KAPITEL -1-
Die nächtliche Luft lastete schwer auf ihm wie Blei, durchtränkt vom metallischen Geruch von heißem Blut und dem Gestank verrottender Leichen. Der Mond, blass und gleichgültig, beleuchtete gespenstisch das zerfetzte, schneebedeckte Feld und enthüllte das grauenvolle Ergebnis eines gnadenlosen Gemetzels.
Seine Finger gruben sich erstarrt in den gefrorenen Boden, als er zwischen den zerfleischten Leichen kroch. Seine Kleidung verfing sich an zerbrochenen Waffen, jede Berührung brannte wie Feuer. Ein dumpfer, stählerner Klang vibrierte in seinen Ohren und verschmolz mit dem Schlag seines eigenen Herzens.
Mühsam hob er den Blick. Durch den Schleier seiner Tränen und Erschöpfung erkannte er zwei Gestalten auf einem fernen Hügel, die den tödlichen Tanz des Schicksals tanzten.
Etwas in ihm brach. Er wischte sich die Augen mit dem schmutzigen Ärmel und richtete sich auf seinen blutigen Knien auf. Er dürstete danach zu sehen, wer fallen würde. Seine ausgedörrten Lippen bewegten sich lautlos, während er die Bitterkeit seiner Gedanken schmeckte.
Der in Schwarz, ganz mit blauen Spritzern und verklebten Haaren bedeckt, brüllte und zerriss die Nacht. Sein Triumph hallte über das Feld und den Tod. Er hatte seinen Schlag geführt. Seine Augen brannten wie Flammen aus der Hölle, starrten auf das silberne Haar des Gefallenen.
In einem Moment unerträglicher Wut durchschnitt sein eleganter schwarzer Schwert den Luft in einem Bogen, verfolgt von den Blutstropfen, mit denen er gezehrt hatte, und grub sich in das Fleisch, durchtrennte die glänzende Rüstung. Ein Schwall von blauem Blut ergoss sich über den Schnee, überholte den Körper. Ein qualvoller Schreck ließ Krähen aufflattern und verstummte, verschmolz mit dem gnadenlosen Heulen des Windes.
Die düstere Gestalt in Schwarz beugte sich über den Sterbenden, strahlte sadistische Befriedigung über dessen Qualen aus. Sie blieb reglos stehen, bis das violette Licht in den Augen des Silberhaarigen verblasste und der Leere des Todes wich.
Der Dunkle brüllte triumphierend. Er steckte das Schwert ein, drehte dem Schlachtfeld den Rücken zu. Er schritt durch einen Haufen zerrissener Leiber und Pfützen aus blauem Blut.
„Warum?“, flüsterte er und riss seine verklebten Lippen auseinander. Ein Stöhnen voller Schmerz, Verzweiflung und Qual war kaum hörbar im Chaos des Schlachtfelds zu vernehmen.
Timothy Harris fuhr im Bett hoch, von einem Albtraum aufgeschreckt. Er atmete schwer, Schweiß perlte auf seiner Stirn. Er fuhr sich mit den Fingern durch sein feuchtes Haar und versuchte, die Bilder des Traums zu vertreiben. Dieser Albtraum verfolgte ihn Nacht für Nacht, wechselte sich ab mit drei anderen, die ihn mit unerbittlicher Regelmäßigkeit quälten.
Langsam beruhigte sich sein Puls und sein Atem wurde gleichmäßiger. Der Traum drehte sich um zwei unheilvolle Gestalten, die auf einer verschwommenen, verwüsteten Landschaft kämpften. Etwas in ihm beunruhigte ihn zutiefst, als ob es in seiner Seele widerhallte. Er rang darum, die Details zu erkennen, ihren wahren Sinn zu verstehen, aber jedes Mal, wenn er genauer hinschaute, entglitt ihm der Traum und hinterließ ein Gefühl unüberwindlicher Angst.
Mit einem Seufzer stand Timothy auf und trat ans Fenster, seinen Blick in den Nachthimmel versenkend. Die Sterne leuchteten schwach in der kosmischen Leere, unerreichbar für das menschliche Bewusstsein. Er versuchte, Trost in der ewigen Schönheit der Sterne zu finden, doch diesmal verließ ihn die Unruhe nicht. Mit jedem Tag wird es stärker, dachte er. Wenn das so weitergeht, hält mein Herz es vielleicht nicht aus.
Er atmete tief durch, von einer Vorahnung von etwas Schrecklichem erfasst. Die Sterne verschwammen, die Luft vibrierte. Er zitterte, als ihn etwas Unbekanntes umfing.
„Nicht schon wieder!“ Vor seinen Augen löste sich die vertraute Landschaft auf, zerrissen von einem helleren Streifen, der sich ausdehnte und die Silhouette einer fremden Stadt enthüllte. Wolkenkratzer ragten in den Himmel, glänzend und futuristisch, und in dem wolkenlosen Himmel flogen Maschinen. Timothy hielt den Atem an, überwältigt von der Größe des Anblicks. Dies war nicht seine Stadt, sondern etwas völlig anderes, als wäre sie einer anderen Realität entrissen.
Er berührte das Glas und versuchte zu begreifen, wie weit die Realität reichte. War das, was er sah, etwa nur wieder ein Traum? Sein Herz schlug bis zum Zerspringen, seine Handflächen waren schweißnass.
„Das kann nicht wahr sein“, murmelte er mit bebender Stimme. „Was zum Teufel…“
Plötzlich bog eine der fliegenden Maschinen von ihrem Kurs ab und raste mit hoher Geschwindkeit auf ihn zu. Der Junge zuckte zurück. Die Maschine bremste und näherte sich langsam, blieb nur wenige Zentimeter vor dem Fenster stehen. Timothy hielt den Atem an, als aus dem Inneren der Maschine, die von einem hellen blauen Licht erfüllt war, eine menschliche Gestalt auftauchte. Er blinzelte und versuchte, Einzelheiten zu erkennen. Die Person trug eine Art Raumanzug, glatt und glänzend. Der Helm öffnete sich, und Timothys Augen trafen auf zwei leuchtend blaue Kreise, die ihn durchbohrten.
Der Junge erstarrte. Er konnte den Blick nicht von diesen Augen abwenden. Er wollte fliehen, aber seine Füße waren wie eingewurzelt. Er presste die Lider zu, holte ein paar Mal tief Luft und öffnete sie wieder in der Hoffnung, alles wäre verschwunden. Doch es war nicht so. Er schluckte mühsam und kämpfte mit dem aufdringlichen Gefühl, dass das, was er erlebte, nicht nur seine Einbildung war.
Ein Klopfen an der Tür ließ ihn zusammenzucken. Sein Herz raste. Er schlüpfte schnell ins Bett und zog die Decke über sich. Die Tür öffnete sich, und Anna Harris betrat das Zimmer, die Frau, die ihn nach dem Tod seiner Eltern adoptiert und als ihren eigenen Sohn aufgezogen hatte.
„Zeit für die Schule, Tim“, sagte sie mit ihrem gewöhnlichen Lächeln. „Komm schon, steh auf. Ich weiß, du hasst es, zu spät zu kommen.“
Timothy blinzelte schläfrig, um seine Erregung zu verbergen.
„Ich bin in einer Minute fertig“, zwang er sich zu sagen und setzte sich langsam auf.
Als seine Mutter das Zimmer verlassen hatte, kehrte er ans Fenster zurück. Er starrte angespannt auf die Aussicht. Alles war wie immer – die vertrauten Häuser, Straßen und der Himmel, der heller wurde. Keine Spur mehr von der futuristischen Stadt, die sich ihm vor Augen gestellt hatte. Nur die bekannten Umrisse seiner Nachbarschaft.
„Was ist los mit mir?“ Timothy rieb sich verwirrt die Augen. Die Eindrücke dessen, was er gerade erlebt hatte, waren noch in ihm. Sie hatten sich tief in sein Bewusstsein eingebrannt.
Er schüttelte wn Kopf und versuchte, diese Gedanken loszuwerden. Er musste sich auf den bevorstehenden Tag konzentrieren – Schule, Hausaufgaben, Freunde. Er konnte es sich nicht leisten, sich von Träumen und verrückten Visionen ablenken zu lassen. Dies war seine Realität.
Er zog sich schnell an, warf sich die Tasche über die Schulter und verließ das Zimmer. In der Küche hatte Anna bereits gedeckt – Toast mit Butter, Käse und eine Tasse warme Milch mit Honig.
„Guten Morgen, Tim!“, nickte sie ihm zu und deutete auf den gedeckten Tisch. „Komm, iss etwas, sonst kommst du noch zu spät.“
Timothy setzte sich schwerfällig hin und stellte die Tasche neben sich ab. Er versuchte, möglichst natürlich zu wirken, und stürzte sich gierig auf das Brot. Anna setzte sich ihm gegenüber, begann aber nicht zu essen. Ihr Blick bohrte sich in ihn.
„Alles in Ordnung, Schatz? Du siehst irgendwie verstört aus.“
Er hob den Blick zu ihr. Er wollte ihr von seinen Visionen und Träumen erzählen, entschied sich aber dagegen. Wahrscheinlich war das alles nur Einbildung – oder seine Hormone spielten verrückt.
„Es ist nichts, Mom. Ich habe nur über... die Schule nachgedacht. Du weißt, wie sehr ich Mathe hasse.“
Anna griff über den Tisch und strich ihm durchs Haar. Sie schenkte ihm eines ihrer warmen Lächeln und begann dann zu essen.
„Das wird schon, Schatz. Du bist ein kluger Junge. Aber jetzt beeil dich, sonst kommst du zu spät.“
Minuten später durchquerte Timothy den vertrauten Schulhof. Sein Blick fiel auf ein fremdes Mädchen. Sie war ungefähr in seinem Alter und stand abseits der anderen Schüler. Sie musste neu sein – ihre Augen musterten alles um sie herum mit wacher Aufmerksamkeit. Und sie war atemberaubend schön. Ihr dichtes, rabenschwarzes Haar umrahmte das schmale Gesicht, und ihre augengrünen Augen musterten die Leute auf dem Hof genau. Timothy konnte nicht wegschauen. Irgendetwas an ihr fesselte ihn – die Art, wie sie sich bewegte und beobachtete. Etwas an der leichten Neigung ihres Kopfes, wenn sie jemanden fixierte, fand er unwiderstehlich süß.
Er bemerkte, dass sie ihn mehrfach ansah, aber es schien, als blickte sie durch ihn hindurch. Doch als ihre Blicke sich schließlich trafen, konnte er sie nicht mehr loslassen. Die Tiefe in ihren Augen faszinierte ihn. Er wusste nicht, ob er sich das nur einbildete, aber es schien, als blitzte für einen Moment ein Funke der Erkenntnis darin auf. Sie musterte ihn genau. Er fühlte sich unbehaglich, aber gleichzeitig auch geschmeichelt, dass sie Interesse an ihm zeigte.
Wer ist das? Kenne ich sie von irgendwo? Bestimmt nicht. Timothy verwarf den Gedanken und schaute sich um.
Ah, da ist er. Er beeilte sich zu Loren, der auf ihn am Schuleingang wartete.
„Alter, in welcher Wolke schwebst du heute? Warum wanderst du wie ein kopfloses Huhn auf dem Hof herum?“, grinste Loren, als Timothy näher kam. „Na, was quält dich?“
Timothy warf einen schnellen Blick zu dem Mädchen, das noch immer unbeweglich dastand und beobachtete.
„Siehst du das Mädchen da drüben?“, nickte er in ihre Richtung. „Die habe ich hier noch nie gesehen.“
Loren folgte seinem Blick und entdeckte die Fremde.
„Ah, verstehe. Gut geschmack hast du ja. Aber... nein, kenn ich nicht.“ Er zwinkerte ihm spitzbübisch zu. „Wahrscheinlich ist sie neu. Findest du sie etwa... interessant?“
„Interessant?“, wiederholte Timothy wie benommen, ohne sie aus den Augen zu lassen. „Mir ist aufgefallen, dass sie mich ansieht.“
Loren grinste bis über beide Ohren und klopfte ihm auf den Rücken.
„Warum sollte sie dich nicht ansehen, Tim? Wenn ein hübsches Mädchen mich angucken würde, wäre ich garantiert froh – nicht besorgt.“ Er grinste verschmitzt. „Vielleicht solltest du versuchen, dich vorzustellen. Mal sehen, was passiert.“
Timothy dachte über Lorens Vorschlag nach. Die Idee war verführerisch. Es war etwas so Anziehendes an dieser Fremden, dass es ihn verrückt machte. Er wollte mehr über sie wissen.
Doch bevor er reagieren konnte, drehte sie sich abrupt um und ging zum Schulgebäude, ohne ihnen auch nur einen Blick zu gönnen. Timothy beobachtete, wie sie in der Menge der Schüler verschwand, und seufzte.
Loren stieß ihm leicht den Ellbogen in die Rippen.
„Bravo, mein Held. Entschlossenheit pur. Das muss man dir lassen. Noch eine vertane Chance.“
Timothy runzelte verwirrt die Stirn über Lorens übertriebene Erwartungen.
„Ich weiß nicht... Irgendwas ist anders an ihr.“
„Tja, dann musst du es versuchen.“ Loren nickte zur Schultür. „Da, sie geht gerade rein. Aber zöger diesmal nicht. Halte Ausschau nach ihr, mein Freund.“
Timothy nickte und folgte Loren zum Schulgebäude. Unterwegs konnte er nicht aufhören, an das fremde Mädchen zu denken.
Als sie das Gebäude betraten, musterte Timothy aufmerksam den Flur. Er suchte nach dem schwarzhaarigen Mädchen, hatte sie jedoch in der Menge verloren. Enttäuscht seufzte er und ging weiter, hinter Loren her. Das Gefühl von heute Morgen, dass dieser Tag anders sein würde als alle anderen, hatte ihn nicht verlassen.
Während er den vertrauten Flur entlangging, blieb Timothy plötzlich stehen, gebannt von etwas vor ihm. Sein Herz schlug schneller, und sein Mund öffnete sich verwundert. Er war in einem Dschungel umgeben von Vogelgezwitscher und Insektensummen. Sogar eine Mücke stach ihn. Dann erscholl ein markerschütternder Schrei – fast menschlich. Er hob den Blick und sah, wie ein Leopard mit einer zuckenden Affenleiche im Maul von den Ästen eines nahen Baumes sprang.
„Komm schon, wir sind spät dran. Tim, alter Schwede, wo bist du schon wieder?“, fragte Loren genervt. Die Szenerie verschwand, und vor ihm lag wieder der vertraute Flur – samt Lorens verärgerter Miene.
„Manchmal frage ich mich wirklich, wo dein Kopf steckt. Ein Mädchen, und schon bist du weggetreten. Wir kommen zu spät.“
„Ja, ja, ich komme. Sorry, ich habe nur an Anna gedacht.“ Timothy versuchte, das eben Erlebte zu vertuschen.
„Wie auch immer. Los.“ Loren öffnete die Klassenzimmertür, und beide traten ein.
\ \ \*
Frau Dimitrescu, die Lehrerin, stand bereits vor dem Pult, bereit den Unterricht zu beginnen. Ungeduldig forderte sie sie auf, ihre Plätze einzunehmen.
„Guten Morgen, Schüler“, begrüßte sie sie und legte die Aktenmappen auf dem Pult ab, die sie mitgebracht hatte. „Ich habe eine besondere Ankündigung für euch. Heute schließt sich ein neues Mädchen unserer Klasse an. Bitte seid freundlich und heißt Thalia Grass herzlich willkommen.“
Thalia betrat das Klassenzimmer und zog mit ihrer exotischen Schönheit alle Blicke auf sich. Ihr Haar fiel ihr wie schwarzer Samt über die Schultern und ihre Augen funkelten wie grüne Wald-Smaragde. Langsam musterte sie ihre neuen Mitschüler, prüfte sie, und steuerte dann auf den freien Platz direkt vor Timothy zu. In ihr war keine Spur der typischen Unsicherheit eines Neuankömmlings – weder Schüchternheit noch Unbehagen. Sie strahlte Stärke aus und alle spürten das. Selbst die beiden Saris tauschten keine ihrer üblichen unverblümten Kommentare aus – ihr Markenzeichen bei der Begrüßung von Neulingen.
Timothys Herz machte einen Sprung, als Thalia sich auf den Stuhl vor ihm setzte. Er konnte den Blick nicht von ihr wenden, gebannt von ihrer Ausstrahlung.
„Willkommen, Thalia“, lächelte Frau Dimitrescu ihr gewinnend zu und winkte undeutlich in Richtung der Klasse. „Ich hoffe, du wirst in unserer Schule neue Kenntnisse erwerben und Erfolge erzielen.“
Thalia lächelte leicht, ohne ein Wort zu sagen. Timothy notierte sich, dass jede Bewegung des Mädchens außerordentlich bedacht, fließend und anmutig war.
„Timothy“, wandte sich die Lehrerin ihm zu und holte ihn aus seinen Betrachtungen zurück. „Du wirst heute Thalias Partner sein. Hilf ihr, sich zurechtzufinden und wohlzufühlen.“
Timothy schluckte schwer, nickte aber, während er spürte, wie er errötete.
„Ja, Frau Dimitrescu“, antwortete er, dann wandte er sich an Thalia und überwand seine Verlegenheit. „Hallo. Freut mich, dich kennenzulernen. Ich bin Timothy.“
Thalia musterte ihn mit leicht zusammengekniffenen Augen, bevor sie antwortete.
„Danke, Timothy“, ihre Stimme war leise und sanft, und er fand sie äußerst attraktiv. „Ich freue mich, dich kennenzulernen.“
Timothy bemerkte einen leichten Akzent, konnte ihn aber nicht einordnen. Er beobachtete sie weiter. Sie holte ein Heft und einen Kugelschreiber heraus und bereitete sich auf den Unterricht vor. Gewöhnliche Bewegungen, doch für Timothy war jede einzelne davon ein Ausdruck ungewöhnlicher Anmut und zurückhaltender Eleganz.
Was ist nur mit mir los? Ich starre sie an wie vom Donner gerührt, dachte Timothy beschämt. Mit Mühe richtete er seinen Blick auf die Lehrerin.
Der Unterricht begann, doch Timothy gelang es nicht, sich auf die Worte der Lehrerin zu konzentrieren. Seine Aufmerksamkeit kehrte unaufhörlich zu Thalia zurück.
Während die Lehrerin das neue Thema erklärte, hob Thalia die Hand.
„Entschuldigen Sie, Frau Dimitrescu“, stand sie leicht von ihrem Platz auf. „Ich bin bereits mit diesem Stoff vertraut. Würden Sie mir erlauben, den Unterricht zu überspringen?“
Frau Dimitrescu war für einen Moment von der Unterbrechung verblüfft, fasste sich aber schnell und nickte.
„Natürlich, Thalia. Wenn du diesen Stoff bereits kennst, kannst du selbstständig arbeiten. Wenn du etwas brauchst, lass es mich wissen.“
Thalia setzte sich wieder und begann in ihr Heft zu schreiben. Timothy beobachtete sie, fasziniert davon, wie eine lockere Strähne ihres Haares herabfiel und das Blatt in ihrem Heft berührte. Er fragte sich, was das Mädchen schrieb und warum sie zugab, den Stoff bereits zu beherrschen. Er fand keine Logik in diesem Verhalten. Als spürte sie seinen Blick, drehte Thalia sich um und traf Timothys Augen. Der junge Mann sah verlegen weg, doch für einen Moment glaubte er, einen undeutlichen Glanz in ihren Augen zu erkennen. Sie neigte den Kopf leicht zur Seite und kehrte zum Schreiben zurück. Timothy spürte, wie seine Wangen brannten. Er wusste nicht, warum, doch Thalias Anwesenheit ließ ihn sich wie auf Nadeln sitzen.
Die Stunde verlief in Stille, nur unterbrochen von der Stimme von Frau Dimitrescu. Timothy versuchte, sich auf die Erklärungen der Lehrerin zu konzentrieren, doch seine Gedanken kehrten immer wieder zu Thalia zurück. Er beobachtete verstohlen, wie sie konzentriert in ihr Heft schrieb, unbeeindruckt vom Umgebungslärm. Ihre ruhige, distanzierte Gegenwart irritierte ihn und zog ihn zugleich wie ein Magnet an.
Plötzlich spürte Timothy, wie die Welt um ihn herum zu verschwimmen begann. Die Konturen der Gegenstände im Klassenzimmer verwischten und lösten sich auf, als blickte er durch einen Schleier. Oh Gott! Nicht schon wieder, dachte er und blickte sich benommen um. Er sah, wie sich die Wände des Klassenzimmers auftaten und eine neue Szene vor ihm enthüllten. Wieder breitete sich die bereits bekannte gigantische Stadt mit ihren steilen Hochhäusern vor seinen Augen aus. Der Himmel hatte einen unnatürlichen violetten Schimmer und darin kreisten Flugmaschinen, die blaues Licht ausstrahlten. Timothy blinzelte verwirrt, unfähig es zu glauben. Das habe ich schon einmal gesehen.
Eines der Fluggeräte stürzte sich nach unten und steuerte direkt auf ihn zu, mit atemberaubender Geschwindigkeit näher kommend. Diesmal erschrak Timothy nicht. Er hatte das bereits erlebt. Er konzentrierte sich darauf, sich die Details einzuprägen. Die Maschine kam so nah, dass er durch ihre durchsichtige Hülle blicken konnte. Darin saß ein Wesen in einem glänzenden blau-weißen Raumanzug. Das Fluggerät machte eine scharfe Wendung und entfernte sich. Timothy blinzelte mehrmals und versuchte zu verstehen, was genau vorging. Er holte tief Luft.
Die Konturen des Klassenzimmers begannen sich wieder zusammenzusetzen und die Stadt verblasste. Timothy atmete erneut tief ein und langsam wieder aus. Seine Stirn war schweißnass.
Er blickte sich vorsichtig um. Niemand schenkte ihm Beachtung, außer der neuen Schülerin. Thalia hatte sich leicht zu ihm hingedreht, ihre zusammengekniffenen Augen studierten ihn. Lautlos formten ihre Lippen die Worte: Alles in Ordnung? Timothy schluckte schwer, es war ihm peinlich, dass sie ihn in diesem Moment der Schwäche gesehen hatte. Er nickte ihr zu und starrte auf das offene Heft vor sich. Er wünschte, der Boden würde sich auftun und ihn verschlingen.
Frau Dimitrescu setzte den Unterricht fort.
Was zum Teufel ist mit mir los? Warum sehe ich diese seltsamen Dinge? Und warum, verdammt, starrt mich Thalia weiterhin auf diese besondere Art an? Als wüsste sie, was mit mir nicht stimmt. Er sah zu ihr hinüber, doch diesmal war Thalia diejenige, die schnell den Blick auf ihr Heft senkte.
\ \ \*
Als die Schulglocke das Ende der Stunde verkündete, sprang Thalia auf und stürmte zu Timothy.
„Können wir kurz reden?“, fragte sie mit leiser, aber bestimmter Stimme.
Der junge Mann schluckte schwer und spürte, wie sich seine Nerven wie gespannte Saiten anfühlten.
„Ja, natürlich.“ Er versuchte, unbeeindruckt zu klingen. Zu seiner Überraschung packte sie ihn am Arm, zwang ihn aufzustehen, und zog ihn beiseite, weg von den neugierigen Blicken ihrer Mitschüler. Timothy folgte ihr schweigend, verwirrt von der plötzlichen Nähe und der Tatsache, dass sie die Initiative ergriffen hatte. Schließlich blieb Thalia abrupt stehen und drehte sich zu ihm um. Ihre Körper berührten sich, und Timothy zuckte zusammen, als er einen Funken zwischen ihnen überspringen spürte.
„Ich habe bemerkt, dass du... ungewöhnliche Erfahrungen während des Unterrichts hattest.“ Sie zeigte keine Verlegenheit. Sie sah ihm direkt in die Augen. „Du siehst Dinge, die andere nicht können, oder?“
Timothy erschrak, entsetzt über ihre Worte. Wie konnte sie von den Visionen wissen, die ihn quälten?
„Ich habe keine Ahnung, wovon du redest.“ Er versuchte abzuleugnen, aber seine Stimme verriet ihn.
„Versuch nicht, mich zu verarschen.“ Ihr ruhiger Ton brannte in ihm. „Ich habe deinen Blick gesehen. Alles stand darin geschrieben.“ Sie zeigte auf seine Schläfe. Sie warf einen schnellen Blick über seine Schulter und fuhr fort, nachdem sie sich vergewissert hatte, dass niemand sie beobachtete:
„Ich kann auch Dinge sehen, die nicht von dieser Welt sind. Ich bin mir fast sicher, dass du das auch kannst.“
Timothy starrte sie verblüfft an. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Sein ganzer Körper schrie danach, wegzulaufen.
„Du bist verrückt!“
„Oh, ich bin alles Mögliche, aber nicht verrückt.“ Ihr Lächeln war bezaubernd und entwaffnend. Vielleicht war es genau das, oder vielleicht die Zuversicht, mit der sie sprach, die ihn dazu brachte, sich diesem fremden Mädchen zu öffnen.
„Wenn du etwas darüber weißt, bitte, sag es mir“, flüsterte er nach einer kurzen Pause und sah sich schnell um. „Ich... ich verstehe nicht, was mit mir passiert.“
Thalia trat dicht an ihn heran. Ihre Brüste berührten die seinen. Sie legte eine Hand auf seine Schulter und drückte zu, als sie spürte, wie er zitterte.
„Ich werde versuchen, es dir zu erklären. Aber nicht hier und nicht jetzt. Komm nach der Schule mit mir, und ich werde dir zeigen, was mit dir passiert.“ Sie klang überzeugend. Viel zu überzeugend und schien überhaupt nicht verlegen zu sein, dass sie ihn fast umarmte.
„Bist du sicher, dass du nicht verrückt bist?“
Sie grinste ihn breit an und zeigte ihre schönen weißen Zähne. Seine Augen hefteten sich an ihre Lippen, die mit einem zarten bläulichen Rouge bedeckt waren. Timothy schluckte schwer, verwirrt, sogar verängstigt von seinen eigenen Worten. Adrenalin durchflutete seinen Körper und ließ ihn zittern. Er wollte Thalia nach mehr Details fragen, aber gleichzeitig fürchtete er, Dinge zu erfahren, die er nicht wissen wollte.
Sie antwortete ihm nicht. Vor seinen Augen wirbelten ihre glänzenden Haare, und bevor er etwas sagen konnte, war Thalia schon auf dem Weg zum Klassenzimmer und ließ ihn mit seinen Qualen allein. Timothy folgte ihr mit den Augen.
Was zum Teufel weiß sie über mich? Und warum bietet sie mir an, mir etwas zu enthüllen – was auch immer das sein mag? In seinem Kopf wirbelten Fragen ohne Antworten.
Fast mechanisch ging er den Flur entlang und suchte nach einem Schluck frischer Luft. Er trat nach draußen und atmete tief ein, um sich zu beruhigen. Er zögerte, das Angebot des Mädchens anzunehmen. Er wollte verstehen, was sie wusste, und vor allem, was mit ihm geschah. Aber andererseits schien es ihm zu viel, ihr zu folgen. „Wir kennen uns seit fünf Minuten.“ Sofort stellte er sich Loren spöttisches Grinsen vor.
Als die Pausenglocke ertönte, machte sich Timothy auf den Rückweg ins Klassenzimmer. Seine Augen suchten instinktiv nach Thalia und fanden sie bereits auf ihrem Platz sitzend. Timothy erwischte Loren Blick, der ihn beobachtete. Als er an ihm vorbeiging, griff Loren aus und packte ihn am Arm.
„Alles in Ordnung, Mann?“
„Ja, alles bestens“, nickte Timothy unsicher, wobei seine Stimme zitterte.
Loren sah ihn skeptisch an, sagte aber nichts mehr. Er ließ seinen Arm los, und Timothy setzte sich schnell auf seinen Platz. Jetzt, nach dem Gespräch mit Thalia, fühlte er sich noch verwirrter und unsicherer. Er wollte es nicht, aber nach und nach neigte seine Meinung über sie zu der Definition: „Noch so eine Verrückte.“ „Aber die schönste Verrückte, die ich je gesehen habe. Und wir scheinen beide im selben Chor zu singen.“ Er hätte fast gekichert. Er konnte sich beherrschen, aber nicht sein Lächeln verbergen. „Was verbirgt sie? Und warum interessiert sie sich plötzlich für mich?“
Nach dem Unterricht stürmte er aus dem Klassenzimmer. Er wollte nicht wieder mit Thalia sprechen, nicht jetzt, nicht so bald nach allem, was früher passiert war. Er stürmte in die Herrentoilette und schloss sich in einer der Kabinen ein. Sein Herz schlug bis zum Zerreißen. Er presste die Augen zusammen, aber die Bilder vor ihm drehten sich weiter. Und es passierte wieder. Wieder das vertraute Verschwimmen der Konturen, und er befand sich in dieser seltsamen, fremden Welt mit Wolkenkratzern und fliegenden Maschinen. Er spürte, wie alles um ihn ihn erdrückte. Er war verwirrt und besorgt über das, was mit ihm geschah.
Durch den Nebel des Geschehens vor seinen Augen hörte er Schritte und wie jemand versuchte, die Kabinentür zu öffnen. Das riss ihn heraus, und zu seiner großen Erleichterung verschwand die Vision.
„Timothy? Bist du da?“ Er erkannte die Stimme. Es war Thalia.
Er spürte, wie sein Körper erstarrte. Er wusste nicht, wie er reagieren sollte. Ein Teil von ihm wollte vor dem Mädchen stehen und Antworten verlangen, aber ein anderer Teil sehnte sich danach, sich zu verstecken und vor all dem davonzulaufen.
„Ich weiß, dass du da drin bist“, fuhr sie fort, diesmal mit festerer Stimme. „Bitte, mach auf. Komm schon, benimm dich nicht wie ein Kind.“
Timothy schluckte schwer und zögerte einen Moment. Aber als er spürte, wie sein peripheres Sehen begann, die Konturen zu verzerren, und sich das Bild der fremden Stadt vor seinen Augen zu klären begann, entschied er, dass es keinen Sinn hatte, sich zu verstecken. Langsam öffnete er die Tür und taumelte aus der Kabine. Sein Blick klärte sich sofort. Die Vision verschwand, noch bevor sie vollständig erschienen war. „Also so funktioniert es. Stress vertreibt es“, notierte er mental.
Thalia betrachtete ihn ruhig, und Timothy spürte, wie seine Wangen vor Scham und Sorge brannten.
„Schau, ich...“ Er kam nicht dazu, seinen Satz zu beenden, fast grob von ihr unterbrochen.
„Bitte, erzähl mir genau, was du siehst.“ Thalia trat auf ihn zu. „Ich möchte helfen.“
Timothy zögerte, entschied aber schließlich, dass er nichts zu verlieren hatte.
„Nun, ich... ich sehe Dinge, die nicht existieren“, begann er leise und unsicher. „Es ist, als ob ich in eine andere Welt reise, anders als unsere. Vorhin im Klassenzimmer sah ich eine riesige Stadt mit Wolkenkratzern und fliegenden Maschinen. Und jetzt wieder...“ Er verstummte, in dem Versuch, die Erinnerung an die Vision zu unterdrücken.
„Ich verstehe.“ Ihr Blick durchbohrte ihn. „Ist das alles? Nichts anderes? Gefühle, Bedürfnisse, etwas, das du tun möchtest?“
„Nun, da ist noch mehr“, gestand er und senkte den Blick. „Manchmal, wenn ich gestresst oder verwirrt bin, fühle ich, dass ich...“ Er machte eine Pause und suchte nach den richtigen Worten. „Als ob ich... die Gedanken der Menschen um mich herum hören könnte.“
„Interessant.“ Thalia kniff die Augen zusammen, nachdenklich. „Das passiert selten in diesem Stadium.“
Der junge Mann hob seinen verwirrten Blick scharf.
„Was willst du damit sagen? Was ist mit mir los? Bin ich krank?“
„Du bist gesund“, Thalia trat näher und packte ihn am Arm. „fit wie ein Turnschuh und es fehlt dir nichts. Du bist nur anders. Verstehst du das nicht?“
Sie machte eine Pause, beobachtete seine Reaktion, bevor sie fortfuhr:
„Ich habe auch ähnliche... nennen wir sie Fähigkeiten. Ich bin...“ Sie verstummte für einen Moment, als ob sie nach dem richtigen Wort suchte. Sie packte ihn am Arm. „Ich bin eine Lemurianerin, Tim. Genau wie du. Du erwächst gerade. Es scheint mir, dass du sehr bald genau wie wir sein wirst.“
Timothy riss die Augen weit auf, unfähig, etwas zu sagen. Er konnte nicht einmal begreifen, was Thalia ihm genau sagte.
Lemurianerin? Was zum Teufel soll das heißen? Ist das eine Diagnose oder reiner Wahnsinn?
Bevor er um eine Erklärung bitten konnte, flog die Tür der Toilette mit einem Knall auf, und ein atemloser Loren stürmte herein. Er erstarrte verwirrt. Sein Blick wanderte zwischen Thalia und Timothy hin und her.
„Tim? Was? Es war Thalia, oder?“ Seine Augen wurden groß, bevor ein schlaues Grinsen auf seinem Gesicht erschien. „Oh!“
„Nichts.“ Timothy riss seinen Arm von Thalia los und machte einen halben Schritt zurück. „Wir haben nur... gequatscht.“
Loren betrachtete sie langsam, sagte aber nichts mehr. Timothy warf einen verwirrten Blick auf Thalia und spürte, wie sie ihn mit diesem geheimnisvollen Ausdruck ansah, den er im Moment nicht besonders mochte.
„Komm schon, Mann.“ Loren nickte zum Ausgang. „Wir kommen zu spät zum Training. Entschuldige uns, Thalia.“
Timothy warf einen letzten Blick auf Thalia und spürte, wie seine Verwirrung und Sorge wuchsen.
„Wir reden später“, flüsterte sie ihm zu, bevor sie sich entfernte.
Timothy nickte noch unsicherer und folgte Loren. Er fühlte sich noch verlorener als zuvor.
\ \ \*
Als Timothy nach Hause kam, stellte er fest, dass seine üblichen Abendrituale ihm nicht mehr die gewohnte Ruhe brachten. Schon beim Betreten seines Zimmers spürte er eine Veränderung – die Luft schien zu vibrieren. Er hatte das Gefühl, beobachtet zu werden. Er lehnte sich gegen die geschlossene Tür und musterte nervös den Raum. Doch das Zimmer sah genauso aus wie immer – seine vertrauten Sachen standen an ihren Plätzen, das Bett war gemacht, und das Fenster blickte auf die ruhige Straße draußen. Er schluckte schwer und versuchte, seine schnellere Atmung zu kontrollieren.
„Ruhig, Tim, ruhig“, dachte er. „Du bildest dir das alles nur ein. Lass dich nicht von der Panik übermannen.“ Dennoch blieb das Gefühl einer unsichtbaren Präsenz.
Vorsichtig näherte sich Timothy dem Fenster und spähte hinaus. Nichts Ungewöhnliches. Die Straßenlaternen warfen ihr bekanntes gelbliches Licht, und in der Ferne war das vertraut schmerzende Geräusch vorbeifahrender Autos zu hören. Er seufzte und drehte sich um, bereit, ins Bett zu gehen. Doch als sein Blick auf die Decke fiel, wich er abrupt zurück. Darauf zeichnete sich ein Symbol ab – eine komplexe geometrische Figur aus verschlungenen Linien, als wäre sie mit unsichtbarer Hand gezeichnet worden. Timothy blinzelte mehrmals, unfähig, seinen Augen zu trauen.
„Wie zum Teufel ist das hierhergekommen? Vorhin war es noch nicht da.“
Langsam näherte er sich dem Bett, den Blick fest auf das plötzlich aufgetauchte Zeichen gerichtet. Er streckte die Hand aus. Er wollte es berühren, zog sie aber im letzten Moment zurück, von Entsetzen gepackt. Das Symbol schien lebendig zu werden – seine Linien leuchteten in bleichem, pulsierendem Licht, als hätte es seine Annäherung gespürt. Timothy sprang zurück, sein Herz raste wie ein verschrecktes Pferd.
„Was zum Henker geht hier vor?“ Dieses Zeichen, dieses Leuchten – all das war unnatürlich, geradezu übernatürlich. Er erstarrte, starrte auf das Bett. Jede Faser seines Körpers war angespannt, bereit für eine blitzschnelle Reaktion auf Gefahr. Dann bemerkte er ein Flackern am Rande seines Blickfelds. Plötzlich klärte sich seine Sicht, das Flimmern verschwand, und er stand wieder am Fenster.
„Puh! Es war nur eine Vision.“ Er beherrschte sich schnell und holte tief Luft. Langsam gewöhnte er sich an diese Sprünge zwischen Realem und Irrealem. Vom Schreibtisch schnappte er sich ein Blatt Papier und einen Stift und begann hastig, das Symbol zu skizzieren, das langsam in seinem Bewusstsein verblasste.
KAPITEL -2-
Samstag. Normalerweise gibt es nichts Schöneres. Aber nicht dieser, nicht für Timothy. Gequält von den Visionen, nach einem ganzen Tag des Kampfes gegen sie, beschloss er, trotz des regnerischen Wetters und der hereinbrechenden Abenddämmerung nach draußen zu gehen.
Über Pfützen springend wie eine Katze über glühende Kohlen, überquerte er die Straße, zielstrebig auf sein Lieblingscafé zu. Er hoffte, dass das Eintauchen in die vertraute, lebhafte Atmosphäre seinen Kopf von den verwirrenden Visionen und Erinnerungen befreien würde, die dabei waren, die Grenzen der Realität zu verwischen.
Fast stürzte er durch die Tür des „Unter der Silbertanne“. Er war außer Atem und pitschnass. Der warme Duft von frisch gemahlenem Kaffee und knusprigen Bacon-Sandwiches kitzelte seine Sinne und ließ ihn lächeln. Das gedämpfte Gemurmel leiser Gespräche und das melodische Klirren von Tassen führten ihn den Weg zur ersehnten Ruhe.
Seine Augen gewöhnten sich langsam an das Halbdunkel, erhellt vom sanften Licht gedämpfter Glühbirnen und den flackernden Flammen der Kerzen auf den Tischen. Er beachtete die Regentropfen nicht, die an ihm herunterliefen und auf den glänzenden Boden fielen. Er schritt zu den vertrauten Holztischen und gemütlichen Nischen in den Ecken.
Dann blieb sein Blick an der bekannten Silhouette von Thalia hängen, die allein in einer Ecke saß. Sie starrte ihn direkt an. Er schluckte schwer und spürte, wie sich seine Nerven wie gespannte Saiten anfühlten. Er zögerte einen Moment und steuerte dann auf ihren Tisch zu.
Thalia schien sein Erscheinen erwartet zu haben. Ein leichtes Lächeln huschte über ihr Gesicht, als er näher kam.
„Ich bin froh, dass du gekommen bist.“
Timothy blickte sich unwillkürlich um, und seine Schultern entspannten sich leicht, als er die vertrauten Einrichtungsgegenstände sah – die warmen Holzmöbel, die eleganten Bilder an den Wänden. Der Geruch von frisch gebrühtem Kaffee erfüllte seine Nase und schien ihm einen Schluck Selbstvertrauen einzuflößen.
Er setzte sich auf den Stuhl gegenüber.
„Was willst du von mir?“
Das Mädchen durchbohrte ihn scharf mit ihren durchdringenden grünen Augen, bevor sie antwortete.
„Anklagend und direkt? Gut, lass uns Klartext reden.“
Sie richtete sich auf und legte ihre Hände auf den Tisch.
„Du erlebst etwas Ungewöhnliches, nicht wahr? Etwas, das du dir nicht erklären kannst.“
Timothy schluckte schwer und spürte, wie die Anspannung in ihm wuchs. Er war sich nicht sicher, ob er Thalia vertrauen konnte, aber gleichzeitig fühlte er, dass sie die Einzige war, die ihm helfen konnte, das zu verstehen, was mit ihm geschah.
„Woher weißt du von... davon?“
Seine Stimme klang müde von den Qualen, die er durchgemacht hatte, und das war unübersehbar.
„Ich habe ein geschultes Auge. Und ich bin hellsichtig. Ich sehe, dass in dir etwas mehr steckt, mehr als du dir selbst vorstellen kannst.“
Die Kellnerin näherte sich ihnen mit zwei Tassen Kaffee.
„Doppelter Espresso, wie Sie ihn mögen.“
Mit einem professionellen Lächeln stellte sie die Tassen vor sie hin.
„Kann ich Ihnen sonst noch etwas anbieten?“
„Nein, danke, Emma. Das ist alles fürs Erste.“
Thalia lächelte ebenso gekünstelt. Die Kellnerin Emma nickte, lächelte auch Timothy zu und zog sich zurück zur Theke, wo neue Bestellungen warteten.
Timothy nahm seine Tasse, trank aber nicht; stattdessen starrte er Thalia an.
„Was meinst du mit diesem ‚etwas mehr‘?“
Thalia hielt seinen Blick fest, während sie ihre Tasse betrachtete. Eher spürte als sah sie das leichte Zittern seiner Hand.
„Ich werde es dir erklären. Aber du sollst wissen, dass es dir seltsam und unmöglich vorkommen wird. Du wirst mich für... Moment, wie hast du gedacht – ‚verrückt‘, nicht wahr?“
Sie lachte, als er sichtlich zusammenzuckte und fast seinen Kaffee verschüttete.
„Und natürlich wirst du es leugnen.“
Der Junge schluckte und spürte, wie sich seine Haare sträubten. Gleichzeitig wurde seine Neugierde stärker. Vielleicht hatte Thalia die Antworten, die er suchte, und außerdem – „Wie zum Teufel weiß sie das?“
„Gut. Ich höre.“
Er versuchte, seiner Stimme Festigkeit zu verleihen.
Thalia nickte, und in ihren Augen bemerkte Timothy einen lebhaften Glanz.
„Zum Anfang: Du bist kein Mensch. Du bist... ein Lemurianer.“
„Bitte?“
Er wäre fast von seinem Stuhl hochgesprungen.
„Setz dich und beruhige dich. Du bist ein Lemurianer.“
Sie winkte lässig mit der Hand ab.
„Und was soll das bedeuten?“
Leise und selbstbewusst erklärte Thalia, dass er in Wirklichkeit kein Mensch sei, sondern ein Nachkomme einer außerirdischen Rasse. Timothy war wie vom Donner gerührt. Er umklammerte die Tasse in seiner Hand, seine Augen waren weit aufgerissen. Das war zu unglaublich, zu unwirklich.
„Was? Lemurianer? Du machst Witze, oder?“
Schließlich brachte er es mit unnatürlich hoher und piepsiger Stimme heraus.
Thalia schüttelte den Kopf und fuhr ruhig fort.
„Ich verstehe, wie das für dich klingt. Ich habe überlegt, wie ich es dir beibringen soll. Und ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es keinen einfachen Weg gibt. Also mache ich es direkt. Du bist kein Mensch. In dir fließt das Blut meiner Rasse.“
Timothy trank einen Schluck Kaffee und versuchte, seine Erregung zu beherrschen. Seine Hände zitterten. Er umfasste die Tasse mit beiden Händen und spürte die Wärme des heißen Espressos. Der Dampf stieg vor seinem Gesicht auf und verschleierte seinen Blick auf Thalias durchdringende Augen.
„Nein... nein, das kann nicht wahr sein. Ich bin... ich bin ein Mensch aus dem verdammten Silverpine Hollow. Ich gehe zur Schule, ich hatte Eltern... Wie kann ich ein Außerirdischer sein?“
Thalia streckte die Hand aus und berührte Timothys Handfläche, um ihn zu beruhigen.
„All das ist wahr, fast wahr. Du bist als Mensch aufgewachsen, weil wir diesen Weg gewählt haben. Wir haben dich erschaffen, und in dir fließt unser Blut, unsere Kraft. Du bist eines unserer Geschöpfe und bist hier mit einem Zweck – einem wichtigen Zweck.“
Timothy schüttelte den Kopf und zog sich von Thalias Berührung zurück.
„Nein, das kann ich nicht glauben. Ich bin nur... nur Timothy. Nichts weiter.“
Thalia seufzte.
„Wie ich dir schon sagte – du wirst es leugnen. Ich weiß, dass es verwirrend für dich ist. Du musst es erst verstehen und dann akzeptieren. Du bist kein gewöhnlicher Junge. Du bist ein Lemurianer, und als solcher besitzt du Fähigkeiten, die nach irdischen Maßstäben unglaublich sind. Nun, du begreifst sie noch nicht. Genau deshalb bin ich hier. Um dir zu helfen, dein wahres Wesen zu entdecken. Um dich durch diesen Übergang zu führen.“
Timothy schüttelte den Kopf und weigerte sich, Thalias Worte anzunehmen.
„Nein, das kann ich nicht glauben. Bitte, nein... lass mich einfach in Ruhe. Ich will gehen.“
Er erhob sich abrupt vom Tisch und verschüttete dabei fast seinen Kaffee. Thalia verfolgte ihn mit traurigem Blick, als er zur Tür stürmte.
„Timothy, warte!“
Sie rief ihm nach, doch er war bereits durch die Tür verschwunden und ließ sie im fast leeren Café zurück.
Timothy stürzte hinaus in die kalte, feuchte Abendluft. Der Regen prasselte unvermindert, doch er spürte ihn kaum. Sein Kopf brodelte vor Gedanken, während er versuchte, alles zu verdauen, was Thalia ihm offenbart hatte.
Ein Lemurianer? Er war Timothy Harris. Ein Mensch aus Silver Pine. Er konnte kein außerirdisches Wesen sein. Das konnte einfach nicht wahr sein.
Er hastete die Straße entlang, getrieben von der verzweifelten Sehnsucht, vor all dem zu fliehen. Er wollte Thalia nicht glauben, er konnte es nicht. Dennoch flüsterte eine innere Stimme, dass sie die Wahrheit sprach. Sie war so überzeugt, und diese Visionen, diese unerklärlichen Fähigkeiten... alles deutete auf etwas Größeres hin.
Er rannte. Immer schneller, immer weiter. Doch er konnte nicht fliehen, nicht davor. Seine vertraute Welt zerbrach vor seinen Augen. Nichts schien mehr sicher. Er war jemand, den er selbst nicht kannte. Eine Welle der Unsicherheit überrollte ihn.
Plötzlich blieb er mitten auf der Straße stehen. Der eisige Nachtwind peitschte die Regentropfen wie Nadeln gegen sein Gesicht. Sie rannen in Strömen herab und sickerten in seinen Kragen. Die Kälte spürte er nicht. Aus der Ferne drangen gedämpfte Musik und Lachen aus den Bars zu ihm, übertönt vom pochenden Blut in seinen Ohren. Seine ganze Welt war ins Wanken geraten, die Realität durch ein einziges Gespräch unwiderruflich zersprungen.
Seine Gedanken waren wie ein stürmisches Meer – wirbelnd, chaotisch, überschwemmten ihn mit Wogen der Verwirrung, Unsicherheit und Angst.
Er erinnerte sich an die seltsamen Visionen, die ihn in letzter Zeit verfolgt hatten – exotische Landschaften, unbekannte Wesen, intensive Emotionen, die nicht ihm gehörten. Er presste die Augen fest zusammen und versuchte, den Sturm in seinem Kopf zu bändigen. Wenn Thalia die Wahrheit sagte, bedeutete das, sein ganzes Leben war eine Lüge gewesen. Alles, was er kannte, nur eine Fassade, die sein wahres Wesen verbarg.
Warum hatte er so lange unwissend leben müssen, ohne zu wissen, wer er wirklich war? Was wurde vor ihm verborgen? Und welche „Mission“ erwartete ihn, von der Thalia sprach? Oder war sie eine Betrügerin, die seine Verletzlichkeit für ihre Spiele nutzte?
Timothy öffnete die Augen und starrte in den dunklen Himmel über sich. Der Regen schien seine Zweifel fortzuwaschen. Er musste die Wahrheit erfahren. Er konnte nicht einfach fliehen und sich in der vertrauten Normalität verstecken. Wie konnte man überhaupt vor sich selbst fliehen? Vor den Erinnerungen, den Gefühlen, die ihn überwältigten – all das führte zu etwas, das er verstehen musste.
Langsam drehte er sich um. Sein Blick heftete sich auf die Tür in der Ferne, hinter der Thalia immer noch wartete. Er machte einen Schritt, dann noch einen. Jede Bewegung festigte seinen Entschluss: Er musste es wissen. Er musste Thalia bis zum Ende zuhören. Verstehen, wer er wirklich war. Denn wenn sie die Wahrheit sagte, würde sein Leben nie mehr dasselbe sein.
Timothy stürmte zurück ins Café „Unter der Silberkiefer“. Sein Herz hämmerte wild. Sein Blick richtete sich auf den Tisch in der Ecke, wo er Thalias Augen traf.
Er durchquerte den Raum und setzte sich dem Mädchen gegenüber, das seine Welt erschüttert hatte. Thalia ließ ihn nicht aus den Augen.
„Es tut mir leid.“
Timothys Worte kamen mühsam über seine Lippen.
„Ich habe überreagiert... Alles, was du gesagt hast, ist so... unglaublich.“
„Ich verstehe. Ich habe nicht erwartet, dass es leicht sein würde.“
Sie machte eine Pause, wählte ihre nächsten Worte sorgfältig.
„Die Wahrheit ist nicht immer ein willkommener Gast. Und wenn es um eine Offenbarung geht, wenn du erfährst, dass außerirdisches Blut in deinen Adern fließt... dann wird es noch—“
Timothy ballte die Fäuste auf dem Tisch, um das Zittern seiner Hände zu verbergen.
„Angenommen, es stimmt. Erzähl mir mehr über sie.“
Seine Stimme bebte vor Emotion.
„Was sind Lemurianer wirklich? Und warum behauptest du, ich wäre einer von ihnen?“
Thalia beugte sich leicht vor. Ihr Gesicht war angespannt, ihre Augen glänzten.
„Lemurianer sind eine uralte Rasse. Wie du bereits ahnen kannst, sind wir der Menschheit weit überlegen. Mehr noch, meine Vorfahren erschufen das Leben auf der Erde, einschließlich der menschlichen Rasse.“
Timothy schluckte schwer und versuchte, ihre Worte zu verdauen.
„Ich bin nur ein normaler Junge...“
Thalia streckte die Hand aus und berührte Timothy diesmal entschiedener.
„Und wenn du es tausendmal wiederholst – du wirst nie ein normaler Junge sein, Timothy.“
Timothy schüttelte den Kopf, weigerte sich, ihre Worte anzunehmen. Seine Ohren sausten, seine Lippen waren trocken. Er rang nach Luft.
„Beruhige dich. Ich verstehe, wie schwer es für dich ist, die Wahrheit zu akzeptieren. Du wirst freischalten, was in dir angelegt ist. Siehst du nicht jetzt schon Erinnerungen, die nicht deine sind?“
Er nickte schnell. Er kämpfte um Selbstbeherrschung.
„Aber sie sind deine, nur aus einer anderen Vergangenheit. Du erkennst es nur noch nicht.“
Timothy spürte, wie etwas in ihm rebellierte, als wäre es durch die immense Anspannung und Thalias Worte provoziert. Die Erinnerungen, von denen sie sprach, begannen an die Oberfläche zu drängen – Bilder fremder Welten, Erinnerungen an unerklärliche Kräfte, die ihn erfüllten. Er schüttelte den Kopf, um sie zu vertreiben.
„Nein, ich kann kein Lemurianer sein.“
„Ob du willst oder nicht – du bist es. Du musst es akzeptieren und weitermachen.“
Thalia betrachtete ihn traurig.
„Und dann wirst du diese Welt verändern.“
Timothy wollte schon scharf erwidern, zögerte dann. Plötzlich bemerkte er, wie sich etwas in ihm veränderte. Er fühlte, wie sich ein Schleier von seinem Bewusstsein hob, seine Sinne sich schärften. Eine unbestimmte Kraft wuchs in ihm. Das Rauschen in seinem Kopf wurde lauter. Ein Mann an einem Nachbartisch war besonders laut. Timothy drehte sich um. Sein Blick heftete sich auf den Mann im dunkelgrauen Wollpullover über einem grünen Hemd. Er hörte deutlich gesprochene Worte, doch die Lippen des Mannes bewegten sich nicht. Er spürte dessen Emotionen. Was zum Teufel? Ich glaube, ich höre seine Gedanken. Er keuchte, verwirrt und gestresst.
Thalia beobachtete ihn aufmerksam, als hätte sie diesen Moment vorhergesehen.
„Ha! Aber das... das ist unmöglich.“
Timothys Stimme zitterte.
„Ich kann solche Dinge tun?“
„Absolut. Du bist ein Lemurianer.“
In Thalias Augen tanzte amüsierte Befriedigung.
„Das ist nur der Anfang deiner Fähigkeiten. Und ich wiederhole – ich bin hier, um dir zu helfen, sie zu verstehen und zu meistern.“
Timothy betrachtete seine Hände, als sähe er sie zum ersten Mal. Er spürte, wie Barrieren in seinem Kopf fielen, wie seine Selbstsicherheit unerklärlich wuchs. Die Kraft in ihm wurde stärker. Sie drang an die Oberfläche seines Bewusstseins, und er konnte sie nicht mehr vor sich selbst leugnen. Er war etwas anderes als ein normaler Junge. Er war ein Lemurianer. Noch immer verwirrt und leicht verängstigt, hob Timothy den Blick zu Thalia.
Thalia verfolgte die Emotionen, die Timothy durchlitt, während er die neue Information verarbeitete. Jede Regung in seinem Gesicht verriet den inneren Kampf.
„Was jetzt mit dir passiert, ist ein normaler Prozess für uns. Sieh es als eine Art lemurianische Pubertät.“
Der Junge starrte sie mit weit aufgerissenen Augen an und schluckte schwer.
„Und du erwartest, ich sollte bereit dafür sein? Dass ich akzeptiere, mein ganzes Leben war eine Lüge? Wie soll ich glauben, ich sei ein außerirdisches Wesen und kein Mensch?“
Seine Hand zitterte leicht, fast synchron mit seinem linken Augenlid. Thalia bemerkte das nervöse Zucken und streckte die Hand aus, berührte mit ihrer Handfläche die zitternde Hand.
„Es ist schwer, sehr schwer. Es mag schockierend sein. Aber das ist die Realität für dich.“
„Warum gerade ich? Warum wurde ich ausgewählt, einer von euch zu sein?“
Timothy schüttelte den Kopf und zog sich leicht von ihrer Berührung zurück.
Thalia seufzte tief, bevor sie antwortete.
„Du wurdest nicht ausgewählt.“ Sie lächelte rätselhaft. „So funktioniert das nicht. Du wurdest erschaffen. Du bist Teil des ‚Kakavida‘-Programms – ein Projekt, in das wir unsere Hoffnungen für die Zukunft gesetzt haben. Du bist eines unserer Geschöpfe, der erste der neuen Lemurianer. Erschaffen, um unserer Rasse beim Überleben zu helfen. Um aufzusteigen und gegen die Feinde zu kämpfen, die diese Welt bedrohen.“
Timothy presste die Zähne zusammen und kämpfte gegen die komplexe Mischung aus Emotionen, die ihn überwältigten. Wütend, dass man ihn benutzt hatte, verängstigt von seinen neu entdeckten Fähigkeiten, aber auch fasziniert von der Idee, eine besondere Bestimmung zu haben.
„Du willst sagen, ich bin... eine Art Reagenzglas-Experiment? Erschaffen, um den Zielen deiner Rasse zu dienen?“
fragte er bitter.
Thalia schüttelte den Kopf.
„Nein. Du bist definitiv kein Experiment. Deine Erschaffung folgt unseren Traditionen hier auf der Erde. So entwickeln wir uns weiter. Wir erschaffen eine Generation, indem wir die Gene sorgfältig auswählen, und dann wird der Fötus von einer menschlichen Frau ausgetragen. Damit der zukünftige Lemurianer die Menschen kennenlernt, eine Beziehung zu ihnen hat.“
„Also meine Eltern...“
„Sie sollten dich aufziehen und erziehen, bis du erwachsen warst.“
„Du sagst mir, dass sie nicht meine biologischen Eltern waren...“
begann Timothy, seine Stimme klang fast ängstlich.
„Sie sind nicht meine echten Eltern?“
Thalia schüttelte den Kopf.
„Sie haben dich aufgezogen. Sie haben dich geliebt, bis zu ihrem Tod.“
Timothy presste die Zähne zusammen und kämpfte gegen die wirbelnden Emotionen.
„Und mein ganzes Leben war eine einzige große Lüge? Alles, woran ich geglaubt habe, war eine Täuschung?“
Thalia streckte die Hand aus und berührte erneut Timothys Handfläche, um ihn zu beruhigen.
„Du weißt selbst, dass deine Eltern dich wirklich geliebt haben. Was sie dir gegeben haben – Liebe, Fürsorge, Erziehung – war absolut echt. Das Einzige, was nicht wahr war, ist deine Herkunft. Aber das wussten sie auch nicht.“
„Wenigstens haben sie mich nicht belogen.“
„Nein. Du wurdest in vitro gezeugt. Ich persönlich habe den Austausch vorgenommen und ich schwöre, sie hatten keinen Verdacht.“
„Du!“
„Genau.“
Thalia seufzte tief und verstand, wie schmerzhaft dieses Erlebnis für Timothy war. Und wie schwer es für ihn war, es zu begreifen.
„Wie alt bist du eigentlich, dass du...“
„Bei uns verläuft die biologische Zeit anders. Wir haben Technologien, die es uns ermöglichen, unsere Körper zu regenerieren.“
„Aber wirst du es mir trotzdem sagen?“
„Ich weiß nicht, wie ich deine Frage beantworten soll. Ich verfolge das schon lange nicht mehr. Ich sage dir nur, dass es noch keinen Mond gab, als ich zum ersten Mal im Orbit dieses Planeten ankam.“
„Aber das!“
Er konnte es sich nicht einmal vorstellen.
„In all dieser Zeit gab es lange Phasen, in denen ich in Stasis war. In letzter Zeit muss ich mich sehr oft regenerieren.“
„Darauf werde ich dich nicht ansprechen.“
„Du musst versuchen, die Dinge anders zu betrachten.“
Timothy senkte wieder den Blick auf seine Hände und kämpfte gegen die wirbelnden Gedanken und Emotionen. Er fühlte sich betrogen, enttäuscht, aber auch erfüllt von einer wachsenden Kraft, die in ihm aufstieg. Er wusste nicht, was er denken sollte, wie er damit umgehen sollte. Das Einzige, dessen er sich sicher war, war, dass sein Leben nie mehr dasselbe sein würde.
„Also... also bin ich ein Lemurianer? Und was genau bedeutet das? Wie wird sich mein Leben verändern?“
Thalia lächelte nun deutlich ermutigender.
„Du besitzt – oder wirst besitzen – Fähigkeiten wie Telepathie, Telekinese, Regeneration... Obwohl wir Lemurianer genetisch den Menschen ähneln, gibt es doch gewisse Unterschiede.“
„Wenn ich sie habe, dann weiß ich nicht, wie ich sie kontrollieren soll. Wie ich damit umgehen soll. Wie ich... ein Lemurianer sein soll.“
Thalia streckte die Hand aus und berührte Timothys Handfläche.
„Ich werde es dir beibringen. Ich werde dich in die Praktiken unserer Rasse einführen. Ich werde dich auf die Herausforderungen vorbereiten, die auf dich warten.“
Der Junge sah sie an und erkannte in ihren Augen einen aufrichtigen Wunsch, ihm zu helfen.
„Warum? Warum hilfst du mir? Warum kümmerst du dich um mich?“
fragte er und konnte seine Überraschung nicht verbergen.
„Weil du Unterstützung brauchst.“
antwortete Thalia und drückte ermutigend seine Hand.
„Ich hoffe, du wirst der Schlüssel zur Zukunft sein. Die Hoffnung für unser Volk und für alle intelligenten Wesen auf diesem Planeten. Und ich werde alles tun, um dich auf das Kommende vorzubereiten.“
Timothy schwieg einen Moment lang und dachte über Thalias Worte nach. Ein Teil von ihm wehrte sich immer noch und weigerte sich, die ungewöhnliche Wahrheit über sich selbst zu akzeptieren. Aber gleichzeitig spürte er, wie eine tiefe Verbindung in ihm erwachte, als ob etwas seinen Weg nach Hause gefunden hätte.
Mit einem leisen Seufzer nickte er.
„Gut. Ich werde versuchen, das alles zu akzeptieren. Aber...“
Er verstummte für einen Moment und traf Thalias durchdringenden Blick.
„Erwarte nicht, dass es sofort geschieht.“
Thalia lächelte, als hätte sie eine solche Antwort erwartet.
„Keine Sorge. Ich weiß, dass dies ein interessanter Weg für dich werden wird. Ich werde bei jedem Schritt an deiner Seite sein.“
Sie drückte seine Hand als Zeichen der Unterstützung, und in ihren Augen lag eine unerwartete Entschlossenheit. Timothy spürte, wie diese Wärme begann, sich in ihm auszubreiten, als würde er sie als seine eigene annehmen.
\ \ \*
Sebastian Mornau verließ das ihm zugewiesene Büro und durchquerte mit schnellen Schritten den Korridor der luxuriösen Residenz des Klans „Sternenreiche“. Seine Schritte hallten auf dem Marmorboden wider und verrieten seine Ungeduld. Die Zeit arbeitete gegen ihn, und er musste umgehend handeln, um die nötige Unterstützung für die anstehenden Wahlen zu sichern.
Als er den geräumigen Sitzungssaal betrat, warf Sebastian einen schnellen, abschätzenden Blick um sich. Er nickte der Gastgeberin Amara Victorova – der Anführerin der Sternenreichen – zu und verbeugte sich leicht vor den Vertretern des Klans „Scharlachroten“, die sich um den massiven Eichentisch versammelt hatten.
„Ich danke dir, Amara, dass du dieses Treffen organisiert hast. Mir ist bewusst, dass niemand Zeit zu verschwenden hat, deshalb bin ich dankbar, dass ihr euch die Zeit genommen habt.“
Mornau musterte die Anwesenden mit durchdringendem Blick, bevor er fortfuhr:
„Ich habe dieses Treffen erbeten, weil wir vor einer entscheidenden Herausforderung stehen.“
Er machte eine Pause, damit seine Worte im Raum nachhallten.
„Wie ihr wisst, steht die Wahl eines neuen Ratsvorsitzenden bevor. Dies ist ein entscheidender Moment für die Zukunft unserer Gemeinschaft. Ich bin überzeugt, dass ich der richtige Kandidat bin und diese Last tragen kann.“
Amara Victorova lehnte sich zurück, ohne den Sprecher aus den Augen zu lassen. Als er eine kurze Pause einlegte, mischte sie sich ein:
„Sebastian, ich begrüße deinen Ehrgeiz und erkenne deine Führungsqualitäten an.“ Ihr Blick glitt zu den Scharlachroten. „Doch du kannst deine Kandidatur nicht im Alleingang durchsetzen. Du brauchst eine ausreichende Mehrheit im Rat. Ohne diese wäre jedes Vorhaben sinnlos.“
Mornau verengte die Augen – er hatte mit dieser Reaktion gerechnet. Zwar waren die Sternenreichen und Scharlachroten seine engsten Verbündeten, doch die territorialen Reibereien zwischen ihnen würden es ihm nicht leicht machen, sie für seine Kandidatur zu vereinen. Beide Klans würden Gegenleistungen fordern.
„Du hast völlig recht, meine liebe Amara.“ Seine Stimme blieb gefasst. „Um Erfolg zu haben, brauche ich eure Unterstützung. Warum schmieden wir nicht ein gemeinsames Bündnis? So könnten wir dem Rat eine stabile Zukunft sichern.“
Amara tat so, als erwäge sie den Vorschlag, während sie verstohlen die ausdruckslosen Gesichter der Scharlachroten musterte. Als einer von ihnen kaum merklich nickte, reagierte sie sofort:
„Das klingt vernünftig. Ich nehme an, du wärst der gemeinsame Kandidat? Natürlich müssen wir Details besprechen. Wir erwarten Schlüsselpositionen in der neuen Führung.“
Mornau unterdrückte ein Lächeln. Er würde Zugeständnisse machen müssen, doch das Ergebnis würde es wert sein. Mit der Unterstützung der Sternenreichen und Scharlachroten würden seine Siegeschancen exponentiell steigen.
„Selbstverständlich werden wir alles besprechen. Lasst uns eure Forderungen auf den Tisch legen und eine faire Vereinbarung treffen.“ Mit einer Handbewegung verwies er auf den Tisch.
Die Scharlachroten wechselten Blicke, bevor einer von ihnen das Wort ergriff:
„Wie werden wir Kornelius aus dem Rennen um den Vorsitz drängen?“
Mornau nickte bedächtig. Kornelius war ein ernstzunehmender Rivale mit breiter Unterstützung einiger Klans. Noch hatte er seine Kandidatur nicht offiziell erklärt, doch es war sonnenklar, dass er es tun würde.
„Kornelius und Bartoldo waren und bleiben unsere gemeinsamen Gegner. Ich werde mich um Kornelius kümmern.“ Er sah die Anwesenden der Reihe nach an. „Im Gegenzug erwarte ich eure uneingeschränkte Unterstützung für meine Kandidatur.“
Amara Victorova lächelte.
„Und wirst du mich im Gegenzug gegen Bartoldos Dreistigkeit und die Übergriffe seines Klans in Südamerika unterstützen?“
„Du hast mein Wort. Klan Mornau wird Seite an Seite mit den Sternenreichen stehen.“
„Dann sind wir uns einig. Die Sternenreichen stehen hinter dir, Sebastian. Gemeinsam werden wir siegen.“
Mornau erwiderte das Lächeln zufrieden. Das Bündnis mit den Sternenreichen und Scharlachroten würde der Dreh- und Angelpunkt seiner Kampagne sein. Jetzt musste er sich nur noch um Kornelius kümmern.
Sebastian lehnte sich zurück und spürte, dass er im Rennen um den Vorsitz des Vampirrates bereits einen entscheidenden Vorsprung hatte.
„Ausgezeichnet.“ Er nickte. „Wir haben eine solide Grundlage für unsere Koalition. Nun muss ich mich um Kornelius’ Ausschaltung kümmern.“
Zu Amara Victorova gewandt, verengte er die Augen.
„Ich habe einige Ideen, wie wir Kornelius vor den anderen Klans bloßstellen können. Ich werde meine Kontakte mobilisieren und die nötigen Schritte einleiten.“
Amara nickte sichtlich zufrieden, trotz des Mangels an Details. Mehr konnte sie von Sebastian nicht erwarten.
„Wir verlassen uns auf dich, Sebastian. Kornelius ist ein harter Gegner und muss neutralisiert werden, wenn du Erfolg haben willst.“
„Keine Sorge.“ Mornaus Lächeln wurde schmal. „Ich werde dafür sorgen, dass Kornelius aus dem Spiel genommen wird. Unsere Koalition wird siegreich sein.“
Er erhob sich und verbeugte sich respektvoll vor den Scharlachroten – eine Geste des Respekts gegenüber ihrer japanischen Kultur. Beim Hinausgehen gab er Amara ein Zeichen, ihm zu folgen.
„Lass uns die Details unseres Plans besprechen. Je schneller wir handeln, desto besser.“
Als sie den Korridor entlanggingen, spürte Mornau eine Welle der Zuversicht. Amara würde leicht zu handhaben sein, und was die Scharlachroten anging... sie waren für ihn ein offenes Buch. Einmal zugesagte Unterstützung würden sie nicht zurückziehen, und ihre Forderungen würden sich vermutlich auf die Kontrolle über Sachalin beschränken. Er war nur noch einen Schritt entfernt von der Verwirklichung seines Traums von der höchsten Macht.
\ \ \*
Im Zwielicht lag die imposante Schattenfestung in London – die uralte Zuflucht des mächtigen Vampirclans MacAster. Michael Cornowil, ihr Anführer und Anwärter auf den Vorsitz des Rates, durchmaß sein Kabinett mit hinter dem Rücken verschränkten Händen. Sein Blick blieb an einem filigranen Metallzepter in der Ecke hängen, dessen kristallene Spitze ein sanftes, bläuliches Licht ausstrahlte. Ein Relikt aus der längst verschwundenen lemurianischen Zivilisation, das Geheimnisse barg, über die Cornowil nur mutmaßen konnte.
Seine Aufmerksamkeit wanderte zum Bildschirm, wo die regungslose Gestalt von Thalia Gras auf ihn wartete. Ihr langes, hellblaues Gewand kontrastierte mit dem rabenschwarzen Haar und den smaragdgrünen Augen, in deren Tiefen sich Cornowil stets verlor.
„Ich spüre, dass die östlichen Clans sich hinter Mornau stellen werden. Wenn ich ihn nicht rechtzeitig aufhalte, ist meine Sache verloren“, murmelte er.
Thalia schüttelte den Kopf, ihre Stimme war beruhigend:
„Mornau ist ein gefährlicher Gegner, aber überschätzt du ihn nicht? Ehrgeizig, ja, aber nicht heimtückisch.“
Cornowil kniff die Augen zusammen:
„Ich fürchte Mornau nicht! Doch er wird die Chance auf ein Bündnis zwischen Vampiren und Lemurianern zunichtemachen.“
Seinen Blick auf Thalia gerichtet, als suche er Zustimmung, fuhr er erregt fort:
„Wenn Mornau das Verbot der Erforschung eurer Technologie aufhebt, wird er alle Ressourcen des Rates in die Suche nach den Überresten eurer Basen stecken. Das wäre eine Katastrophe. Ich muss ihn aufhalten.“
Die Tür sprang abrupt auf und Ricardo Bartoldo, ein treuer Verbündeter aus Clan Bartoldo, stürmte herein. Seine hohe Gestalt und der finstere Ausdruck kündeten von schlechten Nachrichten.
„Mornau hat seinen ersten Zug gemacht! Er hat ein offizielles Bündnis mit den Sternen und den Kirschen geschlossen. Es ist jetzt fast unmöglich, ihn zu stoppen.“
Cornowil ballte die Fäuste, beherrschte seinen Zorn. Er wandte sich an Thalia:
„Diese Allianz erschwert die Dinge. Mit ihrer Unterstützung ist Mornau der Sieg zum Greifen nah. Ich habe verloren!“
„Das stimmt nicht“, überlegte Thalia. „Ihr habt noch immer eine Chance, ihn aufzuhalten, wenn ihr klug handelt und offene Konfrontation vermeidet.“
Bartoldo mischte sich ein, sichtlich erbost:
„Und wir sollen die Hände in den Schoß legen?! Wenn Mornau den Posten ergreift, können wir uns ihm später nicht mehr entgegenstellen. Mein Clan wird als Erster leiden.“
„Thalia hat Recht, Ricardo“, hob Cornowil beschwichtigend die Hand. „Mornau ist nicht der Typ, der leicht nachgibt. Wir müssen schlauer sein, um ihn in diesem Spiel auszustechen.“
Er zögerte, bevor er leiser fortfuhr:
„Ich hoffe, es kommt nicht dazu, aber wenn alles andere scheitert, könnten… drastische Maßnahmen nötig sein.“
Ein leichtes Klopfen unterbrach ihn. Seine Sekretärin trat ein, warf einen raschen Blick auf die Anwesenden.
„Was gibt es, Greta?“
Das Mädchen zögerte:
„Herr Cornowil, Hakim al-Hajj vom Clan Aspis ist hier. Er verlangt dringend eine Audienz.“
„Führen Sie ihn herein. Der Clan der Aspiden ist in unserem bescheidenen Heim stets willkommen. Ein treuer Verbündeter.“
Sekunden später stand die imposante Gestalt al-Hajjs auf der Schwelle. Er nickte Ricardo zu und musterte die unbekannte Frau auf dem Bildschirm nachhaltig. Nur Cornowil kannte ihre wahre Natur. Für die anderen war Thalia lediglich eine vertraute Strategin des Clans. Hakim verbeugte sich leicht.
„Unterwegs erfuhr ich von dem Bündnis zwischen Mornau und den Sternen und Kirschen. Die Lage wird kritisch.“
Schwere Stille breitete sich aus. Cornowil durchbrach sie zuerst, seine Stimme bedacht:
„Mit dieser Allianz gewinnt Mornau enorme Macht. Wir können ihn nur aufhalten, wenn wir all unsere Ressourcen klug einsetzen. Wir werden deine Kontakte und Leute brauchen, Hakim.“
Al-Hajj nickte langsam, seine blauen Augen bohrten sich in den Gegenüber:
„Clan Aspis wird euch unterstützen. Es liegt nicht in unserem Interesse, dass Mornau den Rat führt. Unsere Ältesten bewerten das Risiko als zu hoch.“
„Eure Älteste zeigen, wie immer, bewundernswerte Weisheit.“ Cornowil musterte die Anwesenden. Er wusste nicht, ob er ihnen vollkommen vertrauen konnte, doch er hatte keine Wahl. „Der Clan MacAster wird mit der Unterstützung von Aspis und Bartoldo einen eigenen Kandidaten für den Posten stellen. Lasst uns unsere ersten Züge planen...“
Cornowil begann, seinen Plan zu erläutern, wie Mornau diskreditiert und weitere Verbündete gewonnen werden könnten. Ein erbitterter Kampf um jede Stimme im Rat zeichnete sich ab.
Mitternacht war verstrichen. Im Kabinett Cornowils herrschte angespannte Stille. Ein paar Kerzen warfen flackernde Schatten auf sein erschöpftes Gesicht. Er saß gedankenverloren hinter dem massiven Eichenschreibtisch, das unberührte Whiskyglas vor sich. Ricardo und Hakim hatten sich bereits auf den Weg gemacht, jeder mit seinem Teil des Plans beladen. Nur Thalia blieb, schweigend vom Bildschirm aus beobachtend.
Cornowil erhob den Blick zum uralten Zepter. Es erinnerte ihn daran, warum er diesen Weg eingeschlagen hatte – den Erhalt des zerbrechlichen Gleichgewichts und des Friedens.
„Thalia“, holte er ihre Aufmerksamkeit zurück. „Ich muss mehr über Mornau wissen. Könnte er Spuren eures Wissens und eurer Technologie entdeckt haben?“
In ihren übernatürlich grünen Augen blitzte etwas auf, bevor sie mit ihrer betörenden Stimme antwortete:
„Es ist möglich, wenn auch unwahrscheinlich. Mornau ist besessen von der alten Geschichte und Artefakten. Er glaubt aufrichtig, unser Volk habe ungesehene Energiequellen und Kräfte besessen. Was natürlich stimmt. Wenn er an einige davon gelangt, werden seine Ambitionen ins Unermessliche wachsen. Die Folgen sind unabsehbar, aber sicher nicht gut. Bisher sind die Basen jedoch gut geschützt, und er ist nicht an sie herangekommen.“
Cornowil schloss die Augen und durchschritt das geräumige Kabinett.
„Dann müssen wir ihn um jeden Preis stoppen. Wir dürfen nicht zulassen, dass er den Rat führt, besonders nicht mit Zugang zu lemurianischer Technologie. Das Risiko ist zu groß.“
Thalia schüttelte den Kopf, ohne Anzeichen von Besorgnis:
„Auch wenn ihr jetzt seine Pläne durchkreuzt, Mornau ist hartnäckig. Er wird nicht so leicht aufgeben. Ich bezweifle, dass dies sein Streben nach Macht beenden wird.“
„Du hast Recht. Hoffen wir, dass Bartoldos und al-Hajjs Spionagenetzwerke entscheidend sein werden.“
„Mit ihrer Hilfe deckt ihr Südamerika, Afrika ab, und durch deinen Clan – Europa und Teile Asiens.“
Er schlug mit der Faust auf den Tisch:
„Selbst wenn es sein muss, werde ich einen offenen Konflikt mit Mornau provozieren. Dazu bin ich bereit.“
Thalia durchbohrte ihn mit ihrem Blick:
„Das würde die Vampire schwächen. Ein Konflikt mit so vielen Opfern darf nicht eskalieren. Niemand gewinnt dabei. Ihr müsst stark bleiben. Eine viel größere Bedrohung steht bevor. Ich werde deine Bemühungen unterstützen, koste es, was es wolle, aber denke vernünftig. Selbst über die Möglichkeit hinaus, dass ich mich mit Sebastian Mornau treffe.“
Sie blickte zum Zepter in der Ecke:
„Das ist dieselbe Waffe, die uns bei jenem denkwürdigen Treffen vor Jahrhunderten das Leben rettete. Sie ist ein Symbol der Entschlossenheit in unserem Anliegen. Lasst uns den wahren Feind nicht vergessen, Michael.“
„Du hast mir damals die Augen geöffnet.“ Cornowil lächelte, als er sich daran erinnerte, wie er sich auf Thalia gestürzt hatte, die Bedrohung durch den überlebenden mechanischen Krieger aus den Jahrtausenden ignorierend. Ohne sie wäre er jetzt tot. Er nickte ihr bewundernd zu. Im Namen der Gerechtigkeit und des Gleichgewichts war er bereit, Mornau nicht nachzugeben.
Die ersten Strahlen der Dämmerung drangen durch die gotischen Fenster. Der Morgen kündigte einen Neubeginn an – Triumph oder Niederlage.
Die Londoner Straßen glänzten unter einem Teppich aus Frühtau, als Ricardo Bartoldo die Schattenfestung verließ. Seine stattliche Gestalt war in einen schwarzen Umhang gehüllt, der sich hinter ihm im Wind bauschte, während er zielstrebig zu seinem Wagen schritt.
Er war mit einer lebenswichtigen Mission betraut – sein weitverzweigtes Netz aus Informanten und Spionen zu aktivieren, um Informationen über Mornaus Aktionen zu sammeln. Dies war ihre Chance, seinen Aufstieg zu stoppen. Sie mussten ihn irgendwie vor seinen Verbündeten aus den Sternen und Kirschen bloßstellen.
Er stieg in den Wagen und nickte dem Fahrer zu. Das Auto setzte sich in Richtung Flughafen in Bewegung.
„Zeit zu handeln“, knurrte Bartoldo ins Telefon. „Unterschätzt den Gegner nicht – er ist gnadenlos und schreckt vor nichts zurück.“
Wenn Cornowil verliere, könne er das Territorium seines Clans allein nicht halten. Mornaus Appetit auf Südamerika sei unersättlich. Ganz zu schweigen von den Sternen – sie hätten es längst auf Chile abgesehen. Verdammt noch mal! Bartoldo schlug gegen die Armlehne. Diese Gedanken machten ihn wütend. Als ob die Probleme mit den Drogenkartellen nicht schon genug wären, jetzt auch noch dieser unerwartete Rückzug von Lord Radu Vladislav. Angeblich zu alt, der alte Knacker. Dabei ist er seit mindestens zweitausend Jahren so. Ausgerechnet jetzt beschließt er, sich zurückzuziehen!