einem weiteren beiwohnen. Nicht jetzt.

„Kira. Bitte, setz dich neben mich!", deutete sie auf den Stuhl neben sich.

„Kurz gesagt", fuhr Olana fort, „Archivar Mikael wurde beauftragt, den Heiler zu einem Vorgespräch mit mir zu begleiten." Der Administrator rutschte erneut unruhig auf seinem Stuhl. Dieses „Vorgespräch" war offensichtlich eine Umgehung seiner Person, und Olanas Enthüllung gefiel ihm nicht. Er hatte kategorisch darauf bestanden, dass der Heiler in den Senat gebracht werden sollte, wo er und die Prophetin ihn befragen würden.

„Während der Überfahrt hat Mikael entdeckt, dass der Heiler sein behandelnder Psychiater von Dort ist und hat vorschnell seine Identität preisgegeben. Der Heiler ist daraufhin in Ohnmacht gefallen und seit mehreren Stunden nicht bei Bewusstsein."

„Es ist wohl kaum ein Zufall, wen du gebeten hast, Nolan zu begleiten", Kira betrachtete sie abwägend.

„Natürlich nicht." Das Lächeln brach die Züge der Prophetin auf, und Kira erkannte die alte Olana unter der Maske des jungen Gesichts. „Ich habe Mikael gezielt geschickt."

„Darf ich fragen, warum?", Sohl wandte sich leicht zu den anderen Sitzenden.

„Weil ich hoffte, dass er provoziert würde."

„Erkläre."

„Der Name wurde mir von Dort mitgeteilt." Die Prophetin nickte Kira zu, die zustimmend nickte. „Professor Widow ist ein Star in seiner Gilde, und seine Arbeiten über Autismusforschung sind eine interessante Lektüre. Vor einiger Zeit las ich einen Großteil davon und wusste, dass der Professor Gruppen heranwachsender Autisten betreut. Diese Kenntnis wurde auch von dir, Kira, als Patientin des Professors bestätigt."

Mikael, dessen Anwesenheit alle vergessen hatten, hob abrupt den Kopf, und sein überraschter Blick bohrte sich in Kira.

„Du auch? Das wusste ich nicht."

„Es gibt vieles, was du nicht weißt, Mikael." Kira lächelte ihn warmherzig an. „Dort bin ich älter als du und in einer anderen Gruppe."

„Aber wieso wissen alle alles über mich, und ich nichts?"

„Sei nicht kindisch, Slav", die Prophetin sah ihn streng an. „Dies ist erst dein erstes Leben in Boria. Du hast noch viel über unsere Geheimnisse zu lernen. Und was das Wissen über dich betrifft... du hast doch selbst alles beschrieben. Es steht im Archiv. Als Archivar in der Verwaltung unseres geschätzten Administrators Sohl solltest du genau verstehen, wovon ich spreche."

Die Prophetin bezog sich auf die Tatsache, dass jeder Neuankömmling in Briest ausführlich über seine Persönlichkeit und seine Vergangenheit in Boria berichten musste. All diese Informationen wurden in einem Archiv aufbewahrt, zu dem nicht jeder uneingeschränkten Zugang hatte.

Ein erneutes Klopfen an der Tür, diesmal lauter, hallte durch den Saal. Die Köpfe aller vier wandten sich in diese Richtung. Die Türflügel öffneten sich und derselbe Sekretär verkündete:

„Auf Ihre Anordnung und auf sein Bestehen hin, Heiler Nolan Storrer."

Nolan betrat den Saal. Rasiert, gekämmt und umgekleidet in die für jeden Heiler fast typische lange graue Robe mit weißer Kapuze. Seine Hände hielt er vor der Brust verschränkt, völlig von den weiten Ärmeln der Robe bedeckt. Mit geschmeidigen, sicheren Schritten ging er auf die Wartenden zu. Er blieb vor der Gruppe stehen. Nickte Mikael zu.

„Mikael." Seine Stimme klang sanft und bestimmt. Sein Blick verweilte auf Kira.

„Ehrenwerte Kira abnat Nesch Vasion min ahl Briest." Sein Kopf neigte sich zu einer leichten Verbeugung. Er musterte die Prophetin aufmerksam. Seine Augen leuchteten anerkennend auf, verdunkelten sich jedoch beim Zusammentreffen mit denen des Administrators Sol.

„Ich habe nicht die Ehre, Sie beide zu kennen, aber dem uns umgebenden Luxus nach zu urteilen, sind Sie die Menschen, die diesen Ort leiten." Er verbeugte sich noch tiefer.

Kira erhob sich und eilte schnell zum Heiler. Sie umarmte ihn leicht und flüsterte ihm unauffällig zu.

„Nolan?" Sie erhielt ein ebenso unmerkliches Nicken.

Das Mädchen löste sich geschmeidig von ihm.

„Ehrwürdiger Heiler, lassen Sie mich vorstellen." Sie wandte sich an die Sitzenden. „Hauptadministrator von Briest, David Sol." Der Administrator nickte kaum merklich und erhielt ein ähnlich kühles Nicken vom Heiler.

„Und die ehrwürdige Olana De Rur, die Prophetin von Briest." Olana lächelte den Heiler warmherzig an, worauf er mit einem seiner schönsten Lächeln antwortete. Er war sichtlich von der Schönheit der Frau gefesselt.

„Ich freue mich, dass Sie sich vollständig erholt haben, Herr Storrer", sagte Olana, nickte Kira zu, die den Wink verstand und sich von Nolan entfernte. Sie setzte sich auf ihren Sessel.

„Ich danke für Ihre Anteilnahme, Prophetin, aber ich befürchte, meine Genesung ist nicht vollständig."

„Was meinen Sie damit, Heiler? Wurde nicht angemessen für Ihre Verfassung gesorgt?" Administrator Sol musterte ihn abschätzend.

„Oh, gewiss erhielt ich jede mögliche Fürsorge, zu der man in Boria fähig ist, aber ich befürchte, in diesem Fall ist die Diagnose eine andere."

„Sprechen Sie." Olana verengte leicht die Augen.

Nolan blickte demonstrativ zu Mikael, dann zurück zu Kira. Er schwieg. Seine Augen sahen fragend das Mädchen an. Olana fing seinen Blick auf und verstand schnell, was den Mann vom Sprechen abhielt.

„Mikael", begann sie mit herrischer Stimme. „Ich danke für die Mühen, die du heute auf dich genommen hast. Dein Beitrag wird nicht vergessen werden. Würdest du nun an deinen Arbeitsplatz zurückkehren? Bitte bleib die nächsten Stunden verfügbar. Du wirst bei Bedarf gerufen."

„Selbstverständlich, Ehrwürdige." Mikael atmete erleichtert auf. So interessant das folgende Gespräch auch sein mochte, er war froh, von der Last der Anwesenheit befreit zu werden. Er verbeugte sich schnell vor den Anwesenden und verließ den Saal fast rennend.

Nachdem sich die Türen geschlossen hatten, wandte sich Olana wieder lächelnd dem Heiler zu.

„Sie können nun frei fortfahren, Herr Storrer."

„Ich danke Ihnen!" Er verbeugte sich etwas tiefer als es das Protokoll für diesen Fall verlangte und fuhr lächelnd fort.

„Ich fürchte, ich muss Sie enttäuschen, ehrwürdige Prophetin, aber in diesem Fall ist meine Genesung nicht vollständig. Der Grund, weshalb ich hier bin, der Grund, weshalb Sie mich nach Briest berufen haben, ist der ehrwürdige Professor Nikolai Vidov, und bitte versuchen Sie nicht, mich zu widerlegen."

„Seien Sie sich nicht zu sicher, Herr Storrer."

„Ich glaube doch, Ehrwürdige." Nolan verbeugte sich erneut. „Meine bescheidene Person hätte durch nichts Ihre Aufmerksamkeit erregen können."

„Soll ich verstehen, dass wir gerade mit dem Heiler Nolan Storrer sprechen?" Sol verlor die Geduld.

„Ja, Administrator. Sie sprechen mit dem Heiler."

„Und wie können wir mit dem Professor sprechen?"

„Nun, das ist die Frage, nicht wahr?"

Nolan hielt seinen Blick auf die Prophetin gerichtet.

„Der Mechanismus zum Wechsel des führenden Bewusstseins ist uns bekannt. Wir haben ihn entdeckt und konnten ihn trainieren."

„Der Mechanismus zum Wechsel des führen..." Der Administrator setzte unverständlich zu einer Frage an, wurde aber von Olana schroff unterbrochen, die sich ungeduldig an Nolan wandte.

„Und?"

„Ich bin nicht sicher, ob Ihnen gefallen wird, was ich Ihnen sage."

Kira umklammerte die Armlehnen ihres Stuhls, da sie ahnte, was der Heiler ihnen mitteilen würde.

„Seit ich wieder bei Bewusstsein bin", begann Nolan, „kann ich die Präsenz des ehrwürdigen Professors in meinem Körper nicht mehr wahrnehmen. Er ist nicht mehr da."

Die Stille nach dieser Enthüllung drohte ohrenbetäubend zu werden, wenn nicht in diesem Moment leise Schritte von links des Heilers die Aufmerksamkeit der Anwesenden auf sich gezogen hätten. Nolan drehte sich um, als er Kiras für einen Moment weit aufgerissene Augen sah. Dort, von den Fenstern her, zwischen zwei Vorhängen, war bis zu diesem Moment unbemerkt von allen eine Gestalt in einer schwarzen, brunnenabgrundtiefen Robe mit tiefer Kapuze erschienen. Die Figur näherte sich langsam dem freien Stuhl neben dem Administrator. Die Prophetin und Sol zuckten nicht mit der Wimper. Selbst wenn sie von dieser Präsenz überrascht waren, zeigten sie es nicht.

Der Schatten setzte sich auf den freien Stuhl und schlug seine Kapuze zurück. Darunter kam das Gesicht eines Mannes ohne besonders markante Züge zum Vorschein. Gerade Linien, sanfte dunkelbraune Augen und kurz geschnittenes hellbraunes Haar. Der Mann nickte dem Heiler zu.

„Verzeihen Sie die Unterbrechung. Aber das, was ich höre, ist für mich wie ein Déjà-vu."

„Lassen Sie mich vorstellen." Olana deutete auf den Neuankömmling. „Dies ist das dritte Mitglied des Triumvirats, das Briest regiert."

Der Neuankömmling winkte nachlässig ab.

„Lass das, Olana. Solche Vorstellungen sind nicht nötig." Er hielt seinen Blick auf Nolan gerichtet. „Sag, junger Mann, spürst du eine Leere?"

„Wie soll ich Sie nennen, mein Herr?" Nolan war leicht verwirrt. Alles deutete darauf hin, dass dieser Mann vom Orden der Schatten war, und seine bloße Anwesenheit in Briest war für ihn unerwartet. Zumindest nicht so offen zur Schau gestellt. Man hatte ihn als einen der drei Herrschenden dieses Ortes vorgestellt. Er stand tatsächlich vor den drei Herrschern des mythischen Briest. Den drei geheimnisvollsten und unbekanntesten Gestalten in der Welt von Boria.

„Namen sind bedeutungslos, junger Heiler. Wie auch Gesichter, wenn du verstehst, was ich meine." Im Lächeln des Schattens lag etwas Giftiges. „Aber wenn du möchtest, und nur zu deiner Erleichterung, kannst du mich einfach den Schattenhaften nennen."

„Ihr seid der berüchtigte Schattenhafte! Der Anführer der Schatten?!" Nolan konnte sein Erstaunen nicht verbergen.

„Was bedeuten hier schon Titel, junger Mann? Ihr steht in diesem Moment in einem Raum voller lebender Legenden dieser Welt. Ist Euch das bewusst?" Er kehrte zu seiner Frage zurück. „Spürt Ihr eine Leere in Euch?"

Nolan schüttelte die anfängliche Erstarrung ab, die nach dem Bewusstwerden der ausgesprochenen Worte eingetreten war. Tatsächlich waren in diesem Raum, außer ihm und Kira, alle anderen legendäre Persönlichkeiten. Obwohl der Schattenhafte nicht den Unterschied machte, den er gemacht hatte, und Kira nicht von der Gemeinschaft der Legenden ausschloss. Immerhin wusste er nichts über Kira. Sie konnte alles sein. Buchstäblich erst gestern hatte er ihren vollständigen Namen erfahren, und der war nicht zufällig. Er hatte auch die Reaktion der Krieger am Eingang gesehen. Sie war definitiv nicht einfach nur ein gewöhnliches, nicht einmal zwanzig Jahre altes Mädchen.

„Heiler Storrer!" Die sanfte, auffordernde Stimme des Schattenhaften riss ihn aus seinen Gedanken.

„Ja. So stark, dass es schmerzt." bestätigte Nolan, versuchend, mit minimaler Wortwahl die Leere in sich auszudrücken.

„Habt Ihr die Erinnerung?" fuhr der Schattenhafte fort.

„Ja."

„Erklärt." mischte sich Olana ein.

„Ich weiß nicht, wie ich es Euch erklären soll, und ich weiß auch nicht, ob das in meinem Interesse liegt." Er hob vielsagend eine Augenbraue.

„Sei unbesorgt, Nolan." Kira nickte, ihre Unterstützung bekundend. „Hier wird dir nichts Böses geschehen."

Der Schattenhafte sah sie lächelnd an.

„Junger Mann, Euch wurden Garantien von Kira selbst gegeben. Das ist ein Schatz. Glaubt mir. In Boria lassen sich die Persönlichkeiten, die es wagen würden, ihr in einem direkten Duell entgegenzutreten, an den Fingern einer Hand abzählen, und gleich zwei davon befinden sich hier." Er wandte sich an Administrator Sol.

„Nichts für ungut, David, aber deine Methoden sind anders und nicht weniger effektiv."

„Du triffst mich nicht damit und das weißt du." Nolan sah zum ersten Mal ein Lächeln auf dem Gesicht des Hauptadministrators.

„Ich freue mich, dich wiederzusehen. Du hast mir gefehlt." Der Schatten hatte sich Kira zugewandt.

Kira lächelte ihm anmutig durch die Zähne zu und knurrte leicht. Offenbar ein Scherz zwischen ihnen.

„Ich habe diese Wette gewonnen!" Olana kniff gespielt die Augen zusammen und verzog leicht schmollend die Lippen. „Erinnerst du dich, Schattenhafter?"

Dann änderte sie ihren Ausdruck und beendete diese frivole Pause. Sie warf dem Schattenhaften einen scharfen Blick zu.

„Ich denke nicht, dass jetzt der richtige Zeitpunkt dafür ist, oder?"

„Du hast wie immer Recht, Ehrwürdige." Der Schattenhafte wandte sich an den Administrator. „Ich werde eine Menge deiner Ressourcen brauchen, um diesen Fall zu lösen."

„Die stehen dir natürlich zur Verfügung." Der Administrator zeigte in seinen Worten solche Wärme und Bereitschaft, dass Nolan die Augenbrauen hob. Er verstand, dass hier mehr als ein einfacher Streit zwischen drei Herrschenden im Spiel war.

„Danke für den Rückhalt, Kira", begann er und fuhr nach ihrem zustimmenden Nicken fort.

„Als der Professor und ich uns einen Körper teilten, schöpften wir beide Wissen voneinander. Wenn das Bewusstsein unterdrückt ist und sich im Hintergrund befindet, wie wir es zu nennen beschlossen, hat es die Möglichkeit, alles zu lesen, was der andere erlebt, gelernt, gedacht, gefühlt hat... einfach alles. Verstehen Sie? Es ist wie das Annähen von Erinnerungen und Fähigkeiten. Sogar die Motorik, das Körpergedächtnis, Empfindungen. Alles." Er ertrug die erstaunten Blicke der Anwesenden.

„Wenn man im Hintergrund ist, hat man die volle Möglichkeit, das gegenwärtige Geschehen um einen herum zu sehen und zu spüren. Man kann sogar gedanklich mit dem anderen kommunizieren. Die Verbindung ist bidirektional."

„Sie wollen sagen, dass Sie das Wissen des Professors besitzen!"

„Nicht alles natürlich. Nur das, was ich zu erfassen vermochte. Zwar ist die Aufnahmegeschwindigkeit enorm, aber auch das Informationsvolumen im Kopf eines fast vierzigjährigen Mannes ist unendlich."

„Wir erkannten schnell, dass wir, wenn wir nicht aufpassten, die Einzigartigkeit des Ichs verlieren könnten. Das Ich von jedem von uns beiden in eine neue Persönlichkeit verschmelzen und kompilieren könnten, in eine neue Denkweise, ein neues Verhalten und eine gemeinsame Erfahrung. Trotz zweier Bewusstsein. Uns buchstäblich einander überlagern."

Alle vier hatten steinerne Mienen aufgesetzt und änderten diese nicht, während das Gespräch weiterging. Nur dieses anfängliche Erstaunen, das durch ihre Masken durchgedrungen war, blieb in Nolans Gedächtnis. Danach war nicht zu erkennen, was in ihren Köpfen vorging. Das gesamte Wissen und die Erfahrung des Professors in dieser Hinsicht waren völlig nutzlos.

Sie befragten ihn lange. Über alles. Es erschien ihm endlos. Nachdem das Sonnenlicht in den Fenstern abgenommen hatte, nachdem es verschwunden war und durch die Glasfenster deutlich der mit hellen Sternen übersäte Himmel zu sehen war, beschloss die Prophetin endlich, Nolan eine Pause zu gönnen und ihn zu entlassen.

Begleitet von Kira stiegen sie die lange Steintreppe hinab, die zum ersten Stock des zweistöckigen Gebäudes führte. Sie gingen einen breiten Korridor entlang, der sie durch eine Reihe von Türen führte und sie nach einigen Wendungen vor die Tür der für den Heiler bestimmten Gemächer brachte.

Kira hielt Nolans Hand. Sie ging still neben ihm her. Beide waren psychisch erschöpft, und jedes Gespräch wäre eine Anstrengung gewesen, die sich beide nicht leisten konnten.

Vor der Tür stehend, sah Nolan sie an und lächelte leicht.

„Was kommt als Nächstes, Kira?"

„Das werden wir morgen erfahren, Heiler."

„Er wird zurückkommen, nicht wahr?"

„Ich weiß es nicht, Nolan."

„Er fehlt mir."

„Mir auch", lächelte sie.

„Gute Nacht, Kira."

„Gute Nacht auch dir, Heiler."

Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste Nolan auf die glattrasierte Wange. Er sah sie leicht überrascht an.

„Du weißt, dass ich es bin, Nolan", scherzte er, oder vielleicht auch nicht.

„Ja, natürlich", flüsterte sie. „Wäre er es gewesen, wäre es nicht nur ein Kuss auf die Wange geblieben."

Nolan, lächelnd, aber auch müde, betrat das Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Er lehnte sich dagegen und atmete schwer. Er war erschöpft von den Erlebnissen des Tages. Nick fehlte ihm. Selbst in der kurzen Zeit, in der sie bewusst zusammen gewesen waren, hatte er sich so sehr an ihn gewöhnt, dass die nun entstandene Leere ihn ängstigte.