KAPITEL -1-
Arya starrte auf die holographische Karte von Guvateri, auf der pulsierende rote Punkte die Tausenden von Menschenleben markierten, die in der verwüsteten Stadt verloren gegangen waren.
„Fünf Millionen Tote in sechs Stunden“, flüsterte sie, während sich ihre Finger um das Kontrollpanel krallten.
Irgendwo da unten, zwischen den Trümmern und der Asche, verbarg sich ihre letzte Hoffnung – der Schlüssel zum Verteidigungssystem von Atlantis.
Eine Explosion erschütterte das Schiff. Auf dem Bildschirm erschien eine Warnung vor herannahenden feindlichen Jägern.
„Nicht jetzt“, knurrte Arya. „Ich bin zu nah dran.“
Sie umklammerte die Steuerung. Es gab kein Zurück mehr. Entweder würde sie den Schlüssel finden, oder Xylar'n würden alles zerstören, was sie liebte.
Das Schiff stürzte abrupt nach unten, durchschnitt den Rauchschleier über Guvateri. Die Beschleunigung drückte sie in den Sitz. In ihren Ohren piepten die Warnsignale, aber sie ignorierte sie. Sie konzentrierte sich voll und ganz auf das Gelände unter ihr.
„Komm schon, wo bist du?“, murmelte sie, während ihre Augen fieberhaft die Ruinen absuchten.
Ein neuer Schwall feindlichen Feuers erhellte die Wolken hinter ihr. Arya drehte das Schiff instinktiv um seine Achse, wich dem tödlichen Strahl um Haaresbreite aus. Ihr Herz schlug bis zum Zerreißen.
Im Chaos unten sah sie es endlich. Ein gewöhnliches Steingebäude, das wie durch ein Wunder unversehrt in einem Meer von Trümmern stand.
„Das ist es“, flüsterte Arya und spürte, wie die Hoffnung in ihrer Brust aufstieg. „Es muss dort sein.“
Sie steuerte das Schiff auf das Gebäude zu, ignorierte die Warnungen des Bordcomputers über kritische Schäden. Es spielte keine Rolle, ob das Schiff nach dieser Landung überleben würde. Das Einzige, was zählte, war der Schlüssel.
Als sie sich der Oberfläche näherte, warf Arya einen schnellen Blick auf die holographische Karte. Die roten Punkte hatten sich vermehrt und bedeckten fast die gesamte Stadt.
„Für euch“, murmelte sie und dachte an all die verlorenen Leben. „Ich werde nicht zulassen, dass euer Opfer umsonst war.“
Mit einem ohrenbetäubenden Krachen schlug das Schiff auf dem Boden auf, rutschte über das Pflaster und kam auf dem einzigen freien Platz zum Stillstand, der zwei Blocks vom kleinen Gebäude entfernt lag. Arya löste schnell die Sicherheitsgurte und stand auf. Mit einem tiefen Seufzer öffnete sie die Luke und musterte vorsichtig die rauchenden Gebäude um sie herum. Sie sah keinen Feind und verlor keine Zeit, stürzte sich in Richtung des kleinen Gebäudes.
Sie hatte noch keine Straße zurückgelegt, als ein Schwall aus Energiewaffen sie zu Boden warf. Eine Patrouille der Xylar'n hatte sie entdeckt.
„Verdammt!“, fluchte sie und rollte sich hinter einen Trümmerhaufen.
Sie sah sich um und sprintete durch die Trümmer, im Zickzack, um dem feindlichen Feuer auszuweichen. Ihr Herz hämmerte in ihrer Brust. Sie konnte nicht sehen, woher die Schüsse kamen. Sie sprang über eine eingestürzte Betonsäule und schlüpfte schnell durch den engen Spalt, der nach dem Einsturz zweier Gebäude übrig geblieben war.
„Noch ein bisschen.“ Sie drückte sich eng an die Wand, als sie die hastigen Schritte ihrer Verfolger hinter sich hörte. Ein Schuss pfiff an ihrem Ohr vorbei, so nah, dass er fast ihr silbernes Haar streifte. Arya duckte sich, warf sich durch den Spalt in das gegenüberliegende Gebäude. Sie atmete schwer. Der Adrenalinrausch pulsierte in ihren Adern und schärfte ihre Sinne bis zum Äußersten.
„Denk nach, denk nach. Komm schon, denk nach“, flüsterte sie sich selbst zu.
Als sie nach einem Ausweg suchte, sah sie einen schmalen Durchgang zur Seite. Ohne zu zögern stürzte sie sich hinein, sprang über Trümmerhaufen und wich hervorstehenden Metallstangen aus.
Hinter ihr wurden die Stimmen der Xylar'n immer lauter. Ihr Kommandant brüllte einen Befehl in ihrer kehligen Sprache.
„Umzingelt sie! Lasst sie nicht aus den Augen!“
Arya knirschte mit den Zähnen. Sie würde nicht zulassen, dass sie sie erwischten. Nicht, wenn sie so nah an ihrem Ziel war. Der Durchgang verengte sich, zwang sie, sich seitwärts zu bewegen. Die scharfen Kanten zerkratzten ihre Hände und ihr Gesicht, aber sie ignorierte den Schmerz. Jede Sekunde zählte.
Nach drei bis vier Metern erweiterte sich der Durchgang und sie beschleunigte ihre Schritte. Sie trat auf einen einst belebten Platz, der jetzt mit Kratern und rauchenden Überresten bedeckt war. Arya duckte sich und musterte mit zusammengekniffenen Augen das offene Gelände. Sie wäre ein leichtes Ziel gewesen. Aber sie hatte keine Wahl. Das Gebäude, das ihr Ziel war, erhob sich auf der anderen Seite des Platzes.
Mit einem tiefen Atemzug stürzte sie sich vorwärts. Ihre Füße flogen über das unebene Gelände, geschickt Hindernissen ausweichend.
Die sie verfolgenden Xylar'n eröffneten sofort das Feuer auf sie. Die Luft erfüllte sich mit dem Zischen von Energieschüssen.
„Komm schon, komm schon, komm schon“, flüsterte Arya sich selbst zu und zwang ihren Körper, sich noch schneller zu bewegen.
Ein Schuss traf den Boden direkt vor ihr und schleuderte eine Staubwolke in die Luft. Arya taumelte, verlor fast das Gleichgewicht, konnte sich aber auf den Beinen halten und lief weiter.
Die Hälfte des Weges war geschafft, als sie das bedrohliche Geräusch eines sich nähernden Fluggeräts hörte. Sie blickte auf und sah ein Landungsschiff geringer Klasse der Xylar'n, das auf sie zusteuerte.
„Verdammt noch mal“, knurrte sie.
Das Schiff feuerte einen Schwall ab und die Energieladungen schlugen in den Boden um sie herum ein. Die Explosionswelle schleuderte sie nach vorne. Arya rollte sich und spürte, wie ihr bei dem Aufprall die Luft aus den Lungen gepresst wurde. Für einen Moment drehte sich die Welt um sie herum, die Geräusche des Kampfes wurden gedämpft. Aber Arya wusste, dass sie es sich nicht leisten konnte, auch nur eine Sekunde liegen zu bleiben. Mit einem Willensakt stand sie auf, ignorierte den Schmerz in ihrem gequetschten Körper. Das Gebäude war jetzt nur noch zehn Meter von ihr entfernt.
„Komm schon, nur noch ein bisschen“, ermutigte sie sich selbst.
Taumelnd lief sie weiter. Sie hörte deutlich die Rufe der sich nähernden Soldaten und über ihr bereitete sich das Kampfschiff auf einen weiteren Angriff vor.
In einem letzten verzweifelten Sprint stürzte sich Arya nach vorne. Laserfeuer fiel um sie herum wie ein tödlicher Regen, aber wie durch ein Wunder gelang es ihr, ihnen auszuweichen. Ein letzter Schritt und Arya stürzte sich durch die halb zerstörte Tür des Gebäudes. Sie rollte sich hinein, gerade als ein Schwall des Schiffs den Boden aufriss, wo sie eine Sekunde zuvor gestanden hatte.
Außer Atem, mit pochendem Herzen, stand Arya auf. Sie hatte es geschafft. Sie war im Gebäude. Es gab keine Zeit zum Ausruhen. Sie hörte, wie die Xylar'n sich dem Eingang näherten. Sie musste schnell den Schlüssel finden und einen Fluchtplan aushecken. Ihre zitternden Finger zogen ein silbernes Ortungsgerät hervor. Es sollte sie zum genauen Standort des Schlüssels führen.
„Komm schon, zeig mir, wo er ist“, flüsterte sie und aktivierte das Gerät.
Sie wartete, bis sich das Signal stabilisierte. Die Sekunden tickten langsam dahin, während die Xylar'n näher kamen. Ihre Zeit lief unerbittlich ab.
Das Gerät begann endlich zu pulsieren und zeigte auf den hinteren Teil des Gebäudes und hinunter zu den unterirdischen Etagen. Mit pochendem Herzen schlich sie sich durch den Korridor, wich herabgestürzten Balken und Trümmerhaufen aus.
„Bitte, lass ihn hier sein“, flüsterte sie durch ihre staubigen Lippen und hielt das Gerät mit einer leicht zitternden Hand fest.
Sie erreichte eine massive Metalltür, die halb offen und von einer Explosion verbogen war. Sie zwängte sich durch den engen Spalt, kratzte sich die Hände an den gezackten Kanten. Sie stieg die spiralförmige Treppe hinab und fand sich bald in einem geräumigen Raum wieder, der einst wahrscheinlich ein Kommandoraum gewesen war. Jetzt war er ein einziges Chaos – zerbrochene Konsolen, funkelnde Kabel und Trümmerhaufen bedeckten den Boden.
Das Gerät führte sie zur hinteren Ecke des Raumes. Arya bewegte sich vorsichtig, achtete darauf, nicht auf instabilem Boden zu treten.
Das Signal wurde stärker. Sie war nah dran.
„Da bist du“, flüsterte Arya und entdeckte eine flache Nische in der Wand.
Sie räumte die Trümmer vor der Nische weg. Ihr Herz war vor Erwartung und Angst zusammengeschnürt.
Aber als sie hineinsah, spürte sie, wie ihr Blut gefror.
Die Nische war leer.
„Nein“, rief sie fast ungläubig aus. „Nein, nein, nein!“
Arya begann verzweifelt, in den Überresten um die Nische herum zu wühlen, in der Hoffnung, der Schlüssel sei bei der Explosion einfach herausgefallen.
„Er muss hier irgendwo sein“, murmelte sie und ignorierte den Schmerz der Schnittwunden an ihren Händen.
Die Sekunden vergingen, aber der Schlüssel tauchte nicht auf. Verzweiflung begann sie zu übermannen.
Plötzlich hörte sie Geräusche vom Eingang des Gebäudes. Die Xylarer waren eingedrungen.
„Verdammt“, zischte Arya und suchte nach einem Ausweg.
Es blieb keine Zeit, die Suche fortzusetzen. Sie musste hier raus. Sie bemerkte einen kleinen Lüftungsschacht hoch an der Wand. Es war riskant, aber sie hatte keine andere Wahl. Sie kletterte über einen Trümmerhaufen und erreichte den Schacht. Mit Mühe gelang es ihr, das Gitter zu öffnen und sich hineinzuquetschen, gerade als der erste Xylarer-Krieger den Raum betrat.
Während sie sich durch den engen Tunnel zwängte, versuchte Arya, den Schock ihres Scheiterns zu verarbeiten.
„Das ist unmöglich“, dachte sie. „Wo kann der Schlüssel sein? Die Spuren führten doch hierher.“
Sie erinnerte sich an die Worte ihres Kommandanten vor der Mission: „Arya, dieser Schlüssel ist unsere einzige Hoffnung. Ohne ihn ist das Verteidigungssystem des Sonnensystems nutzlos.“
Schuldgefühle übermannten sie. Hatte sie alle im Stich gelassen?
Doch jetzt war keine Zeit für Selbstmitleid. Sie musste hier raus und einen neuen Plan schmieden.
Nach einigen Minuten qualvollen Kriechens durch den Lüftungsschacht erreichte Arya die Außenwand des Gebäudes. Mit einem Tritt brach sie das Gitter auf und zwängte sich nach draußen, wo sie schwer aufschlug. Sie blickte sich schnell um. Im Moment gab es keine Anzeichen von Xylarern, aber das würde nicht lange so bleiben.
„Denk nach, Arya“, sagte sie zu sich selbst. „Wohin haben sie ihn gebracht, wo könnte der Schlüssel sein?“
Dann kam ihr die Erleuchtung. Sie erinnerte sich an den Evakuierungsplan und die Basis, von der ihr der Kommandant erzählt hatte – ein kleiner Außenposten, versteckt in den Bergen.
„Natürlich“, flüsterte sie. „Sie müssen ihn dorthin gebracht haben. Das ist das Protokoll, das sie befolgen sollten.“
Doch die Basis war weit entfernt, und ihr Schiff stand zwei Blocks entfernt auf der anderen Seite des Platzes. Arya knirschte mit den Zähnen. Sie würde nicht so leicht aufgeben.
„Gut, neuer Plan“, sagte sie zu sich selbst. „Erstens, zurück zum Schiff. Dann in die Berge.“
Mit einem letzten Blick auf das Gebäude, in dem sie den Schlüssel zu finden gehofft hatte, stürmte Arya zurück durch die Ruinen von Guwater. Sie wusste, dass ihre Chancen gering waren und sie wahrscheinlich direkt in eine Falle lief. Aber sie hatte keine Wahl. Das Schicksal von Atlantis und der Erde hing von ihr ab. Sie würde den Schlüssel finden, koste es, was es wolle.
Arya rannte durch die Ruinen von Guwater, atmete schwer und keuchend. Hinter ihr ertönten erneut die Rufe ihrer Verfolger.
„Komm schon, nur noch ein bisschen“, flüsterte sie sich zu, während sie über einen Trümmerhaufen sprang.
Der Boden vor ihr explodierte. Arya warf sich zur Seite und rollte sich hinter den Überresten eines zerstörten Kampfdrohns in Deckung.
„Zu nah“, knurrte sie und spähte über ihr Versteck.
Bald tauchte eine Gruppe von fünf Xylarern auf. Sie näherten sich, die Mündungen ihrer Waffen suchten nach ihr.
„Sie haben meine Position noch nicht entdeckt.“ Arya knirschte mit den Zähnen. Sie würde ihr Schiff nicht ohne einen Kampf erreichen. Mit einer schnellen Bewegung zog sie eine kleine Kugel aus ihrem Gürtel – ihre einzige Lichtgranate. Sie aktivierte sie und warf sie auf die herannahenden Feinde.
Ein blendendes Licht blitzte auf, gefolgt von verwirrten Rufen der Xylarer. Arya wartete keine Sekunde länger. Sie sprang aus ihrem Versteck und sprintete auf ihr Schiff zu, das bereits in der Ferne sichtbar war.
Laserfeuer zischte an ihr vorbei, aber die Verwirrung ihrer Feinde machte ihr Zielen ungenau. Endlich erreichte sie ihr Schiff. Ihre Finger tippten hastig den Code ein, um die Luke zu öffnen. Die Sekunde, in der sich die Tür öffnete, kam ihr wie eine Ewigkeit vor.
„Komm schon, komm schon“, klopfte sie ungeduldig auf die Tür und blickte zurück zu den herannahenden Xylarern.
Mit einem leisen Zischen öffnete sich die Luke. Arya stürzte hinein, gerade als ein Salve Laserfeuer den Rumpf des Schiffes traf.
Ohne Zeit zu verlieren, warf sie sich in den Pilotensitz und aktivierte die Startsequenz. Die Triebwerke heulten auf, und das Schiff bebte.
„Komm schon, Kleiner“, flüsterte Arya und streichelte das Kontrollpanel. „Bring uns hier raus.“
Das Schiff stieg in die Luft und ließ die wütenden Xylarer am Boden zurück. Arya tippte schnell die Koordinaten für das Flugziel ein und seufzte erleichtert, als sie sich für einen Moment entspannen konnte. Die Beschleunigung drückte sie in den Sitz, und die Landschaft draußen verschwamm. Sie flog über den Ozean. Sie lächelte und spürte zum ersten Mal seit Stunden einen Funken Hoffnung. Sie freute sich fast, als sie die Küste und die Berge sah.
Doch ihre Freude war nur von kurzer Dauer. Ein rotes Alarmlicht blinkte auf, eine Sekunde bevor eine Explosion das Schiff erschütterte.
„Was ist los?“, rief Arya, schaltete den Autopilot aus und übernahm die manuelle Steuerung.
Die KI des Schiffes antwortete mit einer mechanischen Stimme:
„Kritischer Schaden am linken Triebwerk. Leistungsverlust. Sofortige Landung empfohlen.“
„Nicht jetzt“, stöhnte Arya. „Halte noch ein bisschen durch.“
Sie überflog hastig die Karte. Ihr Blick fiel auf einen kleinen Punkt in den Bergen – den geheimen Außenposten.
„Dorthin“, sagte sie zu sich selbst. „Wir müssen dorthin.“
Doch das Schiff verlor schnell an Höhe. Eine Rauchspur zog sich hinter ihm her und verriet seine Position. Arya umklammerte die Steuerung und spannte all ihre Fähigkeiten als Pilotin an. Sie musste zwischen dem Halten der Höhe und dem Vermeiden von feindlichem Feuer balancieren.
„Komm schon, Kleiner“, flehte sie das Schiff an. „Nur noch ein bisschen.“
Die Berge kamen näher, aber das Gelände darunter stieg immer schneller an. Arya spürte, dass der Erfolg auf Messers Schneide stand. Mit einem ohrenbetäubenden Knall fing das linke Triebwerk Feuer und hinterließ eine feurige Spur. Das Schiff drehte sich unkontrolliert und stürzte auf die Erde zu. Arya kämpfte mit den Steuerungen und versuchte, den Flug zu stabilisieren. Im letzten Moment gelang es ihr, das Schiff irgendwie zu stabilisieren. Doch die Oberfläche war bereits zu nah.
Mit einem höllischen Kreischen und Quietschen berührte das Schiff den Berghang und begann, über das felsige Gelände zu rutschen. Funken und Trümmer flogen in alle Richtungen. Die starken Vibrationen warfen Arya fast aus ihrem Sitz. Sie klammerte sich wütend an die Griffe und flüsterte sich zu, dass alles gut werden würde. Schließlich, mit einem letzten metallischen Stöhnen, kam das Schiff zum Stillstand.
Für einen Moment herrschte völlige Stille. Arya bewegte sich und stöhnte vor Schmerz. Sie war am Leben. Sie hatte überlebt. Aber jetzt würden die Xylarer kommen, um sie zu suchen. Sie und den Energiekern des Schiffes. Und sie war allein und verletzt.
Mit aller Willenskraft zwängte sich Arya aus dem zerstörten Schiff. Jede Bewegung sandte Wellen von Schmerz durch ihren Körper. Sie blickte sich schnell um und bewertete die Situation.
Ihr Schiff lag zerstört am Berghang und hinterließ eine lange, aufgerissene Spur. Rauch stieg aus dem aufgerissenen Rumpf, und verstreute Trümmer bedeckten den Boden.
„Gut“, flüsterte sie zu sich selbst, „zuerst – bewerte den Schaden.“
Hinkend umrundete Arya die Überreste des Schiffes. Das linke Triebwerk war vollständig abgerissen, und das rechte qualmte bedrohlich. Der Rumpf war an mehreren Stellen eingedrückt und gab die inneren Systeme preis.
„Du wirst nicht mehr fliegen“, seufzte sie und streichelte die verkohlte Außenhaut des Schiffes.
Ein Geräusch in der Ferne ließ sie erstarren. Sie kniff die Augen zusammen und starrte in die Richtung des Lärms. Fast am Horizont sah sie dunkle, sich vergrößernde Punkte. Es konnte nichts anderes sein als Xylarer-Schiffe.
„Sie sind schnell“, runzelte Arya die Stirn.
Sie kehrte ins Schiff zurück. Aus einem gut geschützten Fach über dem Reaktorraum griff sie die Energiesphäre. Sie griff auch nach dem Notfallkit und der dort gelagerten leichten Schusswaffe. Sie warf einen letzten traurigen Blick auf ihr treues Schiff und wandte sich dem steilen Berghang zu.
„Gut, der Außenposten muss irgendwo da oben sein“, sagte sie zu sich selbst und starrte auf das felsige Gelände. „Ich muss ihn nur finden, bevor die Xylarer mich einholen.“
Arya begann den Aufstieg. Sie wünschte, sie könnte schneller sein, aber jeder Schritt löste eine Welle von Schmerz in ihrem angeschlagenen Körper aus. Sie knirschte mit den Zähnen und ging weiter. Es gab keine Zeit für eine Pause.
Nach etwa einer Stunde Klettern hielt sie an, um Luft zu holen. Sie blickte zurück und sah durch die Baumkronen die Xylarer-Schiffe. Sie kreisten über der Absturzstelle, und eines landete neben den Überresten.
„Schneller“, flüsterte sie. „Ich muss mich schneller bewegen, der Eingang zum Posten muss irgendwo hier sein.“
Sie blickte sich um, und ihr suchender Blick entdeckte schnell die unnatürliche Vertiefung, die zu perfekt aussah, um ein natürliches Gebilde zu sein. Ihr Herz schlug schneller. Sie hoffte, dass dies einer der Seiteneingänge zum Außenposten war.
Arya näherte sich und untersuchte den Felsen sorgfältig. Ihre Hände tasteten die Oberfläche ab, auf der Suche nach einem Mechanismus oder einem Schloss.
„Natürlich gibt es keins. Der Posten gehört uns, nicht den Atlantern.“ Sie konzentrierte sich, und ihr Bewusstsein berührte die mentale Verriegelung. Ohne zu zögern aktivierte sie sie.
Mit einem leisen Zischen glitt ein Teil des Felsens zur Seite und enthüllte einen schmalen Eingang.
„Wow“, lächelte Arya und blickte sich um.
„Genau zur rechten Zeit. " Hinter ihrem Rücken brauste mit durchdringendem Motorenlärm ein Xylar’n-Kampfscooter auf sie zu. Fast instinktiv warf Arya sich durch den Eingang. Der Fels hinter ihr begann sich zu schließen, aber nicht schnell genug. Ein Laserschuss durchschnitt die Luft und traf sie in die Schulter, gerade bevor sich der Eingang vollständig schloss.
Arya schrie vor Schmerz auf und fiel in den dunklen Korridor auf die Knie. Für einen Moment drehte sich die Welt um sie herum, und der Schmerz trübte ihr Bewusstsein. Mit aller Willenskraft rappelte sie sich auf. Sie konnte es sich nicht leisten, das Bewusstsein zu verlieren. Nicht hier, nicht jetzt. Sie zog eine kleine Taschenlampe aus ihrem Notfallkit und beleuchtete den Korridor vor sich.
Ein schmaler Gang führte tief in den Berg hinein. Offenbar war sie durch einen Not- oder vielleicht einen Wartungseingang eingetreten. An einer kleinen Plakette neben der Tür war die Nummer des Außenpostens eingraviert.
„Gut“, flüsterte sie. „Wenigstens bin ich am richtigen Ort.“
Von hier aus führte ein Korridor zum eigentlichen Posten, der tief unter der Erde lag. Die Vorschriften sahen vor, dass irgendwo in der Nähe eine Konsole sein musste.
Bis hierher alles gut. Jetzt muss ich mich mit dem Basisintellekt verbinden. Gestützt an der Wand, schleppte sie sich langsam, Schritt für Schritt, stöhnend vor Schmerz, bis zu einer kleinen Kammer, in der sie die Konsole entdeckte. Sie schloss die Tür hinter sich, durchquerte den Raum und ließ die Energiekern-Sphäre im Durchgang zu den Tiefen der Basis zurück. Sie ließ sich schwer vor der Konsole nieder. Sie war leicht überrascht von der archaischen Tastatur mit Symbolen anstelle eines DNA-Zugriffs. Doch ihre Finger erinnerten sich an die antrainierten Bewegungen und begannen, ihre persönlichen Codes einzugeben.
Einige Befehle später gelang es Arya, das System zu aktivieren und Zugang zu erhalten. Doch bevor sie sich mit dem Intellekt verbinden konnte, drang ein dumpfes Brummen und Vibrieren an ihre Ohren, das sie erschaudern ließ. Die äußere Tür des Außenpostens war gesprengt worden, und das Geräusch vieler Schritte erreichte sie. Sie kamen auf sie zu. Arya sprang schnell hinter der Konsole hervor und versteckte sich hinter einem Schreibtisch. Sie griff nach dem Griff ihres Messers und bereitete sich auf die Begegnung mit dem Feind vor.
Xylar’n-Soldaten stürmten in den Raum. Sie musterten das Innere.
Atme langsam. Arya duckte sich. Das schnelle Schlagen ihres Herzens hallte in ihren Ohren. Einer der Soldaten hob die Hand und knurrte die anderen an. Arya hatte sich nie für besonders gut in der Sprache des Uralten Feindes gehalten, aber sie verstand dennoch deutlich.
„Hier steht eine Konsole, die aktiv ist.“
„Schau genauer hin, Neuling. Da irrst du dich“, knurrte ein größerer Soldat mit einer etwas anderen Uniform, der direkt neben der Tür stand. „Die Aufklärung sagt, dass dieses Loch seit Jahren nicht mehr funktioniert.“
„Vielleicht hat sich hier ein Lemurier eingeschlichen.“
„Halt die Klappe und denk nicht nach. Untersuche es.“
Der erste Xylar’n näherte sich der Konsole und begann, sie zu überprüfen. Arya schätzte schnell ihre verbleibenden Möglichkeiten ein. Die Zeit, die ihr blieb, war knapp. Sie musste blitzschnell handeln. Sie konzentrierte sich, berührte das Ka’ra und drängte den Schmerz aus ihrem Körper. Das würde sie teuer zu stehen kommen, aber später würde sie an den Preis denken. Zunächst musste sie überleben, um ihn zu zahlen.
In dem Moment, als der Soldat dem Schreibtisch den Rücken zukehrte, sprang Arya vom Boden auf und stürzte sich auf ihn. Sie überraschte ihn und drückte ihn zu Boden.
„Lemurier!“, schaffte er es zu schreien, doch sein Schrei wurde schnell erstickt, als Arya ihn am Hals packte.
„Neugier“, zischte sie, „tötet die Katze.“ Sie drehte seinen Kopf abrupt. Sie hörte das Knacken der Wirbel, und sein Körper sank leblos zu Boden.
Die verbliebenen Xylar’n-Soldaten reagierten mit einer Sekunde Verzögerung, was Arya die Möglichkeit gab, sich über den Boden zu rollen und den ersten Schüssen auszuweichen.
Sie rollte erneut zur Seite, wich den Energieladungen aus und versteckte sich hinter dem Schirm eines massiven Schreibtischs links vom Terminal. Der Raum war in völligem Chaos – Schüsse, Schreie, Explosionen von Treffern in der Ausrüstung.
Diese sind Neulinge. Der rettende Gedanke blitzte auf, und Arya lugte vorsichtig hervor, behielt dabei die Position der Soldaten im Hinterkopf. Atme.
Sie holte tief Luft und sprang aus ihrem Versteck. Sie stürzte sich in einen Angriff mit einer tödlichen Kombination aus Geschwindigkeit, Präzision und einem scharfen, fünfundzwanzig Zentimeter langen Messer, das sie im Schwung aus dem Gürtel des gefallenen Soldaten gezogen hatte.
Der erste vor ihr bekam einen Tritt gegen die Brust, der zweite wurde mit einem Faustschlag ins Gesicht empfangen. Sie stürmte zwischen den anderen hindurch. Ihre Hände tanzten in ständigen tödlichen Spiralen, die gnadenlos das Fleisch durchtrennten.
Einer nach dem anderen fielen die Soldaten, bis schließlich nur noch Arya übrig war, die sich in der Mitte des Raums duckte. Sie war übersät mit Blutspritzern, umgeben von den Leichen der Soldaten. Sie atmete schwer. Ihre Augen glühten, noch immer in der Wut des Kampfs versunken. Sie war am Rande.
„Das war… auch für Thalia“, flüsterte Arya und blickte auf die Körper der gefallenen Xylar’n.
Die Erinnerung an die im Kampf verlorene Freundin tauchte in ihrem Bewusstsein auf. Thalia, die sich geopfert hatte, um Arya die Chance zu geben, aus Guvater zu entkommen, vor einem Tag. „Finde den Schlüssel“, waren ihre letzten Worte gewesen, bevor sie sich in den Kampf gestürzt hatte. Arya ließ nicht zu, dass der Schmerz über den Verlust der Freundin sie übermannte.
Der Raum versank in Stille, unterbrochen nur von ihrem schweren Atmen und dem leisen Zischen von Funken aus der Elektronik. Arya stand auf und umrundete die Leiche des letzten gefallenen Soldaten. Der Anblick ekelte sie.
„So viel Blut… Aber ich hatte keine Wahl.“
Ein Rascheln hinter ihr ließ sie instinktiv herumwirbeln, während sie sich leicht zur Seite warf. Ein Xylar’n-Soldat stand in der Tür mit einer rauchenden Waffe in der Hand. Arya hatte nicht rechtzeitig reagieren können. Der Schuss hatte sie in die Hüfte getroffen. Arya schrie vor Schmerz auf, während sie die blutende Wunde presste.
„Du hast keine Ehre“, knurrte sie in seiner Sprache.
Der Xylar’n grinste und näherte sich ihr vorsichtig.
„Ein grausamer und würdiger Kampf, das gebe ich zu“, knurrte er guttural, während seine dunklen Augen sie gierig fixierten. „Du, lemurischer Abschaum, kommst mit mir. Was für eine Belohnung! Der Oberkommandant wird sich über ein lebendes lemurisches Exemplar freuen.“
„Euer Oberkommandant ist so ober, wie ich sanft bin“, zischte Arya durch die Zähne.“
Mit letzter Kraft wirbelte Arya sich herum und schleuderte das Messer auf den Soldaten, zielte auf seinen Oberschenkel. Er schrie auf und ließ seine Waffe fallen. Den Moment nutzend, rollte Arya zur Seite und schlüpfte durch die Tür, die in den unterirdischen Teil der Basis führte. Sie schloss sie hinter sich. Mit fieberhaften Anstrengungen gelang es ihr, die Kontrollen zu aktivieren. Die Notfall-Panzerplatten fuhren mit einem Knall herunter und versiegelten die Tür. An Aryas Ohren drangen eine Reihe schneller Einschläge auf das Metall. Der Soldat schoss auf die Tür. Sie hörte seinen wütenden Schrei.
„Die Verteidigung! Ich sollte sie besser aktivieren. Bald werden seine Kameraden hier sein.“ Ihre Gedanken wurden immer langsamer unter dem Schleier des Schmerzes. Sie hatte den Faden von Ka’ra verloren und atmete jetzt nur noch mühsam ohne den Zufluss der stärkenden Kraft.“
„Kommandant, die Lemurierin ist in die Untergeschosse entkommen“, drang die gedämpfte Stimme eines Xylarers durch die stählernen Blätter.
„Idioten! Wie habt ihr sie entkommen lassen?“
„Sie... sie ist nicht wie die anderen. Sie kämpfte wie...“
„Wie was, Soldat?“
„Wie ein Dämon, Drak'zul. So etwas habe ich noch nie gesehen.“
„Interessant. Vielleicht wird der Höchste sie doch lebend sehen wollen.“
Drak'zul! Ein grausames Lächeln breitete sich trotz des Schmerzes auf Aryas Gesicht aus. Sie haben einen Säuberer-Vernichter auf meine Fährte geschickt! Welch eine Ehre.
Doch dafür war keine Zeit. Sie kroch zum seitlich an der Tür angebrachten Terminal. Zu ihrer Erleichterung war es mit einem DNA-Slot ausgestattet. Diesmal gelang es ihr schnell, Kontakt mit der Intelligenz der Basis herzustellen.
„Sie wurden als Ariadne, Lemurierin, identifiziert. Es freut mich, Sie zu sehen. Wie kann ich Ihnen behilflich sein?“, erklang die mechanische Stimme der KI.
„Es freut dich?“, zischte Arya. „Ich hoffe, du bewahrst dir diese Freude für später auf.“
„Ich schätze den Sarkasmus, Ariadne. Meine Protokolle...“
„Dafür ist keine Zeit“, unterbrach ihn Arya. „Der Zustand der Basis ist kritisch. Am Eingang steht ein Feind. Gehe sofort in den Verteidigungsmodus.“
„Ich starte die Basisversiegelung und aktiviere die Abwehrsysteme. Ich empfehle, im Inneren Schutz zu suchen.“
„Leicht gesagt“, keuchte sie und ließ sich auf den Boden sinken.
„Ariadne, meine Systeme... sind nicht im optimalen Zustand“, sagte die Basisintelligenz.
„Alles in Ordnung. Wir schaffen das“, antwortete Arya und verstand die wahre Botschaft: Die Basis starb, genau wie sie. „Sag mir etwas Schönes, das ich nicht weiß.“
„Ich könnte ‚Olidara‘ auf Protoatlantisch rezitieren, wenn das hilfreich wäre.“
„Sehr witzig“, murmelte Arya. „Zeig mir den Weg zum medizinischen Sektor mit der Stasiskammer. Ich bin verletzt.“
„Verstanden. Und, Ariadne... viel Glück.“
Starke Vibrationen durchzogen den Boden, als tief unter der Erde die Abwehrsysteme des Außenpostens aktiviert wurden. Arya griff nach dem Energiekern und humpelte, den Leuchtsignalen folgend, die ihr die Intelligenz als Wegweiser zeigte. Sie glitt durch die engen Korridore. Sie spürte die Vibrationen der Geschütze und die Explosionen oben. Die Schlacht erschütterte die Basis.
Mühsam schleppte sie sich bis zum Raum mit der Stasiskammer. Mit ihrem durch den Blutverlust getrübten Blick konnte sie die weißen Konturen der Kammer erkennen. Sie näherte sich, schwankend. Das Blut floss aus der Wunde in ihrer Seite und hinterließ eine bläuliche Spur auf dem Boden.
„Danke, dass du mich hierher gebracht hast“, flüsterte sie und hoffte, dass die künstliche Intelligenz der Basis sie hörte. „Jetzt kann ich hoffen.“
Ich werde meine Wunden heilen und meine Mission fortsetzen.
Mit einem langen Stöhnen gelang es ihr, sich auf die Stasisplattform zu ziehen.
„Intelligenz, aktiviere die Kammer für Intensivbehandlung.“
Die Stille war ohrenbetäubend.
„Intelligenz?“
Wieder keine Antwort.
Offenbar ist sie nicht mehr in der Lage zu kommunizieren. Arya stieg von der Plattform und kniete nieder. Sie versuchte, die erforderliche Kombination manuell einzugeben. Ihr Blick war verschwommen, und ihre Hand zitterte vor Schwäche durch den Blutverlust. Dennoch tippte sie die Kombination ein und kehrte stöhnend auf die Plattform zurück. Um sie herum erhoben sich die Schichten der Energieschilde. Die Kammer startete den Reanimationsprozess und aktivierte das Stasisfeld.
Arya schloss die Augen. Das Letzte, was sie sah, waren die Energieschilde, die blaue Lebenspulse ausstrahlten. Sie umhüllten ihren Körper. Tief in sich zweifelte sie daran, dass sie hier in Sicherheit sein würde. Aber es gab keine andere Wahl. Sie starb.
Ohne es zu merken, hatte Arya einen fatalen Fehler begangen. In ihrer Schwäche und ihrem verwirrten Zustand hatte sie versäumt, eine Zeitbegrenzung für die Stasis festzulegen, und verurteilte sich selbst zu einem ewigen Schlaf.
Draußen ließen die Erschütterungen und Explosionen allmählich nach. Die Basis war versiegelt, geschützt vor den feindlichen Kräften. Doch für Arya war die Zeit in diesem verzauberten Traum eines endlosen Stasis gefroren, vergessen von allen.
KAPITEL -2-
Der Kleinbus kroch langsam den Hang hinauf. Die nicht besonders steile Steigung bereitete dem Motor des betagten Fahrzeugs dennoch größte Mühe. Die von der Sommersonne durchglühte Landschaft glitt an ihnen vorbei, während sie die Ebene durchquerten. Sie hatten die Bundesstraße AZ64 verlassen und rumpelten nun über unebenes Gelände. Trotz der funktionierenden Klimaanlage war die Luft im Inneren drückend, erfüllt vom staubigen Aroma aus Sand, Kakteen und Autoreifen.
Peter umklammerte fest das lederne Lenkrad. Seine Gedanken rasten bereits voraus zu ihrem Ziel:
„Gleich sind wir da. Diese Höhle könnte unsere Goldgrube sein. Hoffentlich ist sie so schön, wie alle sagen.“
„In wenigen Minuten erreichen wir ‚Lipan Point‘, dann geht’s zu Fuß Richtung Grand Canyon weiter“, verkündete er mit aufmunternder Stimme und einem leichten Lächeln. „Verabschiedet euch vom Luxus meines Vans und schnürt eure Schuhe fest. Wir haben einen guten Marsch vor uns.“
Brett – das jüngste Mitglied des Teams, das vorne neben Peter saß – holte seinen Laptop aus dem Rucksack. Seine flinken Finger belebten die Tastatur, während auf dem Bildschirm eine dreidimensionale Rekonstruktion des Canyons erschien. Mit dem blauen Cursor markierte er ein Detail – eine gewaltige Höhle, von der Voruntersuchungen vermuten ließen, dass sie den Kern des Felsmassivs im östlichen Teil des Canyons durchdrang.
„Laut diesen Daten könnte das Loch das größte Höhlensystem im Canyon sein. Niemand weiß genau, wie weit die Tunnel reichen. Erforscht sind bisher nur etwa dreihundert Meter.“
„Sei doch ein bisschen respektvoll. Loch? Das wäre dein erstes, oder Brett?“, warf Peter ihm spöttisch einen Blick zu.
„Ja, ja, vielleicht ist sie so schön wie versprochen, aber am Ende bleibt’s ein Loch“, zuckte Brett mit den Schultern.
Mindi, Geophysikerin und leidenschaftliche Hobby-Höhlenforscherin, beugte sich über Brets Schulter und starrte auf den Bildschirm. Ihre Gedanken wurden immer lebhafter, während sie das komplexe Tunnelsystem verfolgte, das Bret ihr zeigte:
Ich hoffe wirklich, dass wir bei dieser Expedition etwas Wertvolles entdecken.
„Glaubst du, dort könnte es uraltes Leben gegeben haben?“, fragte sie mit hoffnungsvoller Stimme.
„Wenn es Spuren von urzeitlichem Leben gibt, wäre das eine bahnbrechende Entdeckung“, antwortete Bret.
„Das werden wir herausfinden. Oder?“, warf Peter ein und wandte seinen Blick kurz vom Weg ab. „Bisher hat niemand etwas entdeckt, aber wie der Neuling sagte – bisher ist noch keiner so weit hineingegangen.“
„Hoffentlich. Ich wünschte, wir würden etwas finden.“ Ja, das hoffen wir alle, dachte Mindi.
„Wir können nur hoffen.“ Peter ließ den Weg nicht aus den Augen. Er wünschte sich, seine Leute hätten recht. Er war mehr als ungeduldig, doch er zeigte es nicht. Diese Expedition war das Ergebnis stundenlanger Recherche. Bald würde sich zeigen, ob er richtig lag.
Nach etwa einer Stunde auf der kurvenreichen Straße hielten sie den Kleinbus auf einem Rastplatz an. Vor ihnen erhob sich der Grand Canyon, dessen freiliegende Gesteinsschichten Bilder längst vergangener Zeiten zeichneten. Die Sonne versank hinter den Hügeln und tauchte ihre Gipfel in goldenes Licht.
Endlich, dachte Peter aufgeregt. Die Höhle ist ganz in der Nähe.
„Nur eine kleine Erinnerung“, sagte Peter, während er die Heckklappe öffnete und die anderen ihre steifen Glieder nach der langen Fahrt bewegten. „Vergesst nicht, die Ersatzbatterien für die Stirnlampen mitzunehmen. Man weiß nie, wann man sie braucht.“
Ich muss an alles denken. Die Neulinge halten sich für unsterblich. Der Gedanke, dass er selbst einmal so gewesen war, ließ ihn schmunzeln.
Bald darauf machten sie sich, beladen mit Taschen und Rucksäcken, in einer Kolonne auf den festgetrampelten Lehmweg. Sie bahnten sich ihren Weg durch dichtes Gebüsch und stiegen den Hang hinauf. Greg, der Letzte in der Reihe, schleppte ein Theodolit-Stativ und telefonierte.
Ich verstehe diesen Typen nicht. Will er überhaupt hier sein? Bei einer Kurve warf Peter ihm einen demonstrativen Blick zu und schüttelte den Kopf.
„Tut mir leid“, unterbrach Greg das Telefonat. Verdammt, er starrt mich schon wieder an. „Ich musste rangehen. War vom Büro.“
„Kein Problem. Aber lass dich nicht ablenken, okay? Das Gelände ist gefährlich. Ein falscher Schritt, und wir müssen dich mit dem Stativ aus dem Geröll ziehen. Pass auf, ja?“
Ich frage mich, ob er überhaupt versteht, worauf er sich eingelassen hat. Peter war besorgt, ob der bullige Greg durchhalten würde.
Die Gruppe folgte dem schmalen, steilen Pfad, bis sie ein ausgetrocknetes Flussbett am Rand des Canyons erreichten. Peter legte Mindi die Hand auf die Schulter, die unter der Last ihres großen Rucksacks schwer atmete.
„Hier ist die Luft besser, oder?“ Sie drehte sich zu ihm um. Eine feuchte Brise vom Canyon streichelte ihr Gesicht.
Immer so voller Energie. Das liebe ich an dir, Mindi. Er sah sie an. Sie erwiderte seinen Blick und lächelte.
„Atmen geht leichter“, sagte er und deutete hangabwärts. „Wir suchen nach der dritten Höhle.“ Er machte einen Schritt vorwärts.
„Hab ein wenig Erbarmen. Du legst ein zu schnelles Tempo vor“, keuchte Mindi unglücklich. Manchmal ist er wie ein wildes Tier. Ich muss ihm sagen, dass nicht alle so ausdauernd sind wie er.
Ihr Blick folgte dem felsigen Abschnitt, der vor ihnen im ausgetrockneten Flussbett lag.
„Bergsteigen mag dein Hobby sein, aber hab Mitleid mit uns Sterblichen.“
Sie hat recht. Ich sollte ihnen eine Pause gönnen, erkannte Peter und unterdrückte ein Lachen. Eine Welle der Ungeduld huschte über sein Gesicht. Er nahm Mindis Scherz auf und lächelte.
„Egal wie viele Expeditionen du geleitet hast, Mindi, diesmal musst du mir folgen, okay? Hast du vergessen, wie du mich in Guatemala eine ganze Woche genervt hast?“
„Für diese Woche hast du mir monatelang gedankt. Aber klar. Jetzt zahlst du es mir heim.“ Sie grinste spitzbübisch. Ich kann mich immer auf Peter verlassen, dass er mich herausfordert. Lang lebe die Geduld.
Mindi kannte die Instinkte ihres Abenteuerpartners und ahnte, dass er an eine Entdeckung in dieser Höhle glaubte. Hoffentlich hat er diesmal recht.
„Wir gehen nur bis zur ersten Abzweigung. Okay? Du weißt, wir können nicht einfach losziehen, ohne Genehmigung. Die Behörden würden uns köpfen.“
Peter nickte nur und führte das Team über das steinige Flussbett, jeder Muskel in seinem Körper arbeitete perfekt zusammen. Wartet nur, Leute. Wenn ihr die Schönheit dort seht, werdet ihr die Müdigkeit vergessen. Sein tägliches Training zahlte sich jetzt aus, doch das galt nicht für die anderen, besonders nicht für Greg.
Die Hitze im Canyon war unerträglich. Die Nachmittagssonne brannte erbarmungslos auf sie herab und heizte die Felsen auf. Doch die Schönheit, die die Schatten auf dem Gelände schufen, war unvergleichlich. Die Nuancen beeindruckten Peter.
„Das ist der Blick! So etwas gibt es nirgendwo sonst auf der Welt. Ich werde nie müde, ihn zu genießen. Hoffentlich schätzen die anderen ihn auch.“
Für Mindi war die Echo-Höhle, nordöstlich von Peach Springs, Arizona, ein faszinierender Ort. Obwohl sie unter Höhlenforschern und Abenteurern unbekannt war, war die Erforschung dieser möglicherweise vergessenen Höhle mehr als notwendig. Mindi hoffte auf eine Wohnstruktur. Vielleicht sogar Spuren früher Bewohner. Das war ihr wichtig. Ihre Ausrüstung ermöglichte verschiedene Untersuchungen – von geologischen bis zu paläontologischen.
Nach einer weiteren Biegung im ausgetrockneten Flussbett hielt Peter an und wartete. Er zeigte nach oben, und alle Blicke trafen auf den dunklen Höhleneingang, der wie das Auge eines alten Gottes wirkte, das den Canyon von oben beobachtete. Da war sie, die gesuchte Höhle. Sie erhob sich über das ausgetrocknete Bachbett, umgeben von halb verdorrten Büschen und sichtbar voller Geröll.
„Das ist es?“, fragte Mindi keuchend. Gott, hoffentlich sind die Strapazen es wert. Ihre Stimme zitterte leicht vor Anstrengung.
„Ja, das ist die Echo-Höhle. Der Name ist nicht besonders beeindruckend, aber unter der Oberfläche verbirgt sich mehr“, sagte Peter enthusiastisch. Ich spüre, dass wir etwas Besonderes finden werden.
Bret kletterte schnell hinauf und untersuchte den dunklen Eingang. Seine Finger erforschten die Konturen. Sieht vielversprechend aus, dachte er, konzentriert auf die Gesteinsstruktur.
„Ich dachte, das wäre Zeitverschwendung. Aber jetzt, wo ich sie sehe, sieht sie vielversprechend aus“, rief er zu den anderen hinunter. Er strich sich durch die Haare und lächelte zufrieden.
Mindi ließ ihren Rucksack fallen und trat zu Peter. Er ist definitiv aufgeregt.
„Peter, während Bret und Greg das Zelt aufbauen, könntest du uns etwas über die Höhle erzählen und was uns darin erwartet. Das Team sollte mehr wissen“, flüsterte sie und sah ihn eindringlich an.
„Sie hat recht, ich sollte sie ein bisschen motivieren.“ Er ließ seinen Rucksack fallen und beugte sich vor, berührte die Steine am Boden. Als Anführer der Gruppe musste er nicht nur Höhlenforscher sein, sondern auch ein fesselnder Geschichtenerzähler, dessen Worte die müden Kollegen inspirieren und die in ihnen erloschene Funken wieder entfachen würden.
Greg wirkte verzweifelt. „Was würde ich nicht für ein bisschen Schatten und ein Glas kaltes Wasser geben.“ Sein Gewicht, das für seine Größe überdurchschnittlich war, hatte ihn ausgelaugt. Eine leichte Apathie und ein Hauch von Bedauern schienen durch, als er seufzte und auf sein Handy blickte, das keinen Empfang mehr hatte. „Würde mich überhaupt jemand hören, wenn ich um Rückkehr bitten würde?“ Nicht, dass er Anweisungen brauchte, aber ein wenig Enthusiasmus hätte nicht geschadet.
Jeder in der Gruppe wusste, wohin sie unterwegs waren. Peter passte sich dennoch Mindy an. Er ordnete seine Gedanken und bereitete sich darauf vor, die Geschichte der Höhle zu erzählen.
Peter blickte zu den imposanten Felsen auf und begann mit leiser, aber selbstbewusster Stimme zu sprechen:
„Die Echo-Höhle ist ein wahres Wunder der Natur. Stellt euch ein komplexes Netz aus Höhlen und Tunneln vor, das sich unter einer uralten Kalksteinschicht erstreckt. Wissenschaftler schätzen, dass diese Schönheit etwa 350 Millionen Jahre alt ist.“ Mit jedem Wort beobachtete er, wie die Aufregung langsam in Gregs Augen zurückkehrte. Die Lust auf Entdeckungen hatte die Bücherwürmer Greg und Bret dazu gebracht, sich dieser großen Herausforderung zu stellen. Allein die Tatsache, dass sie bereits hier waren, war eine enorme Leistung.
Peter fuhr fort, seine Stimme voller Bewunderung:
„Dort drinnen erwarten uns unglaubliche Anblicke. Stalaktiten, die wie Eiszapfen von der Decke hängen. Stalagmiten, die wie steinerne Kerzen aus dem Boden wachsen. Höhlenperlen, Kristallformationen... Wartet nur ab, ihr werdet es sehen...“ Er malte mit Worten das Bild, das sie erwartete, und die Falten der Müdigkeit auf seiner Stirn glätteten sich allmählich, ersetzt durch eine Mischung aus Vorfreude und Neugier.
Plötzlich wurde sein Tonfall ernster:
„Ihr müsst mir genau folgen. Hier ist kein Platz für Fehler. Jeder einzelne könnte euch schwer verletzen.“ Sein Blick ruhte herausfordernd auf dem dunklen Höhleneingang, der ihn wie magnetisch anzuziehen schien. „Das ist unsere Chance auf eine große Entdeckung.“
„Morgen gehen wir hinein“, verkündete er, und die Echo-Höhle schien sie schweigend aus ein paar Metern Entfernung zu beobachten.
Während die Sonne langsam dem Horizont entgegensank und den Himmel in warmen Farben färbte, schlug die Gruppe schnell ihr Lager auf. Bald tanzte ein fröhliches Feuer vor ihnen und warf flackernde Schatten umher. Mindy stellte vorsichtig einen kleinen Aluminiumtopf auf die Flammen. Nicht lange darauf verbreitete sich der Duft von köchelndem Bohneneintopf in der Luft, und die ausgehungerten Männer warfen immer ungeduldiger Blicke zum Feuer.
„Morgen erwartet uns ein unglaublicher Tag“, dachte Peter, während er seine Freunde durch die tanzenden Flammen beobachtete. Seine Augen glänzten vor Vorfreude auf das Abenteuer, das sie erwartete. „Ich spüre, dass es ihnen da unten gefallen wird, in den geheimnisvollen Tiefen der Echo-Höhle.“
\ \ \*
Der Morgen traf Peters Team bereit für den Eintritt in die Höhle. Die schweren Rucksäcke drückten auf ihre Schultern, doch die Aufregung überwog jedes körperliche Unbehagen. Ihre Blicke waren auf den Eingang geheftet, wo sie voller Vorfreude das bevorstehende Abenteuer erwarteten. Die kühle Dämmerung des Höhlenschlunds schien von der verborgenen Macht dieses Ortes zu flüstern.
„Unglaublich“, flüsterte Bret und durchbrach die Stille.
Die Höhle gähnte vor ihnen wie eine offene Wunde in der Erde, eingehüllt in längst vergessene Geheimnisse. Der monumentale dunkle Eingang weckte Assoziationen an ein Portal zum Reich des Hades.
Nachdem sie einige Dutzend Meter vorgedrungen waren, strich Peter mit den Fingern über die unebene Oberfläche, beeindruckt von den mineralischen Formationen. Sie ähnelten Stalaktiten, doch mit fein verflochtenen Strukturen, wie er sie noch nie gesehen hatte.
„Seht euch das an!“ rief Mindy. Sie hockte sich hin und zeigte auf die Spitze einer der Schichten. Sie wechselte einen Blick mit Peter, ihre Augen funkelten vor Neugier und Erwartung.
So schön und zart. Peter holte seinen Geologenhammer aus dem Gürtel und schlug vorsichtig ein kleines Stück von der Mineralformation ab. Er hielt es ins Licht seiner Stirnlampe und bemerkte, dass seine Struktur anders war als alles, was er in seiner Karriere als Höhlenforscher je gesehen hatte.
„Eine einzigartige Entdeckung!“
Er legte das Stück in eine Probentüte und reichte sie Mindy, die sich genähert hatte. Sie verstaut sie sorgfältig in ihrem Rucksack und nickte ihm zu, mit dem Versprechen, eine detaillierte Analyse im Labor durchzuführen.
Das Team ging weiter durch die steinernen Gänge, angezogen vom Reiz des Unbekannten. Bald erreichten sie eine geräumige unterirdische Halle, von der sich zahlreiche kleine Höhlentunnel verzweigten. Vor ihnen stehend, seufzte Peter. Er konnte kaum widerstehen. Er war bereit, tiefer in das Labyrinth der Höhle einzutauchen. Die unbekannten Passagen zogen ihn unwiderstehlich an.
„Die sind nicht auf der Karte“, murmelte Bret und blickte auf seinen Laptop. „Die Hauptkammer ist verzeichnet, aber von diesen Gängen gibt es keine Daten.“
„Wie spannend, nicht wahr? Brandneue Pfade zu erforschen.“ Peter starrte in den Raum vor sich, seine Augen leuchteten vor Aufregung.
„Na dann, versuchen wir es mit einem von ihnen“, sagte Mindy, bereit, das Team anzuführen.
Geschickt befestigte sie ein Seil an dem Haken, den Peter fest in den Felsen neben dem nächsten Tunnel geschlagen hatte. Sie richtete sich auf und bereitete sich vor, das Team in den unkartierten Teil der Höhle zu führen.
„Hier sind wir. Ich bin aufgeregt, Peter. Oh, was wird uns erwarten?“ Mindys Gesicht war von einem rätselhaften Lächeln erhellt. „Also, gehen wir?“
„Lasst uns ins Unentdeckte vordringen.“ Peter breitete die Arme aus und versuchte, ihren Tonfall nachzuahmen. Trotz ihres guten Sinns für Humor verschonte Mindy ihn nicht mit einem leichten Schlag auf die Schulter.
„Komm schon, komm schon. Führ uns.“
Er richtete das Licht seiner Helmlampe auf die Decke, wo glänzende Mineralformationen das fahle Licht reflektierten. Mindy folgte ihm, sich sicher in die Tiefen von Echora bewegend, wo sie hoffte, unterirdische Schönheiten zu finden.
„Peter.“ Er spürte ein Kribbeln, als das Echo im Höhlentunnel seinen Namen wiederholte. Mindy, dicht hinter ihm, tätschelte seine Schulter. Er zuckte zusammen und drehte sich um. Sie wirkte leicht besorgt. „Sollen wir umkehren? Mir und dir geht’s gut, aber Greg und Bret... Sie sind Neulinge in allem.“
Vielleicht hat sie recht, realisierte Peter.
„Du hast recht, aber der Gang ist breit und flach. Es ist nicht schwer.“ Seine Gedanken rasten hin und her, als er vor dem Dilemma Vorsicht gegen Neugier stand. Er sah sich um.
„Lass uns weitergehen. Okay?“ flüsterte er und neigte seinen Kopf zu ihrem. Seine Augen funkelten im Licht ihrer Stirnlampe. „Nur noch ein bisschen, Mindy. Hier sieht es nicht gefährlich aus. Fast wie ein Wanderweg.“
Sie nickte und tätschelte ihm noch einmal die Schulter.
„Na gut, dann noch ein Stück. Los.“
Als sie die leicht geneigten und gewundenen Gänge der Galerie hinabstiegen, wuchs ihre Aufregung. Die fast glatten Tunnel stimulierten ihre Sinne und Gedanken.
„Ist das hier von Wasser so glatt geschliffen worden?“ Greg strich über die fast glatten Wände.
„Das kann ich fast mit Sicherheit bestätigen“, lächelte Mindy den Neuling an. „Ihr habt großes Glück. Der Gang ist breit und es gibt keine Erdrutsche.“
„Holzklotz auf deine Zunge“, murmelte Bret und starrte nach vorn. „Sag so was nicht.“
Minuten später erreichte die Gruppe eine langgestreckte Höhlenkammer, die eine Fülle von Mineralformationen bot. Peters geologisches Interesse erwachte. Er trennte sich von der Gruppe und begann vorsichtig mit seinem Geologenhammer Proben zu sammeln.
Bei einer seiner wiederholten Untersuchungen nach neuen Funden bemerkte Peter eine Schattenfigur tief in einer der Seitenkammern.
„Seht!“ Greg hatte es ebenfalls bemerkt. „Eine Illusion? Seht ihr die gespaltene Silhouette? Ist da jemand?“
„Wahrscheinlich nur Schatten, aber wer weiß? Besser, wir überprüfen es.“ Peter schürte die Besorgnis des Neulings. Das Echo wiederholte seine Worte dreifach in den unterirdischen Tiefen, was ihn zusammenzucken ließ.
„Hast du das gehört?“ Mindy bemerkte ebenfalls das dreifache Echo. „Das Echo klang abgehackt.“
„Wahrscheinlich gibt es einen Abschnitt mit weicherem Gestein, das den Schall verzerrt.“
„Oder vielleicht bekannte Porosität?“
„Klar. Sollen wir nachsehen?“ Mit einer Flut von Fragen und Hypothesen, die das Echo aufwarf, machte sich die Gruppe schnell auf den Weg zu den Schatten in der Tiefe.
Das Klappern ihrer Schritte hallte in ihren Ohren, verflocht sich und erzeugte einen interessanten Soundeffekt, der an Beatboxing erinnerte.
„Echo!“ Bret war begeistert. „Ich hätte ein Mikrofon mitnehmen sollen. Pete, warum hast du nicht gesagt, dass man in Höhlen Alben aufnehmen kann?“
„Naja, nächstes Mal weiß ich, dass das geht.“ Brets Idee gefiel Peter.
„Tonstudio... Underground-Bruder. Klingt toll, nicht wahr, Greg?“
„Komm schon, Bret. Übertreib nicht. Die Echokraft könnte hier das Gleichgewicht stören.“ Gregs besorgtes Murmeln dämpfte die Hoffnungen auf Höhlenmusik etwas.
„Wie du meinst, Mann, aber es ist mehr als cool.“ Trotzdem senkte Bret seine Stimme fast zu einem Flüstern.
Sie drangen immer weiter in die Kammer vor. Obwohl die Decke sichtbar näher kam, ließ ihre Entschlossenheit, das Ende der Höhlung zu erreichen, nicht nach. „Wir müssen bis zum Grund vorstoßen“, spornte sich Peter an. Sie sprangen energisch über Vorsprünge und schlängelten sich zwischen riesigen Stalagmiten und gewaltigen Säulen hindurch – ihr Ziel war es, das Ende der Halle zu erreichen und die Ursache für das abgehackte Echo zu erkunden.
Peter überwand geschickt mehrere Hindernisse und blieb plötzlich stehen. Er lauschte und verfolgte mit den Augen das Geräusch eines einsaugenden Luftstroms.
„Luftbewegung?“ Er blickte auf und bemerkte über sich eine große Öffnung.
„Ein Schacht? So weit innen...“ Mindy blieb neben ihm stehen und blickte nach oben. Sie musterte schnell den Raum um sie herum, die Objekte abschätzend. Sie waren nahe der Wand der Halle.
„Schau!“ Sie zeigte Peter mit der Hand darauf. Seine smaragdgrünen Augen starrten ungläubig – zarte Schuppen glitzerten wie Tautropfen in der Höhlendunkelheit.
„Nur ein Lichtspiel?“ Er trat näher und untersuchte es vorsichtig.
„Zu schön, um wahr zu sein.“